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Zeichen für Endemie-Beginn? Omikron-Welle in Großbritannien bricht

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In London sinken die Fallzahlen schon seit drei Wochen in Folge.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

In Großbritannien scheint die Omikron-Welle ihren Höhepunkt überschritten zu haben, die Inzidenz sinkt seit mehreren Tagen deutlich, auch in den Krankenhäusern zeichnet sich eine Entspannung ab. Dies könnte der Anfang vom Ende der Pandemie sein, Wissenschaftler bleiben aber skeptisch.

Rund einen Monat lang hat die Omikron-Variante die Corona-Fallzahlen in Großbritannien fast senkrecht nach oben getrieben. Am 6. Dezember betrug die 7-Tage-Inzidenz noch knapp 470 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, am 6. Januar rund 2000. Doch seitdem zeigt die Kurve steil nach unten, die Omikron-Welle scheint im Vereinigten Königreich zu brechen. Ein Grund zur Entwarnung ist das noch nicht, die Zahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern nimmt weiter zu. Aber auch bei den Hospitalisierungen zeichnet sich eine baldige Entspannung ab.

Ähnlicher Verlauf wie in Südafrika

Die Omikron-Welle scheint also tatsächlich in Großbritannien einen ähnlichen Verlauf wie in Südafrika zu nehmen, wo sie ebenfalls nach etwa einem Monat in sich zusammengebrochen ist. Eine solche Entwicklung hatte Epidemiologe Neil Ferguson vor acht Tagen vorhergesehen. "Eine Epidemie, die so hohe Zahlen erreicht, kann dieses Niveau nicht ewig aufrechterhalten", sagte er in einem BBC-Interview. "Wir erwarten daher, dass die Fallzahlen in der nächsten Woche zurückgehen. In London tun sie dies vielleicht jetzt schon, aber in anderen Regionen erst in einer Woche bis drei Wochen."

Eine sinkende Inzidenz alleine könnte auch auf fehlende Testkapazitäten et cetera zurückzuführen sein, unter anderem werden auch nicht überall im Königreich Reinfektionen in die Statistik einbezogen. Doch dem Dashboard der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) nach hat auch die Anzahl der täglichen Neuaufnahmen in Krankenhäusern ihren Höhepunkt überschritten. Bei knapp 2200 Fällen ist der 7-Tage-Schnitt erstmals seit Mitte Dezember sogar wieder leicht rückläufig.

Keine Entwarnung für Krankenhäuser

Für die Hospitäler ist dies noch kein Grund zur Entwarnung. Denn weil viele Covid-19-Patienten nicht nur vorübergehend behandelt werden müssen, steigt deren Zahl insgesamt weiter stark an. Außerdem gibt es sehr viele Patienten, deren Infektion erst im Krankenhaus festgestellt wurde, die mit großem Aufwand isoliert untergebracht werden müssen. Die Lage dort bleibt daher auf absehbare Zeit noch sehr kritisch.

Vergangene Wochen haben bereits 24 Krankenhäuser wegen Personalmangel den Katastrophenfall ausgerufen. Es könnten aber dreimal so viele sein, die die gleichen Schwierigkeiten haben. Notfallmediziner Nick Scriven sagte dem Medizin-Portal BMJ, er habe bei mehreren Gelegenheiten gehört: "Wir könnten einen kritischen Vorfall melden, aber es bringt uns nichts, wir würden keine praktische Hilfe bekommen - es bringt uns nur Unmengen an Papierkram und Inspektionen."

Relativ wenig Intensivpatienten und Tote

Die Schwierigkeiten der Krankenhäusern basieren nicht auf besonders vielen schweren Covid-19-Fällen. Denn auf den Intensivstationen hat sich durch die Omikron-Welle fast nichts geändert. Im Gegenteil: Anfang November gab es einen kleinen Peak mit mehr als 1000 Patienten, seitdem ist deren Zahl auf rund 850 gesunken. Zum Vergleich: Vor einem Jahr musste das britische Gesundheitssystem über 4000 Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen verkraften.

Die Anzahl der Todesfälle mit Covid-19 ist zwar nicht rückläufig, sondern zuletzt leicht gestiegen. Mit einem 7-Tage-Schnitt von unter 180 Opfern ist sie aber noch weit von den Höchstständen Mitte Januar 2021 entfernt, als täglich fast 1300 Tote zu beklagen waren.

Hohe Impfquote

Dass sich die Intensivfälle von der Inzidenz praktisch völlig losgelöst haben, ist sicher zu einem entscheidenden Teil auf die Impfungen zurückzuführen. Laut UKHSA-Report sind die 60- bis 64-Jährigen im Vereinigten Königreich zu rund 90 Prozent doppelt geimpft, bei den Altersgruppen darüber sind es bis zu 95 Prozent.

In der vergangenen Woche hatten schon über 90 Prozent der 75- bis 79-Jährigen die dritte Dosis erhalten, bei den 70- bis 75-Jährigen und den Briten über 80 Jahre sind es fast ebenso viele. Die 65- bis 69-Jährigen kommen auf 85, die Altersgruppe darunter auf etwa 80 Prozent.

Außerdem scheint sich die Befürchtung, die Omikron-Welle könne die ältere Bevölkerung mit Verzögerung noch schlimm treffen, nicht zu bewahrheiten. So zeigen die Daten aus England, das diese Inzidenzen gesondert ausweist, dass auch die Fallzahlen bei den über 60-Jährigen sinken.

Schwere Erkrankungen bei Omikron seltener

Ein weiterer Grund für die "Omikron-Flaute" auf den britischen Intensivstationen ist vermutlich, dass die Virus-Variante sich zwar extrem schnell verbreitet, aber signifikant seltener zu schweren Verläufen führt als Delta. Die UKHSA geht in ihrem jüngsten Varianten-Bericht davon aus, dass das Risiko, ins Krankenhaus zu kommen, bei Omikron halb so groß, das Risiko, ein Intensivfall zu werden, um ein Drittel kleiner ist.

Schließlich kommt hinzu, dass viele Briten bereits eine Corona-Infektion hinter sich haben, weshalb insgesamt fast alle einen gewissen Grad der Immunisierung aufweisen. Die britische Statistikbehörde schätzt, dass 94 bis 95 Prozent der Bevölkerung Antikörper im Blut haben.

London bestätigt positive Entwicklung

Wie Neil Ferguson gesagt hat, ist London der britischen Entwicklung etwas voraus. Ein Blick auf die Werte der Metropole stimmt optimistisch. Denn nach einer vorübergehenden Plateaubildung "zwischen den Jahren" hat sich dort der Abwärtstrend klar fortgesetzt. Seit dem 22. Dezember ist die 7-Tage-Inzidenz von mehr als 2000 Neuinfektionen auf rund 1600 gefallen. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen hat sich von über 500 auf rund 250 im 7-Tage-Schnitt halbiert, der Anstieg der Covid-19-Patienten ist bei etwa 4000 gestoppt.

Auch die Anzahl der Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen ist in London jetzt leicht rückläufig. Zuvor ist sie leicht angestiegen, blieb aber mit 235 Patienten im 7-Tage-Schnitt weit unter den Werten vor einem Jahr mit bis zu 1200 Corona-Intensivfällen.

Ähnlich sieht es bei den Todesfällen aus, die nach einem Anstieg auf niedrigem Niveau, jetzt weniger werden. Der höchste Wert waren knapp 15 Tote, Mitte Januar 2021 lag der 7-Tage-Schnitt der Corona-Todesopfer in London bei 213.

Kevin Fenton, Chef der Londoner Gesundheitsbehörde, sagte Sky News vor drei Tagen: "Wir glauben, dass wir den Höhepunkt überschritten haben oder gerade dabei sind.Die Daten des ONS [Office for National Statistics] deuten darauf hin, dass der Höhepunkt um oder kurz nach Neujahr erreicht wurde."

Weniger Kranke trotz schwächerer Impfquoten

Die rückläufigen Zahlen Londons sind umso interessanter, da die Impfquoten der Hauptstadt wesentlich niedriger als insgesamt im Vereinigten Königreich sind. Nur 62,6 Prozent der über 12-Jährigen haben zwei Dosen erhalten, lediglich 41,3 sind geboostert. Bei den über 60-Jährigen sind 80 bis 88 "vollständig" geimpft, 67 bis 68 Prozent haben eine Auffrischung erhalten.

Das könnte bedeuten, dass die Omikron-Welle in Ländern mit bescheideneren Impfquoten wie Deutschland einen ähnlichen Verlauf nimmt. Auch in den USA blickt man hoffnungsvoll nach Großbritannien. Dort erwarten laut "Newsweek" Wissenschaftler der University of Washington, dass die Welle um den 19. Januar herum bei etwa 1,2 Millionen Fällen täglich ihren Höhepunkt erreicht.

Höhepunkt nach einem Monat?

Das Datum kommt nicht von ungefähr, ziemlich genau am 19. Dezember begann sich die "Omikron-Mauer" in den Vereinigten Staaten aufzutürmen. Die Fallzahlen würden dann rasch fallen, sagt Modellierer Ali Mokdad. "Ganz einfach, weil sich dann jeder angesteckt hat, der sich anstecken konnte. Es geht so schnell runter, wie es nach oben ging."

In Deutschland steigen die Neuinfektion seit dem Jahreswechsel rapide an. Es könnte also sein, dass die Bundesrepublik den Höhepunkt der Omikron-Welle Ende Januar, Anfang Februar erlebt. Falls es so kommt, sind aber noch lange nicht alle Probleme vorbei, wie man an den britischen Krankenhäusern sieht. Auch während die Zahlen sinken, werden sich noch viele Menschen infizieren, sagte Lauren Ancel Meyers, Modelliererin der University of Texas "Newsweek".

In Ländern wie Deutschland, die mit einschränkenden Maßnahmen die Infektionen einzudämmen versuchen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Omikron-Welle niedriger, aber dafür länger ausfällt als in Großbritannien oder vielleicht auch den USA. Shabir Madhi von der südafrikanischen Universität Witwatersrand sagte "Newsweek", europäische Länder, die Sperren verhängten, kämen nicht unbedingt mit weniger Infektionen davon, die Fälle könnten nur über einen längeren Zeitraum verteilt werden.

So oder so wird Omikron einen Großteil der Bevölkerung erwischen. Basierend auf Berechnungen von Ali Mokdads Team, geht die WHO davon aus, dass bis sich bis Ende März jeder zweite Europäer infiziert haben wird.

Der Anfang vom Ende der Pandemie?

Omikron könnte letztendlich das Ende der Pandemie einleiten, hofft man. Denn Voraussetzung dafür ist, dass nahezu die gesamte Bevölkerung entweder durch Impfungen oder eine überstandene Infektion eine Grundimmunisierung aufweist, die folgende Covid-19-Infektionen weniger problematisch macht. Corona wäre dann wie die Grippe ein nicht ungefährliches saisonales Virus, das aber beherrschbar ist und ein normales Leben erlaubt.

Das kann und werde früher oder später auch so kommen, sagte Epidemiologe Timo Ulrichs bei Markus Lanz. Die "Durchseuchung" von Ungeimpften sei allerdings mit einem großen Risiko behaftet. Das sieht auch Virologe Christian Drosten so. Dem Deutschlandfunk sagte er, dass die Impflücke bei den über 60-Jährigen das größte Problem der Bundesrepublik sei. Knapp 3 Millionen (12,4 Prozent) der 24,1 Millionen Menschen dieser Altersgruppen haben keinen Impfschutz.

Impflücke hemmt Deutschland

Auf diese Menschen müsse man Rücksicht nehmen, weshalb Deutschland nicht so schnell die endemische Phase erreichen werde wie beispielsweise Spanien mit seinen hohen Impfquoten, so Drosten. "Das wird uns in einen extremen gesellschaftlichen, auch wirtschaftlichen Nachteil bringen gegenüber anderen Ländern, wenn wir das nicht hinbekommen und das holt uns auch zum nächsten Winter wieder ein."

Schließlich weist Ulrichs darauf hin, dass auch alles ganz anders kommen könne, wenn eine Variante käme, gegen die die erlangte Immunität nicht ausreiche. "Dann müssen wir nochmal ganz von vorne anfangen." Dieses Risiko könne man senken, indem man weltweit die Menschen impft.

Antikörper sind nicht alles

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Besonders skeptisch ist Mathematikerin Christina Pagel vom University College London. Sie glaube nicht, dass Antikörper viel mit Endemie zu tun haben. Obwohl sie seit Juli 2021 bei über 90 Prozent der erwachsenen Briten festgestellt wurden, habe man im Vereinigten Königreich seitdem 24 Millionen Infektionen, 140.000 Hospitalisierungen und 17.000 Tote gezählt. Alleine in diesem Jahr seien es bereits 1700 Tote, twitterte sie.

Pagel macht sich auch Sorgen um die ungeimpften Kinder. Sie weist auf deutlich gestiegene Krankenhauseinweisungen in den USA hin, von denen 60 Prozent wegen und nicht mit Covid-19 geschehen seien. Außerdem habe man in Großbritannien in den ersten Tagen des Jahres einen starken Anstieg der Hospitalisierungen bei den unter Fünfjährigen festgestellt. "Es mag eine nicht besorgniserregende Erklärung geben, aber wir müssen dringend verstehen, was passiert."

Quelle: ntv.de

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