Panorama

"Wir kämpfen um jeden" Das Corona-Sterben verändert alles

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Trotz bester medizinischer Versorgung ist das Virus oft stärker.

(Foto: dpa)

Auf der Intensivstation liegen die schwerkranken Patienten. Leben und Tod sind hier nah beieinander, doch im harten Corona-Winter sterben auf der Intensivstation der Charité so viele Patienten wie nie zuvor. Die Psychologin Erdur betreut Patienten, Angehörige und Ärzte in dieser Situation.

Als Laurence Erdur im Januar 2020 auf der Station 43 der Berliner Charité anfängt, steht sie vor neuen Herausforderungen. Bis dahin hat die Psychologin mit psychosomatisch erkrankten Patientinnen und Patienten gearbeitet. Nun geht es darum, auf der Intensivstation eine psychologische Versorgung einzubringen - ein Modellprojekt des Virchow-Klinikums. Drei Monate später beginnt die Corona-Pandemie.

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Laurence Erdur ist seit 2008 an der Charité.

(Foto: privat)

Seitdem hat die 39-Jährige mehr Menschen sterben sehen als je zuvor in ihrem Leben. "Wenn man im Intensivbereich arbeitet, ist man immer auch mit Sterben konfrontiert", sagt Erdur ntv.de. "Aber vor allem im Dezember 2020 und im Januar 2021 war es anders. In kurzer Zeit sind bei uns viele Menschen gestorben, die vorher praktisch völlig gesund waren und vorher mitten im Leben standen."

Die Station 43 verfügt über sogenannte ECMOs (Extracorporal Membrane Oxygenation). Mit den Spezialgeräten können Patienten, deren Lungen versagen, über einen künstlichen Kreislauf extern mit Sauerstoff versorgt werden. Für Covid-Erkrankte, deren Lungen vom Virus massiv angegriffen sind, ist die ECMO oft die letzte Hoffnung. Doch selbst mit der Hightech-Medizin gelang es in diesem Winter nicht immer, die Patienten zu retten- eine schwierige Situation auch für Ärztinnen, Ärzte und Intensivpflegekräfte.

Verzweiflung und Ohnmacht

"Es ist ein Kontrollverlust, dass all die Instrumente, die Waffen, die Mittel, die man so hat, einfach nicht funktionieren", beschreibt Erdur die Verzweiflung und Ohnmacht ihrer Kollegen. "Die Behandler bauen ja auch eine Beziehung zu den Patienten auf, sogar dann, wenn diese nicht bei Bewusstsein sind. Man pflegt sie und hat eine Fürsorge für sie." Doch für die eigene Trauer ist kaum Zeit. Wegen der sehr hohen Zahl an schwer Erkrankten wird jedes Intensivbett dringend gebraucht und wenn ein Patient geht, wartet bereits der nächste. Noch immer gibt es für Covid-19 kein Medikament, das die Ursache behandelt. Die Maßnahmen, die die Ärzte ergreifen, dienen vor allem dazu, Zeit zu gewinnen, damit der Körper eine Chance bekommt, sich zu regenerieren. Trotzdem überleben viele Erkrankte nicht.

Oft verschlechtert sich der Zustand der Patienten plötzlich. "Wir kämpfen, es gibt lange einen Schwebezustand, es ist kritisch und instabil, aber dann geht es sehr schnell zu Ende. Wir sehen morgens, dass sich der Patient rapide verschlechtert und vielleicht stirbt er noch am gleichen Tag." Die Charité hat - anders als andere Krankenhäuser - Angehörigen immer die Möglichkeit gegeben, persönlich Abschied zu nehmen. Das nimmt den Schmerz nicht, macht ihn aber vielleicht irgendwann erträglicher. Es sei hilfreich für die Verarbeitung, wenn Angehörige gesehen haben, dass alles für ihre Liebsten getan wurde, ist Erdur überzeugt. "Da waren Menschen, die haben alles gegeben. Mein Angehöriger wurde nicht einfach aufgegeben oder vergessen. Das ist wichtig, um auch die Hilflosigkeit zu bewältigen."

Die Psychologin, die selbst jeden Tag in voller Schutzkleidung auf der Station im Einsatz ist, hat in den letzten Monaten viele Abschiede gesehen. "Es gibt ja immer die Zeit, die noch bleibt", sagt sie. "Sie ist bei uns immer sehr kurz, das kann nur eine Stunde sein, aber auch die kann man gestalten." Inzwischen hat sie eine ganze Sammlung von LED-Lichtern und -Kerzen, um beispielsweise symbolhaft ein Licht anzünden. Vor allem, wenn sie die Angehörigen kennt, ermuntert sie sie, Worte zu finden, die sie vielleicht noch sagen möchten. "Selbst wenn der Patient nicht alles mehr hört oder mitbekommt, ist das wichtig. Was muss ihnen noch mit den auf den Weg gegeben werden? Was ist noch unausgesprochen?" Manchmal bietet sie aber auch nur ein Glas Wasser an oder schiebt einen Stuhl hinzu. "Ich frage auch, ob die Angehörigen etwas aus dem Zimmer mitnehmen oder ein Foto machen möchten, damit sie etwas haben, das auch zu Hause noch eine Trauerarbeit ermöglicht."

Überleben als Herausforderung

Die Erfolgsgeschichten der Intensivärzte und -pflegekräfte der Charité sind die Patienten, die Station 43 oft nach monatelanger Behandlung verlassen können. Doch sogar das Überleben ist nach Covid-19 eine Herausforderung, wie Erdur immer wieder in Gesprächen mit diesen Menschen erfährt. "Ich habe beobachtet, dass einige von diesen Überlebenden Suizidgedanken haben. Noch habe ich keine Antwort gefunden, warum das so ist, aber wir kennen die Überlebensschuld." Patienten bekommen mit, dass andere sterben und sie nicht und fühlen sich deshalb schuldig. "Die Schuld erwächst auch daraus, dass man nicht helfen konnte."

Das verdeutliche, dass auch die Patienten untereinander eine Beziehung haben, selbst wenn sie einander nicht kennen und sich nicht miteinander unterhalten. Viele wünschten, sie hätten die Todesangst und Ohnmacht während der Krankheit nicht erlebt. "Sie sagen, es wäre schön, wenn diese Erfahrung, diese Erinnerung einfach weg wäre. Das erscheint sogar leichter, als weiterzuleben." Die Psychologin überlegt inzwischen, für diese Menschen eine Survivor-Gruppe zu gründen, in der sie sich austauschen können. "Ich glaube, es ist eine sehr existenzielle Erfahrung, so nah am Tod gewesen zu sein."

Sie selbst ist von der Arbeit der vergangenen Monate auch nicht unberührt geblieben. "Die erste Corona-Patientin, die wir hatten, war in meinem Alter und hatte gerade ein Kind entbunden." Die Frau überlebte, obwohl die Krankheit bei ihr einen schweren Verlauf nahm. Aber sie musste gleich nach der Entbindung intubiert werden und konnte ihr neugeborenes Baby lange nicht berühren. "Da ist mir klargeworden, wie tief diese Krankheit in einen eindringen kann und was das für den Lebensentwurf bedeutet. Aufgrund des Alters und der Lebenssituation war das sehr nah dran an mir und hat mich Respekt vor der Erkrankung und Demut gelehrt", erinnert sich die Psychologin und zweifache Mutter heute.

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Erdurs Erfahrung nach mehr als einem Jahr Pandemie und Corona-Sterben ist: "Sich die Totenzahlen anzusehen, hilft uns nicht, das zu bewältigen." Umso wichtiger findet sie Ideen wie die einer zentralen Corona-Gedenkveranstaltung. "Ich denke, wir brauchen das im Sinne eines Trauerrituals." Die Menschen, die das Sterben erlebt haben und zurückbleiben, müssten sichtbar werden. "Das sind Menschen, Familien und Pflegepersonen, die Angehörige oder Patienten verloren haben und nun trauern."

Die Gesellschaft muss mit dem vielfachen Tod umgehen. Auf der Intensivstation der Charité hat das Corona-Sterben viel verändert. Das Team ist enger zusammengewachsen, trotz der großen Erschöpfung, die viele mittlerweile empfinden. Inzwischen gibt es die Überzeugung, dass es nicht nur um Heilung geht, sondern auch um Würde, Fürsorge und Menschlichkeit. "Wir kämpfen um jeden, und auch das hat einen Wert."

Quelle: ntv.de

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