Panorama

Viele Tests und "Ringimpfungen" Hotspot Greiz könnte ein Vorbild sein

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Greiz ist derzeit der Landkreis mit der höchsten Inzidenz Deutschlands.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Greiz hat derzeit die höchste Inzidenz Deutschlands und ist trotzdem in gewisser Weise ein gutes Vorbild. Denn die hohen Zahlen des Thüringer Kreises sind auch die Folge einer Teststrategie, die gezielt nach versteckten Infektionen sucht. Und die gibt es offenbar vor allem an Kitas und Schulen.

Mit einer 7-Tage-Inzidenz von knapp 534 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist der Thüringer Landkreis Greiz mit großem Abstand aktuell der Corona-Hotspot Nummer 1 in Deutschland, der benachbarte sächsische Vogtlandkreis folgt mit rund 359 Fällen auf Platz 2. Seit dem 15. Februar hat sich die Greizer Inzidenz verzehnfacht und die Kurve zeigt weiter steil nach oben. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dort lebte ein Haufen Corona-Leugner und die Behörden hätten komplett die Kontrolle verloren. Doch die Landrätin macht wahrscheinlich vieles richtig und die Bevölkerung macht mit.

Warum die Neuinfektionen im Landkreis Greiz so in die Höhe geschossen sind, wusste man bisher wie in so vielen anderen Hochinzidenz-Regionen kaum. Es sei ein diffuses Infektionsgeschehen, sagte Pressesprecherin Illona Roth ntv.de. Viel passiere im privaten Bereich, die Menschen träfen sich, weil der soziale Zusammenhalt stark sei.

Das bestätigt die Theorie des Jenaer Infektiologen Matthias Pletz. "Am Anfang hatten wir alle erwartet, dass in den größeren Städten das Infektionsgeschehen hoch ist, und überraschend war es dann aber in den ländlichen Gebieten so", erklärt er. "Das ist tatsächlich das soziale Gefüge. Der Großstädter ist ja eigentlich einsamer als der Mensch auf dem Land. Auch wenn das Land dünner besiedelt ist."

Ein Drittel der Tests Symptomloser positiv

Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, hat die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg von der CDU Eigeninitiative ergriffen und im großen Stil auch symptomlose Kontaktpersonen von Infizierten testen lassen, denen laut Fachleuten 80 Prozent der Infektionen zuzuordnen seien. Sie habe sich über die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hinweggesetzt beziehungsweise von deren Ausnahmeregeln Gebrauch gemacht, sagte sie dem MDR. "Wir haben nicht groß gefragt."

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Die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg möchte "pragmatisch und objektiv" mit der Corona-Pandemie umgehen.

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Normalerweise soll laut RKI-Vorgaben auch bei Kontaktpersonen nur bei Symptomen getestet werden, was offenbar ein Fehler ist, wie das Greizer Vorgehen zeigt. Vom 15. Februar bis 15. März seien von 935 Personen 306 positiv getestet worden, so Schweinsburg. "Und die mussten nicht mal niesen oder hatten Halskratzen." Es wurden keine Schnell-, sondern PCR-Tests durch das Gesundheitsamt durchgeführt. Davon waren auch zahlreiche Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betroffen, deren Erzieher oder Lehrer sich infiziert hatten.

Sehr viele Kinder positiv getestet

151 der positiv Getesteten seien unter 18 Jahre alt, sagte die Landrätin dem "Tagesspiegel". Fünf seien sogar erst zwei Jahre alt. "Wir sind in Kitas und Schulen mit positiven Erziehern und Lehrern gegangen und haben getestet. In einem Kindergarten waren alle 17 Kinder einer Gruppe infiziert." Dass ein Drittel der getesteten symptomlosen positiv getestet wurde, sieht Schweinsburg als Anzeichen dafür, "dass wir bislang wie ein Fischerboot ohne Radar unterwegs waren. Es wird Zeit, dass wir aus diesem grauen Gewaber herauskommen."

Um sich einen Überblick zu verschaffen und weitere unerkannte Infektionen zu finden, organisierten die Landrätin und ihr Team zwei Busse, die im gesamten Landkreis unterwegs sind und Antigen-Schnelltests anbieten. Die Unterstützung durch das Land Thüringen und den Bund hält sich dabei in Grenzen. Die Schnelltests kaufe und organisiere das Rote Kreuz, so Pressesprecherin Roth, die Busse würden von örtlichen Nahverkehrsanbietern zur Verfügung gestellt und von der Sparkasse gesponsert. Zusätzlich gibt es im Kreis zwei Testzentren.

"Run" auf Schnelltest-Angebot

Immerhin kann das DRK die Schnelltests mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abrechnen. Und die beiden Busse dürften jetzt auch sofort PCR-Tests durchführen, die bei einem positiven Schnelltest zur Bestätigung vorgeschrieben sind, sagte Roth ntv.de. Das vereinfache die Angelegenheit sehr und spare viel Zeit. Die Bevölkerung nehme das Angebot dankbar an, so die Sprecherin. Seit vergangenen Dienstag seien rund 700 Schnelltests durchgeführt worden. Die Busse sind also offenbar gut ausgelastet, denn laut Fahrplan beträgt die Test-Kapazität rund 24 Personen pro Stunde.

Es habe einen regelrechten Run auf die Tests gegeben, sagte Martina Schweinsburg im MDR-Interview. Aufgrund der hohen Testquote schiebe der Kreis zwar "eine Riesenwelle vor sich her", aber sie habe die Hoffnung von dieser hohen Inzidenz herunterzukommen, "wenn denn nun endlich die Impfungen kommen, auf die wir sehnlichst warten." Linke-Ministerpräsident Ramelow habe ihr zugesagt sich beim Impf-Gipfel für ein Sonderkontingent von 50.000 Dosen für Greiz einzusetzen.

Warten auf Sonderration Impfdosen

Pressesprecherin Silke Fließ vom Thüringer Gesundheitsministerium bestätigte ntv.de lediglich, Ramelow werde sich für zusätzliche Lieferungen einsetzen. Sie musste einschränken, dass derzeit wegen zu geringer Impflieferungen keine zusätzlichen Dosen für den Landkreis zur Verfügung stehen. "Alle vorhandenen Impfstoffe sind terminlich untersetzt oder für Zweitimpfungen verplant. Darüber hinaus hatte Astrazeneca am Freitag sehr kurzfristig Lieferkürzungen bekannt gegeben, weshalb wir unsere Terminvergabe generell für Thüringen erst einmal stoppen mussten."

Die Landesregierung und Martina Schweinsburg haben ihre Differenzen. So setzte die Landrätin die Weisung des Gesundheitsministeriums, eine allgemeine Ausgangsbeschränkung und ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit nur unwillig um. "Ich persönlich kann die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen nicht nachvollziehen", sagte sie. Bei Minusgraden und Schneetreiben trinke sowieso niemand im Freien.

"Man muss mit dem Virus leben"

Damit ist sie wahrscheinlich nicht alleine in Deutschland. Aber viel mehr Verschärfungen als Ausgangssperren bleiben Bund und Ländern nicht, eine Rückkehr in den Lockdown wäre nur ein kleiner Schritt. Schweinsburg glaubt auch nicht, dass die minimalen Lockerungen wie Friseurbesuche oder Click & Meet-Einkaufen die Inzidenzen nennenswert nach oben trieben.

Man müsse die Maßnahmen an die Beweglichkeit des Virus anpassen und könne sich nicht an "vorsteinzeitlichen Vorgaben von vor einem Jahr" richten, sagte sie dem MDR. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben, was bedeute, "solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass wir den Menschen auch noch eine Perspektive geben für die Zukunft." Man müsse mit der Pandemie pragmatisch und objektiv umgehen.

Neue Test- und Impfstrategie gefordert

Das bedeutet für Schweinsburg zum einen eine Teststrategie umzusetzen, bei der wie in ihrem Landkreis auch asymptomatische Kontaktpersonen getestet werden. Positiv Getestete müssten dann konsequent isoliert werden. Das Wissen habe sich weiterentwickelt und dies müsse man auch in die Praxis umsetzen, sagte sie. Und erst bei einer einheitlichen Teststrategie seien Inzidenzen auch miteinander vergleichbar.

Dies dürfe nicht an mangelnden Kapazitäten scheitern, sagte Schweinsburg dem "Tagesspiegel". "Dann müssen die Laborkapazitäten erhöht werden. Dass wir diese schonen müssen, ist für mich kein Argument - wir müssen die Menschen schützen. Die Kapazitäten müssen nach einem Jahr Pandemie längst aufgebaut sein, damit wir auch alle Kontaktpersonen testen können. Und dann kommen wir auch los von der 14-tägigen Gruppenhaft, die jetzt aus Infektionen folgt."

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Außerdem wünscht sich die Landrätin eine andere Impfstrategie, die von der derzeitigen Priorisierung abweicht. Für sie steht die Gruppe jüngerer Menschen im Mittelpunkt, die sehr mobil ist und die Verbindung zwischen symptomlos infizierten Kindern und Menschen über 60 Jahre herstellten. Sie stellt sich dies wie einen schützenden Ring um die vulnerablen Gruppen vor und bezeichnet das Vorgehen daher als Ringimpfungen.

Wegen der Knappheit muss aber jetzt erst mal die Teststrategie des Landkreises greifen. Denn Martina Schweinsburg sagt zwar, es gäbe derzeit nur wenige Patienten auf den Intensivstationen und man könne die Kapazitäten jederzeit noch erhöhen. Das beruhigt aber nur auf den ersten Blick. Denn auf der Karte ist der Kreis zwar grau, weil noch 20 Prozent der Intensivkapazitäten frei sind. In tatsächlichen Zahlen heißt das aber, dass von zehn Betten acht belegt sind. Und mit einem Covid-19-Anteil von 75 Prozent ist Greiz auch in dieser Statistik in Deutschland ganz oben.

Quelle: ntv.de

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