Panorama

DIVI-Leiter über Corona-Krise "So etwas hat es noch nicht gegeben"

Covid-19 verlangt dem Personal auf Deutschlands Intensivstationen alles ab. Der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters appelliert an die Politik, jetzt zu handeln. Für die Zeit nach Corona zeichnet der Mediziner Karagiannidis ein düsteres Bild.

Der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, hat eindringlich an die Politik appelliert, schnell strengere Corona-Maßnahmen zu beschließen. "Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". So eine Situation habe er in 20 Jahren als Arzt noch nicht erlebt: "Wir sind den Tod gewohnt, aber so etwas hat es noch nicht gegeben."

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (kurz DIVI) listet in ihrem Intensivregister die freien und verfügbaren Intensivbetten in Kliniken auf. Karagiannidis zufolge würden in der Summe täglich 50 bis 100 Patienten zusätzlich auf Deutschlands Intensivstationen eintreffen. Jeder zweite beatmete Patient versterbe. Nach aktuellem Datenstand werden 4680 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt. Von den Betroffenen werden 2653 invasiv beatmet. Die Zahl der freien Intensivbetten gibt das DIVI-Register mit 3770 an. Das entspricht einem Anteil von 14,1 Prozent.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen fordert Karagiannidis die Politik zum Handeln auf. "Eigentlich könnten die Ministerpräsidenten schon jetzt handeln. Sie könnten es einfach machen", sagte er. Die Einführung des geänderten Infektionsschutzgesetzes dauere zu lange. "Es darf jetzt nicht mehr lange dauern", sagte Karagiannidis und ergänzte: "Denn auch nach einer Verschärfung der Maßnahmen werden wir noch mindestens zwei Wochen einen Anstieg von Covid-Patienten auf unseren Stationen verzeichnen."

"Das wird uns völlig auf die Füße fallen"

Der 48-jährige Lungenspezialist befürchtet, dass sich viele Pflegekräfte in der Intensiv- und Notfallmedizin nach der Pandemie einen neuen Job suchen werden. "Ich befürchte eine große Kündigungswelle." Nach einem Jahr Pandemie seien die Mitarbeiter in den Krankenhäusern erschöpft. "Das Pflegepersonal und die Ärzte sind müde. Richtig müde." Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit haben in der Pandemie bereits mehr als 9000 Pflegekräfte ihren Beruf gewechselt, berichtet der "Tagesspiegel". "Das macht mir richtig Sorgen", so der Mediziner.

Es gebe schon jetzt immer häufiger Betriebseinschränkungen wegen zu wenig betreibbarer Betten. "Das Personal fehlt schon jetzt, aber unsere Leute sind so professionell, dass sie eben durcharbeiten", sagte Karagiannidis. Und weiter: "Unser Hauptproblem wird in der zweiten Jahreshälfte kommen, wenn der Druck nachlässt. Dann werden sich die Leute Gedanken machen, ob sie noch weiter in der Intensiv- und Notfallmedizin arbeiten wollen." Er geht davon aus, dass Deutschland nach der Corona-Krise noch weniger Intensivbetten zur Verfügung stehen werden.

Als Lehre aus der Pandemie fordert er daher Reformen im Gesundheitssystem. "Wir brauchen eine große Krankenhausstrukturreform, die nicht nur ökonomisch orientiert ist, sondern die Daseinsvorsorge in den Mittelpunkt stellt." Er geht davon aus, dass viele Krankenhäuser nach der Pandemie in finanzielle Probleme geraten werden, weil Personal kündigen werde und die Gelder der Bundesregierung nicht mehr gezahlt würden. "Den Pflegekräftemangel und die Überlastung des Personals hatten wir vor Corona schon. Das ist die Konsequenz unseres ökonomisch getriebenen Systems. Es zielt darauf, dass wir immer mehr und immer kränkere Menschen behandeln - ohne dabei das Personal mitzunehmen. Das wird uns völlig auf die Füße fallen."

Quelle: ntv.de, fzö

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