Musik

Wenn Mystik auf Antigua trifft Dieser Au/Ra kann man sich nicht entziehen

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Gerade mal 18 - und schon auf der Überholspur: Au/Ra.

(Foto: Liam Arthur / RCA Records / Sony)

Vergleiche lassen meist nicht lange auf sich warten. Und so wird Sängerin Au/Ra bereits in einem Atemzug mit Lorde oder Billie Eilish genannt. Mit Mystik-Pop erobert die 18-Jährige mit deutschen Wurzeln die Streaming-Portale. Und das, obwohl sie doch im sonnigen Antigua aufgewachsen ist.

Antigua? Da denkt man an die Karibik, Palmen und Sonne rund um die Uhr. "Genauso ist es hier auch", sagt Au/Ra mit einem Lachen. Aber natürlich könne es auch mal anders aussehen, dann etwa, wenn die Hurrikan-Saison über das Eiland hereinbricht. Und auch mit Blick auf die Versorgung kann es im Paradies mitunter rau werden. "Der Strom wird schon mal abgestellt. Und während einer Dürre muss man auf den Wasserverbrauch achten. Da duscht man dann halt nur noch jeden zweiten oder dritten Tag. Das ist der Kompromiss, den man eingehen muss, wenn man an so einem Ort lebt", weiht einen die Sängerin abermals mit einem Lachen ein.

Au/Ra ist definitiv kein Kind von Traurigkeit, auch wenn man es beim ersten Blick vielleicht meinen könnte. Mit ihren langen grünen Haaren mutet sie elfenhaft an. Und das kommt nicht von ungefähr. Schließlich ist sie der vielleicht größte lebende "Der Herr der Ringe"-Fan überhaupt. "Natürlich habe ich die Bücher gelesen!", ist sie geradezu entrüstet, wenn man sie fragt, ob sie denn nur die Filme oder auch die literarische Vorlage kenne. "Ich bin der totale Freak. Ich habe sogar eine 'Der Herr der Ringe'-Fan-Fiction geschrieben. Der Name des Hauptcharakters war Aura", erklärt sie.

"Für immer grüne Haare"

Hier schließt sich auch schon der Kreis zu ihrem Künstlernamen und ihrer Bühnenfigur, die die als Jamie Lou Stenzel geborene Sängerin kreiert hat. "'Der Herr der Ringe' hat einen großen Einfluss auf meine Karriere gehabt", erklärt Au/Ra ihren von Fantasy und Anime geprägten Kosmos, auch wenn die konkrete Wahl ihrer Haarfarbe noch einen anderen Grund hat. "Ich und meine beste Freundin waren 13, als wir versucht haben, unsere Eltern zu erschrecken. Wir waren beide blond und dachten, die Haare grün zu färben, wäre wirklich übel. Aber ich bin hängengeblieben und habe die Haare seither nicht mehr anders getragen", sagt sie. Und sie fügt - natürlich mit einem Lachen - an: "Jetzt ist es ein Teil meines Images und meiner Identität. Würde ich mich davon lösen, würde man mir wahrscheinlich eine Identitätskrise nachsagen. Ich weiß nicht, was ich tun soll! Ich bin darin gefangen, für immer grüne Haare zu tragen!"

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In ihre Musik und ihren Style fließen Fantasy und Anime ein.

(Foto: Liam Arthur / RCA Records / Sony)

"Für immer" wäre tatsächlich eine ziemlich lange Zeit in ihrem Fall. Als wir das Interview mit Au/Ra führen, steht gerade mal ihr 18. Geburtstag am 15. Mai bevor. "Einerseits freue ich mich darauf, 18 zu sein, andererseits habe ich aber auch Angst davor - weil ich nicht erwachsen werden will. Aber eigentlich muss man das ja auch nicht, nur weil man 18 wird", gerät der Nachwuchsstar ins Sinnieren. Einen Vorteil daran, zumindest auf dem Papier erwachsen zu sein, erkennt Au/Ra dann aber doch: "Ich freue mich darauf, den Führerschein zu bekommen. In Antigua kommt man ohne Auto praktisch nirgendwo hin. Andere Fortbewegungsmittel gibt es kaum. Selbst fahren zu dürfen und nicht immer meine Eltern darum bitten zu müssen, dass sie mich irgendwo hinfahren, wird toll."

Verrückte Zeiten

Ihre Eltern, das sind ihr Vater Torsten Stenzel, der als Musikproduzent arbeitet, und ihre Mutter, die selbst Sängerin ist. Beide stammen aus Deutschland, lernten sich jedoch auf Ibiza kennen und zogen mit der Tochter durch die Welt. "Für mich war dieses Inselleben und das Unterwegssein mit einem Boot immer total normal", erläutert Au/Ra auf Englisch, denn auch wenn ihre Eltern Deutsche sind, fühlt sie sich in der deutschen Sprache nicht ganz sicher. "Es ist schon eine sehr außergewöhnliche Art aufzuwachsen. Ich habe viel Zeit auf Booten verbracht oder am Strand. Jetzt in eine Stadt zu ziehen, war für mich schon ein Kulturschock."

Denn seit Februar lebt sie in London. Eigentlich. Just als die Corona-Krise ihren Anfang nahm, ist sie nach Antigua aufgebrochen, was seit ihrer Kindheit schon ihre "eigentliche Heimat" ist. "Hier habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Hier lebt der Mittelpunkt meiner Familie", sagt Au/Ra. Die Familie, mit der sie in der Corona-Isolation endlich mal wieder länger zusammen war - "was gut ist, auch wenn es für alle natürlich eine verrückte Zeit ist".

Dabei durchlebt die frischgebackene 18-Jährige eigentlich schon seit Jahren eine verrückte Zeit. Ihrem kindlichen Drang, eine Gesangskarriere anzustreben, schieben ihr die Eltern zunächst einen Riegel vor. "Sie wollten auf keinen Fall, dass ich Musikerin werde. Sie kannten ja all die Fallstricke, die es da gibt, von sich selbst. Auch finanziell war es für sie immer ein Kampf. Und alle Eltern wollen, dass ihre Kinder einen finanziell stabilen Job anstreben."

"Ich liebe Lana Del Rey"

Doch Au/Ra lässt nicht locker. Sie ist gerade mal um die elf Jahre alt, als sie beginnt, Coverversionen auf Youtube hochzuladen. "Sie waren wirklich schlecht", räumt sie mit Blick auf ihre ersten Versuche ein. Dennoch haben ihr musikalischer Ehrgeiz und ihre Beharrlichkeit etwas Gutes. "Von da an nahm es mein Vater auch ernst", erinnert sich Au/Ra. "Wenn, dann musst du es richtig machen", habe er sie überzeugt, die ersten "schrecklichen" Videos zu löschen. Er habe sie mit ins Studio genommen und mit ihr Reggae-Cover aufgenommen. "Dadurch bin ich immer tiefer eingestiegen. Ich habe angefangen, Songs zu schreiben. So kam eins zum anderen und ich habe angefangen, in L.A. zu arbeiten und Leute zu treffen. Ich war damals wirklich jung, vielleicht 13", erläutert Au/Ra ihre irre Geschichte.

Von ihrem Vater hat sie dabei nicht nur jede Menge Tipps bekommen. Als Techno-Produzent hat er natürlich auch seine Spuren im musikalischen Gedächtnis der Tochter hinterlassen. "Klar, elektronische Musik machte den Großteil seiner Arbeit aus. Wir haben auch viel Kraftwerk gehört. Meine Mutter wiederum stand auf Ambient und Chillout-Jazz-Musik wie Norah Jones. Ich bin mit einem coolen Mix verschiedener Sounds aufgewachsen, was mich natürlich stark beeinflusst hat. Aber ich glaube, meinen wichtigsten Einfluss habe ich selbst entdeckt: alternativer Pop. Das war, was ich machen wollte", sagt Au/Ra.

Ihr allergrößtes Idol steht dabei fest. "Ich liebe Lana Del Rey", platzt es ohne große Umschweife aus ihr heraus. Kritiker, die immer gern zu Vergleichen greifen, nennen Au/Ras Namen jedoch auch schon mal gern in einem Atemzug mit Kolleginnen wie Lorde oder sogar Mega-Shootingstar Billie Eilish. "Ich nehme das definitiv als Kompliment. Denn sie alle schätze ich wahnsinnig. Für mich ist es ein großes Glück, mit ihnen verglichen zu werden, auch wenn ich natürlich mein eigenes Ding machen will. Nichts läge mir ferner als andere zu kopieren", stellt Au/Ra klar.

Nicht nur BlaBla

Andere zu kopieren, hat sie jedoch auch gar nicht nötig. Schon ihr Lied "Panic Room" mausert sich im März 2018 im CamelPhat-Remix zu einem Club-Hit, der es auf weit über 100 Millionen Spotify-Streams und mittlerweile auch Platin-Status bringt. Was folgt, ist unter anderem eine Kooperation mit Star-DJ Alan Walker. Der gemeinsame Song "Ghost" wird Teil des Soundtracks zum Computerspiel "Death Stranding". Vor Kurzem hat Au/Ra mit "Ideas" ihren bislang neuesten Song veröffentlicht.

"Der Song ist eine Warnung an mich selbst, nicht dumm zu sein. Ich bin jemand, der sich gern irgendwelche Szenarien überlegt und Erwartungen daran knüpft. Wenn es dann nicht so kommt, bin ich echt enttäuscht", erklärt Au/Ra, deren Texte über das oft übliche BlaBla hinausgehen. "Ich schreibe aber schon auch Liebeslieder", gibt sie zu. "Ich möchte aber über Dinge singen, die anderen das Gefühl geben, verstanden zu werden. Und mir gefällt, wenn du sagst, dass es nicht nur BlaBla ist", freut sie sich mal wieder mit einem Lachen.

Abgesehen davon, dass sie ihr unerwartet viel Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden beschert hat, hat die Corona-Pandemie der Sängerin auch noch eine andere Möglichkeit eröffnet: im Heimstudio auf Antigua intensiv zu arbeiten. "Es gab viele virtuelle Schreibsessions. Auch an der Produktion habe ich gesessen. Und ich habe Piano gespielt", erklärt die Musikerin. Jetzt fehlt zu ihrem Glück eigentlich nur noch die Chance, ihr Können auch live unter Beweis zu stellen. "Früher hatte ich ziemliches Lampenfieber. Ich dachte, ich würde mich auf der Bühne nie wohlfühlen. Aber in den vergangenen Jahren habe ich das überwunden", verrät Au/Ra, die nun heiß darauf ist, endlich als Headliner aufzutreten. Nicht nur irgendwo. Und sicher auch nicht nur auf Antigua. Sondern in Konzertsälen und auf Festivals weltweit.

Quelle: ntv.de