Panorama

Besonders krass im Hotspot Greiz Bei den Jüngeren steigen Fallzahlen rasant

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Den stärksten Anstieg der Fallzahlen registrierte das RKI bei fünf- bis neunjährigen Kindern.

(Foto: imago images/photonews.at)

Die Neuinfektionen steigen besonders bei jüngeren Menschen stark an. Die höchsten Zuwächse gibt es bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch in der Eltern-Generation. Bei Senioren legen die Inzidenzen ebenfalls wieder zu, nur bei den über 85-Jährigen nehmen sie noch ab.

Der Trend der vergangenen Woche hat sich bestätigt, die Neuinfektionen steigen vor allem bei Kindern stark an. Der deutlichste Zuwachs sei bei den 0- bis 14-Jährigen zu beobachten, deren 7-Tage-Inzidenzen sich innerhalb eines Monats verdoppelt hätten, schreibt das RKI in seinem gestrigen Lagebericht. Insgesamt seien die 15- bis 44-Jährigen besonders betroffen. Bei Menschen im Rentenalter ist der Zuwachs wesentlich geringer, aber nur bei den über 85-Jährigen sinken die Fallzahlen noch leicht.

Fünf- bis Neunjährige überdurchschnittlich oft infiziert

Bei den ganz kleinen Kindern unter 5 Jahren ist die 7-Tage-Inzidenz erneut um 14 Fälle gestiegen und liegt jetzt bei 74 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Die Fallzahlen der Fünf- bis Neunjährigen sind bereits deutlich über dem Durchschnitt von 86,2. In der vergangenen Woche registrierte das RKI bei ihnen noch eine Inzidenz von 73, jetzt beträgt der Wert 97. Das ist der stärkste Anstieg aller Altersgruppen.

Vergleichsweise wenig haben die 10- bis 14-Jährigen mit einem Zuwachs um 14 auf jetzt 76 Neuinfektionen zugelegt. Dafür stiegen die Inzidenzen bei allen Altersgruppen unter 45 Jahren um mindestens 20 Fälle und liegen jetzt durchweg bei über 100 neuen Ansteckungen pro Woche und 100.000 Einwohnern. Den höchsten Wert erreichen die 20- bis 24-Jährigen mit 117 Neuinfektionen.

Viele Infektionen am Arbeitsplatz?

Kräftig nach oben ging es auch bei den 45- bis 49-Jährigen, deren Inzidenz um 17 Fälle auf 97 anstieg. Aber auch bei den anderen Altersgruppen bis 64 Jahre stieg der Wert um mindestens zehn Neuinfektionen. Die Inzidenzen nehmen zwar grundsätzlich mit zunehmendem Alter ab, aber besonders deutlich ist der Unterschied bei den 65- bis 69 Jahre alten Menschen. Ihre Fallzahl ist zwar auch um drei gestiegen, liegt aber mit 47 deutlich unter der Inzidenz 72 der jüngeren Altersgruppe.

Da diese Grenze praktisch die gesamte Pandemie zu sehen ist, liegt die Vermutung sehr nahe, dass der Grund dafür der Übergang zum Rentenalter ist: Die Gruppe steckt sich weder am Arbeitsplatz noch auf dem Weg dorthin an. Daraus könnte man außerdem schließen, dass im Zusammenhang mit einer präsenzpflichtigen Arbeit relativ viele Infektionen stattfinden.

Bis 84 Jahre steigen die Inzidenzen auf relativ niedrigem Niveau, in der vergangenen Woche registrierte das RKI noch einen geringen Rückgang. Das ist jetzt nur noch bei den Menschen ab 85 der Fall, allerdings auch nicht mehr so kräftig wie in der Vorwoche.

Dass die Neuinfektionen bei den über 80-Jährigen nicht mehr rückläufig sind wie seit Anfang Januar, könnte daran liegen, dass die Impfungen vor zwei Wochen noch nicht so weit fortgeschritten waren, um die insgesamt steigenden Fallzahlen wettzumachen. Das ist auch jetzt noch nicht der Fall.

Viele über 80-Jährige noch nicht geimpft

Den offiziellen Angaben zufolge erhielten bisher rund drei Millionen der Menschen über 80 Jahre die erste Impfdosis, davon etwa 1,4 Millionen auch schon die zweite. Laut dem Statistischen Bundesamt leben in Deutschland knapp 5,7 Millionen über 80-Jährige.

Die wieder steigenden Zahlen in dieser Altersgruppe sind bedenklich. Obwohl mehr als 20 Millionen Deutsche ein hohes Risiko auf eine schwere Covid-19-Erkrankung haben und daher ebenfalls besonderen Schutz genießen sollten, sind die über 80-Jährigen eine Schlüsselgruppe. Denn laut RKI waren von allen bisherigen Corona-Toten 89 Prozent 70 Jahre und älter. Der Altersmedian liegt bei 84 Jahren.

60- bis 79-Jährige besonders gefährdet

Für die Belastung des Gesundheitssystems sind die Altersgruppen darunter aber noch wichtiger, zumindest wenn es um die Krankenhäuser geht. Zum einen ist nur knapp ein Viertel der Intensivpatienten 80 Jahre und älter. Das Durchschnittsalter der Intensivfälle bewegt sich derzeit vermutlich zwischen 60 und 65 Jahren, genaue Zahlen gibt es noch nicht.

Zum anderen sind die über 80-Jährigen seit Mitte Februar nicht mehr die größte Gruppe, die stationär behandelt werden muss. Laut RKI sind dies nun die 60- bis 79-Jährigen.

An der Entwicklung sieht man zum einen, dass die Impfungen Wirkung zeigen und deutlich weniger über 80-Jährige schwer an Covid-19 erkranken. Andererseits macht sie klar, dass man besonders auf die Inzidenzen der Altersgruppen darunter achten muss, die noch nicht priorisiert geimpft werden. Dazu gehören auch noch die 35- bis 59-Jährigen, die nach RKI-Angaben aktuell fast ein Viertel der Covid-19-Patienten im Krankenhaus ausmachen.

Es wäre wichtig, hier genaue Zahlen zu haben, um bei der Beurteilung der Pandemie feineres Werkzeug entwickeln zu können als die Gesamt-Inzidenz. Wie Virologe Christian Drosten gesagt hat, muss man jetzt wahrscheinlich besonders auf die Inzidenzen der 50- bis 79-Jährigen achten. Bei Jüngeren sind schwere Verläufe deutlich weniger zu erwarten.

Kinder keine "Pandemietreiber", aber ...

Problematisch sind die stark steigenden Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen trotzdem. Denn dass sie selten schwer erkranken, heißt nicht, dass eine Infektion für sie nicht gefährlich ist. Es gibt noch nicht viele Studien dazu, aber es zeigt sich immer mehr, dass auch sehr junge Menschen unter Covid-19-Langzeitfolgen leiden können.

Vor allem aber wird im Zusammenhang mit Schulöffnungen diskutiert, ob Kinder "Pandemietreiber" sind oder nicht. Darum geht es aber eigentlich gar nicht mehr. Denn dass junge Schüler sehr selten zum Superspreader werden, haben inzwischen schon zahlreiche Forschungsarbeiten gezeigt. Und man weiß, dass Infektionen bei ihnen meistens harmlos oder gar symptomlos verlaufen.

Das RKI schreibt, nach einer Analyse von Schulausbrüchen im vergangenen Jahr in den Wochen vor dem "harten" Lockdown-Beginn im Dezember, sei man zu dem vorsichtigen Ergebnis gekommen, dass "Schüler und Schülerinnen eher nicht als 'Motor' eine größere Rolle spielen, aber dass die Häufigkeit in einer engen Beziehung zur Inzidenz in der Gesamtbevölkerung steht".

... sie werden angesteckt und stecken an

Zum gleichen Ergebnis kommt eine Einschätzung des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). "Es wurden keine Hinweise gefunden, die darauf hindeuten, dass Kinder oder Bildungseinrichtungen die Haupttreiber der SARS-CoV-2-Virusübertragung sind. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Kinder infiziert werden und das Virus auf andere Kinder und Erwachsene übertragen können, während sie infektiös sind", heißt es darin. Und wichtig: Die sehr ansteckende Mutante B.1.1.7 macht laut dem ECDC offenbar auch keinen Unterschied beim Alter.

Ganz frisch kommt eine Auswertung von Schnelltests an österreichischen Schulen hinzu. Der Anstieg der Infektionszahlen an Schulen spiegele den allgemeinen Anstieg in der Bevölkerung wider, so das Ergebnis. Und die sehr geringe Anzahl von Häufungen innerhalb der Schulen (26 von ca. 5000) weise auf eine geringe Dynamik in diesen Einrichtungen hin.

Das ist einerseits gut, andererseits aber kein Grund, sich wegen der aktuellen Schulöffnungen keine Sorgen zu machen, wenn sie nicht gründlich vorbereitet und mit regelmäßigen und ausreichenden Tests verbunden sind. Denn die Zahlen zeigen, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche anstecken. Und auch wenn daraus kein Superspreading-Event an einer Schule wird, geben sie das Virus weiter - vor allem zu Hause.

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Eine dänische Studie zeigt: Mit jedem Kind wächst das Risiko der Eltern.

(Foto: SSI)

Ein Preprint im Auftrag des dänischen Gesundheitsdienstes SSI hat beispielsweise ergeben, dass das Risiko von Erwachsenen mit jedem Kind in ihrem Haushalt steigt, vor allem wenn dieses älter als sechs Jahre ist. Dafür, dass Kinder zunehmend ihre Eltern anstecken, könnten auch die fast ebenso kräftig gestiegenen Inzidenzen der 30- bis 44-Jährigen sprechen.

Mutante B.1.1.7 ist das Alter egal

Ältere Studien sind kaum aussagekräftig, da sie nicht die Verbreitung von B.1.1.7 berücksichtigen, die seit Anfang des Jahres zur dominanten Variante auch in Deutschland wurde. Möglicherweise hat der Wildtyp Kinder seltener infiziert, bei der Mutante ist dies offenbar nicht der Fall. Ein besonders krasses Beispiel ist Greiz, mit einer Inzidenz von über 500 derzeit mit riesigem Abstand der Hotspot Nummer 1 in Deutschland. In dem Thüringer Landkreis war laut MDR fast die Hälfte aller positiven Getesteten jünger als 18 Jahre.

Auch die Ausbrüche in Bildungseinrichtungen nehmen zu, sogar bei den Jüngsten: "Wir sehen vermehrt Ausbrüche in Kitas", sagte RKI-Chef Lothar Wieler vergangenen Freitag. Pro Kita-Ausbruch gebe es auch mehr Infizierte. Eine RKI-Sprecherin sprach von je 87 Ausbrüchen pro Woche in den letzten beiden Februarwochen. Wieler vermutet einen Zusammenhang mit der Ausbreitung von B.1.1.7.

Alarmierende Zahlen bei EU-Nachbarn

Zahlen aus dem europäischen Ausland unterstützen die Vermutung. In seinem Wochenbericht vom 4. März erfasste der französische Gesundheitsdienst mit rund 65 Prozent bei Kindern bis neun Jahren den höchsten B.1.1.7-Anteil in der Bevölkerung, auf Platz zwei folgen die 10- bis 19-Jährigen mit knapp 62 Prozent. Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza sagte laut englischer AP, die Mutante sei unter infizierten Schulkindern weit verbreitet und trage zu einem "robusten" Anstieg der Ansteckungskurve im Land bei.

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Laut einer Vorab-Studie des Londoner Imperial College haben in England trotz eines Lockdowns mit Schulschließungen Kinder von fünf bis zwölf Jahren die höchste Prävalenz, nahezu gleich mit den 18- bis 24-Jährigen, gefolgt von Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren. Einer Analyse nach finden in England schon fast alle Ansteckungen durch B.1.1.7 statt.

Das RKI ging in seinem am 10. März aktualisierten Bericht zu Virusvarianten in Deutschland von einem B.1.1.7-Anteil von 55 Prozent aus. Und es schreibt in seinem epidemiologischen Bulletin, eine Ausbreitung ansteckungsfähigerer Varianten könne bedeuten, "dass Schulen einen größeren Beitrag zum Infektionsgeschehen liefern könnten, was wiederum bei den Überlegungen zu Öffnungen berücksichtigt werden sollte."

Quelle: ntv.de

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