Musik

Springsteen hat neues Album Von Wurzeln und Flügeln

LTY_Center Spread_Danny Clinch.jpg

Der Boss kann es noch.

Auf seinem neuen Studioalbum "Letter To You" blickt Bruce Springsteen zurück. Was er sieht, hört und spürt, sind wohlgesinnte Geister, familiäres Glück und der Geist eines Sounds, der nicht totzukriegen ist. Und das ist auch gut so.

Ein Holzhaus voller Gitarren und Verstärker irgendwo im Herzen der Ostküsten-Vorzeigegemeinde Colts Neck: Im Apple-TV-Begleitfilm zum neuen Studioalbum "Letter To You" genießt Bruce Springsteen das Miteinander mit seiner E Street Band in vollen Zügen. Fünf Tage lang quartierte sich "die großartigste Crew" zusammen mit ihrem Chef und Aushängeschild in dessen Studio in New Jersey ein, um bei Tequila und Mineralwasser ein Album aufzunehmen, das die Geister der Vergangenheit ehrt und adelt.

In Zeiten, in denen der digitale Globalrausch immer mehr Tempo aufnimmt, lehnt sich ein gereiftes Kollektiv, das zusammen beinahe dreimal so alt ist wie das Fundament, auf dem es musiziert, entspannt zurück und kramt dabei im eigenen Archiv.

Ein musikalischer Liebesbrief

"Letter To You" ist ein musikalischer Liebesbrief an die verstorbenen Mitstreiter (Clarence Clemons, Danny Frederici) mit denen der Boss über drei Jahrzehnte lang die Stadionwelt regierte. Es ist aber auch eine Adelung des großen Ganzen.

Wenn Amerikas Arbeiterklasse-Sprachrohr im "House Of A Thousand Guitars" seinen Amp aufdreht und seinem näselnden Organ Spiritualität, Attitüde und Pathos zur Seite stellt, dann geht es um das Herz, die Seele und den "Wertekatalog" einer außergewöhnlichen Musikerfamilie. Die E Street Band und das, wofür diese Gemeinschaft seit über 40 Jahren steht, ist allgegenwärtig. Selbst wenn das Familienoberhaupt kurzzeitig alle Stecker zieht und in alter "Nebraska"-Manier alle Scheinwerferlichter für sich beansprucht ("Rainmaker"), ist der Geist seiner ewigen Mitstreiter präsent.

Grüße in Richtung Asbury Park

ANZEIGE
Letter To You
12,66 €

Allzu lange hält es Bruce Springsteen aber "ohne" seine Familie nicht aus. Gemeinsam mit den alten Herren Roy Bittan (Piano), Charles Giordano (Organ), Nils Lofgren (Gitarre), Steve van Zandt (Gitarre), Garry Tallent (Bass), Max Weinberg (Schlagzeug), Clemons-Neffe Jake (Saxofon) und seiner Ehefrau Patti Scialfa (Gesang) verschickt der Boss unzählige opulente Grüße in Richtung Asbury Park und beschwört die Geister des guten alten Rock'n'Roll.

Mehr zum Thema

Satte Midtempo-Rocker wie der groovende Titeltrack, die mitreißenden Arena-Hymnen "Burnin' Train" und "Ghosts" und das gen Himmel schunkelnde "The Power Of Prayer" bewerben sich mit Nachdruck um die wenigen freien Plätze auf zukünftigen "Greatest Hits"-Compilations. Es sind rockende und rollende Vierminüter, deren Vorfahren mächtige Wurzeln schlugen, um motivierten Windschattenfahrern wie Mike Ness (Social Distortion), Brian Fallon (The Gaslight Anthem) und Wolfgang Niedecken (BAP) Flügel zu verleihen.

Spirit eines Ur-Sounds

Im Herbst 2020 zieht der Boss die Zügel wieder strammer. Nach dem ruhigen Kniefall vor der amerikanischen Weite und dem nicht enden wollenden Traum von Freiheit und einer besseren Welt ("Western Stars") stehen nun familiärer Zusammenhalt, Dekaden überspannende Loyalität und der Spirit eines Ur-Sounds im Mittelpunkt, der auch in Zeiten von Bits, Bytes und Autotune noch in der Lage ist, überdimensionale Spuren zu hinterlassen.

Quelle: ntv.de