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Vorbereiten statt verdrängen Die kommenden Monate werden hart

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Man muss der Krise ins Auge sehen und nicht die Augen vor unangenehmen Wahrheiten verschließen.

(Foto: imago images/Westend61)

Viele Menschen halten die Einschränkungen für unerträglich, wollen, dass das Virus bald nur noch ein Schnupfen ist oder schnell ein Impfstoff da ist. Das ist verständlich, entspricht aber nicht der Realität. Richtig ist: Die kommenden Monate werden hart. Darauf sollte man sich vorbereiten, aber nicht resignieren.

Es ist schwierig, eine Krise zu bewältigen, wenn man sie nicht akzeptiert. Das könnte für die kommenden Monate in Deutschland ein großes Problem werden. Denn weil die Bundesrepublik bisher die Corona-Pandemie vergleichsweise gut bewältigt hat, Neuinfektionen effektiv gesenkt wurden, kaum noch jemand wegen Covid-19 sterben muss und auch Krankenhausaufenthalte nur noch selten nötig sind, glauben viele, das Gröbste überstanden zu haben.

Vielleicht stimmt es ja, dass das Virus schon mutiert und kaum noch schlimmer als ein Schnupfen ist, reden sich manche Corona-Müden ein. Und ein Impfstoff könnte doch auch schon bald dem Spuk ein Ende setzen, oder? Das wäre schön, aber höchstwahrscheinlich trifft weder das eine noch das andere so schnell ein - jedenfalls nicht in den kommenden Monaten. Im Gegenteil, die Situation wird sich erst wieder verschlimmern. Darauf sollte man sich vorbereiten.

Als die Corona-Krise in Deutschland begann, stand der Frühling vor der Tür. Die bundesweit beschlossenen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in Verbindung mit geschlossenen Kultureinrichtungen, Restaurants, Bars et cetera traf das Land am 22. März. Und auch wenn es sich anders anfühlte, dauerte der strenge "Lockdown" nur einige Wochen, keine Monate. Zusammen mit den ansteigenden Temperaturen gab es schon Ende April die ersten Lockerungen, Mitte Mai konnte man schon wieder die Sonne in Außenbereichen von Restaurants genießen. Zu Pfingsten freuten sich erste Touristen über die Meeresfrische an deutschen Küsten, wenig später war klar: Der Sommerurlaub in Europa ist möglich. Und mal ehrlich: Für die, deren Existenz nicht bedroht ist, war die Krise bisher ganz erträglich.

Diesmal wird's kälter

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In den kommenden Monaten wird es draußen wieder ungemütlich.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Doch jetzt steht der Herbst vor der Tür. Selbst wenn es bis in den Oktober hinein freundlich bleiben sollte und der Frühling pünktlich Ende März den Winter verdrängt, kommen rund fünf ungemütliche Monate auf uns zu. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Pandemie in Deutschland wieder außer Kontrolle gerät - eine zweite Welle ist möglich, aber nicht unvermeidbar. Es bedeutet allerdings, dass vieles von dem, was die Pandemie im Moment noch erträglich macht, größtenteils wieder wegfällt. So wird es vor den Restaurants und Bars bald zu kalt sein, im Park kann man noch spazieren, aber nicht mehr liegen, Freiluft-Konzerte wird's auch nicht mehr geben. Das Leben wird in den kommenden sechs Monaten wieder überwiegend in Innenräumen stattfinden.

Das heißt nicht, dass man erneut auf alles verzichten muss. Manches wird möglich sein, was im März und April nicht möglich war. Unter anderem, weil man jetzt besser weiß, welche Maßnahmen sinnvoll waren und welche nicht. Zu den sinnvollen gehört die Maskenpflicht, die manche für unerträglich halten, selbst wenn sie den Mund-Nasen-Schutz nur ein paar Minuten im Supermarkt tragen sollen.

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Aerosole in Innenräumen spielen beim Infektionsgeschehen eine bedeutende Rolle.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dass die Masken den Unterschied machen können, ob ein Kinobesuch im Winter möglich sein wird oder nicht, zeigen viele Beispiele, das jüngste kommt aus Südkorea. Dort besuchte laut "Bloomberg" in diesem Monat eine infizierte Frau eine Starbucks-Filiale und steckte mindestens 27 Gäste an, die das Virus wiederum an rund drei Dutzend weitere Menschen weitergaben. Vier Angestellte des Coffeeshops blieben verschont, weil sie Masken trugen.

Das Starbucks-Beispiel zeigt auch sehr eindrücklich ein weiteres Problem auf, das mit der kalten Jahreszeit noch größer wird, als es schon ist. Denn es wird immer klarer, dass Aerosole eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle bei der Übertragung spielen. In diesem Fall ist es offensichtlich, denn die Frau saß unter einer Klimaanlage, die die Mikropartikel im ganzen Café verteilte.

Gastronomie wird es wieder schwerer haben

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Lokale sollten sich auf die anstehenden Herausforderungen vorbereiten.

(Foto: imago images/Sabine Gudath)

Daraus folgt, dass bei allen Indoor-Aktivitäten das Einhalten des Mindestabstands nicht ausreicht, sondern eine zusätzliche Belüftung nötig ist, die die Luft austauscht und nicht umwälzt. Kombiniert mit einer Maskenpflicht können so Veranstaltungen in Innenräumen auch in der Pandemie möglich sein. Wie Virologe Hendrik Streeck im Gespräch mit ntv sagte, hängt es vermutlich von der Menge der Viren ab, die man aufnimmt, ob man angesteckt wird und wie schwer eine Erkrankung verläuft. Und wie man an den vier Starbucks-Angestellten sehen kann, haben dann offenbar selbst einfache Masken eine Schutzwirkung, indem sie wenigstens einen Teil der Viren zurückhalten können.

Das hilft allerdings den Gästen in Restaurants, Cafés oder Bars wenig. Wie soll man mit Masken über dem Mund essen und trinken? Das ist eine sehr schlechte Nachricht für die Gastronomie, aber das Problem wird nicht kleiner, wenn man es verdrängt. Stattdessen sollte man sich vorbereiten, so weit dies möglich ist. Falls finanzierbar, können beispielsweise Luftreiniger oder Belüftungsanlagen mit entsprechenden Filtern das Risiko für die Gäste minimieren.

Ganz ohne Risiko geht es aber nicht, davon muss man sich für die kommenden Monate verabschieden. Denn das hieße, wirklich auf fast alles zu verzichten und zurück in den "Lockdown" zu gehen. Aber das kann weder der Einzelne noch die Gesellschaft erneut verkraften. Wie Streeck sagt, kommt es darauf an, mit dem Virus leben zu lernen. "Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, alle Infektionen vermeiden zu wollen", sagte er t-online.de. "Dies wird nicht möglich sein. Gleichzeitig müssen wir Konzepte entwickeln, dass wir Veranstaltungen zulassen, ohne dass sie Superspreading-Events werden."

Schlechtes Beispiel Schulöffnungen

Konzepte entwickeln, heißt sich vorzubereiten und nicht an Wunder zu glauben oder auf sein pures Glück zu vertrauen. Ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, sind die Schulöffnungen. Denn statt tragbare Konzepte zu entwickeln, suchte die Politik nach "Beweisen" dafür, dass Kinder schon nicht so ansteckend wie Erwachsene sind. Beispielsweise schob Baden-Württemberg eine Studie vor, die lediglich aussagte, dass sich Kinder wahrscheinlich seltener anstecken und weniger schwer erkranken. Man habe mit der Studie aber nicht gezielt untersucht, wie infektiös Kinder sind, sagte einer der verantwortlichen Virologen.

Tatsächlich gibt es inzwischen etliche Studien, die darauf hindeuten, dass Kinder weniger infektiös als Erwachsene sind; manche sagen aus, dass es da keine großen Unterschiede gibt, andere unterscheiden zwischen jüngeren und älteren Kindern. Bewiesen ist damit gar nichts. Zum Glück sieht es bisher so aus, als würden aus einzelnen Infektionen an Schulen oder Kitas keine Superspreading-Events. Aber die Jahreszeiten mit schlecht belüfteten, vollen Klassenzimmern und überfüllten Bussen und Bahnen kommen ja erst noch. Dass alle Länder, Kommunen und Einrichtungen auf mögliche Ernstfälle gut vorbereitet sind, darf bezweifelt werden.

Wirtschaft glaubt an die Zukunft

Wie gut vorbereitet die deutsche Wirtschaft in den Corona-Winter geht, ist schwer zu sagen. Ökonomen warnten schon Ende Juni vor einer Pleitewelle im September, da bis dahin die Antragspflicht für Insolvenzen aufgehoben ist. Die Stützmilliarden, die der Staat als Kredite an krisengeplagte Firmen vergeben habe, könnten dann zum Pleitegrund werden, sagte Gabriel Felbermayr, Chef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), der "Bild"-Zeitung. "Es gibt 'Zombie'-Firmen, die in den vergangenen Wochen nur deshalb überleben konnten, weil sie durch staatliche Notkredite gestützt wurden. Da wird es noch ein böses Erwachen geben."

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Andererseits fiel zuletzt der Absturz des Bruttoinlandsprodukts mit 9,7 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal des Jahres weniger drastisch aus als erwartet, und der Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte im August zum vierten Mal in Folge nach oben. Dabei sind die Erwartungen im Handel aber weiter pessimistisch, im Großhandel fiel der Index sogar. In der Industrie beurteilen noch viele Firmen ihre Lage pessimistisch, sind aber im Ausblick auf die kommenden Monate optimistischer. Ähnlich sieht es im Baugewerbe aus, nur im Dienstleistungssektor ist der Index stark gestiegen.

Auf die Entscheidungen der Politik oder Unternehmen hat man als Einzelperson nur wenig Einfluss. Aber es gilt schließlich auch, sich selbst vorzubereiten auf eine wieder schwierigere Zeit. Das beginnt beim Job, wo man Ideen einbringen kann, wie der Arbeitsalltag in den kommenden Wochen organisiert wird. Und auch das Privatleben will gestaltet werden, um Langeweile oder Beziehungsstress zu vermeiden. Glücklicherweise wird man sich weiter mit Freunden treffen können, spontane Verabredungen in der Gruppe werden aber komplizierter. Was macht man in den Herbstferien, zu Weihnachten? Nichts wird sein wie im vergangenen Jahr. Aber es muss auch nicht so richtig schlimm werden, wenn man die Krise akzeptiert und das Beste daraus macht, was einem zu tun bleibt.

Quelle: ntv.de