Panorama

Massaker von Butscha "Der Mensch empfindet Lust am Töten"

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In dem Kiewer Vorort Butscha im Nordwesten der ukrainischen Hauptstadt liegen nach dem Abzug der russischen Armee Leichen erschossener Bürger auf den Straßen.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Gefesselte Zivilisten, durch einen Kopfschuss hingerichtet, verkohlte Leichen, Berichte von Misshandlungen und Folter. Die Grausamkeit und rohe Gewalt, mit der russische Truppen in Butscha vorgegangen sind, erschüttert die Welt. Dass im Krieg furchtbare Verbrechen verübt werden, ist dabei leider nicht neu. Sei es die Ermordung von Millionen Juden durch Deutsche im Zweiten Weltkrieg, der Genozid im Kosovo oder Folter und Hinrichtungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten. Am Ende steht immer die Frage: Wie können Menschen zu solchen Taten fähig sein?

Was für viele unfassbar ist, liegt für Thomas Elbert in der Natur des Menschen. Der Neuropsychologe, der an der Universität Konstanz zu Trauma und den Ursprüngen der menschlichen Gewalt- und Tötungsbereitschaft forscht, taucht mit ntv.de tief in die menschliche Psyche ab und erklärt, wann das Töten zur Lust wird.

ntv.de: Es sind grauenhafte Bilder und Schilderungen aus Butscha, die um die Welt gehen. Unvorstellbar, dass Menschen zu solchen Gräueltaten fähig sind. Was treibt Soldaten dennoch dazu?

Thomas Elbert: Der Mensch besitzt eine grundsätzliche Veranlagung dazu, aggressiv zu sein. Dabei gibt es drei grundlegende Motivationen für gewaltsames Verhalten. Zum einen die reaktive Form, die jeder kennt: Man fühlt sich bedroht und schießt zurück. Eine andere Art der Aggression kennzeichnet die des "Räubers". Sie erwartet Gewinn, sei es materieller Art oder soziales Ansehen und Dominanz. Einfach gesagt: Man will eine Bank überfallen und schießt deswegen. Und dann gibt es noch eine dritte Form, die gerne tabuisiert wird, weil sie das Schlechte im Menschen mit beinhaltet: Die Jagd auf Menschen, sogar das Töten kann Vergnügen bereiten, sie kann bis zu einem Blutrausch führen.

Wie meinen Sie das?

Der Mensch empfindet Lust an Gewalt und am Töten. Das wird als appetitive Aggression bezeichnet. Die Bereitschaft zu töten, entwickelte sich bereits schon bei den frühen Menschen der Steinzeit, wo Jagd an sich eine belohnende Funktion hatte und damit letztlich auch das Töten positiv erlebt wurde. Und fatalerweise kann auch die Jagd auf Menschen faszinierend und belohnend sein. Das Töten zieht einen in seinen Bann. Kämpfer in Kriegsregionen vergleichen diese Erfahrung mit einer Heroindosis, man empfindet dieses High und wird dann süchtig danach. Die unangenehme Wahrheit ist, dass es die erfolgreicheren Kämpfer sind. Das sind die Helden. Sie verspüren keine Angst oder Hemmungen. Ihr einziges Ziel ist es, den Feind zu erledigen.

Freude an Gewalt? Ist das nicht eigentlich Psychopathen oder Sadisten vorbehalten?

Natürlich trifft das insbesondere auf diese Art von Menschen zu, vor allem, wenn ihre Persönlichkeit als "dunkle Triade" einzustufen ist. Das ist eine Kombination aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Ich würde den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu zählen. In ihm steckt auf jeden Fall Machiavelli. Sprich: der Zweck heiligt alle Mittel. Dazu kommt meiner Meinung nach neben Psychopathie und Narzissmus vielleicht sogar noch ein Schuss Sadismus.

Das ist aber eher die Ausnahme?

Ja. Denn die meisten Menschen sind sehr soziale Wesen, sie helfen einander und sie kämpfen auch miteinander. In unserer Evolution war es so, dass die, die gemeinsam auf die Jagd gegangen sind, ein Mammut erlegen konnten. Für Alleinkämpfer war das unmöglich. Doch für die steinzeitlichen Jäger war es oft ein langwieriges und anstrengendes Unterfangen, ein Tier zu verletzen und ihm dann nachzujagen, um es endlich zu erledigen. Um das Jagdverhalten aufrechtzuerhalten, musste die Jagd vielmehr selbst motivieren, das Belohnungssystem aktivieren, Entbehrung und Schmerzen mussten mit Endorphin-Ausschüttung begegnet werden. Man wurde so in den Bann des Jagens hineingezogen.

Macht es für Soldaten im Krieg keinen Unterschied, ob sie Tiere oder Menschen jagen?

Der Lust auf Kampf und Jagd setzen jeder Kultur und Gesellschaft moralische Grenzen. So ist auch jedem klar, dass man Menschen nicht jagen darf. Wenn man nun aber die Menschen entmenschlicht, sie als Tiere bezeichnet, dann kann man auch auf sie Jagd machen. Wenn angeblich gegen "Untermenschen", "Kakerlaken" oder "Nazis" gekämpft wird, steigt die Bereitschaft zur Gewaltausübung. Es sind ja schließlich keine wirklichen Menschen. Aus dieser Dehumanisierung einerseits und der biologischen Anlage zu appetitiver Aggression andererseits resultiert dann nicht nur die Fähigkeit, den Feind ohne Empathie, sondern auch mit Lust abzuschlachten. Der Blutrausch wird zudem verstärkt durch mehrfache Kampferfahrungen.

Also führte auch die russische Propaganda zu Gräueltaten in Butscha?

Gute Propaganda ist die halbe Kriegsmaschinerie, besser als die besten Bomben. Man muss den Soldaten einen Grund liefern, warum sie ihre moralischen Hemmschwellen überwinden und andere Menschen schädigen sollen. Ist das einmal geschafft, legitimiert es alle Maßnahmen, bis hin zum Massenmord. Man denke nur an die deutsche Geschichte. Oder an den Völkermord in Ruanda, wo innerhalb von drei Monaten 800.000 Leute umgebracht worden sind. Nicht mit Gewehren, da sie ja keine hatten. Die meisten wurden erschlagen oder mit Macheten zerstückelt.

Sind wir alle zu solch grauenvollen Taten fähig?

Die Faszination an kriegerischen Auseinandersetzungen ist doch zumindest allen Männern bekannt. Vielleicht auch einem Teil der Frauen. Doch nicht alle sind bereit, zu töten. Das ist auch das Problem von Armeen. Viele erstmals kämpfenden Soldaten schießen gar nicht auf den Feind. Man braucht die doppelte Anzahl an Soldaten, weil die Hälfte vor der Gewalt zurückschreckt. Das erste Mal töten beschreiben viele Menschen als furchtbare Erfahrung. Aber beim zweiten oder dritten Mal kann sich das ins Gegenteil verkehren und als positiv wahrgenommen werden. Sind die moralischen Hemmschwellen überwunden, regt sich der Jäger beziehungsweise Kämpfer im Menschen.

Ist jemand, der Gewalt erfährt, eher bereit, Gewalt auszuüben?

Es gibt den Ausspruch "violence breeds violence", also Gewalt züchtet Gewalt. Das stimmt tatsächlich. Wir wissen, dass diejenigen, die Gewalt im Kinder- und Jugendalter erfahren haben, später mit höherer Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden. Und das sind auch eher diejenigen, die an die Front gehen, die anderen bleiben lieber hinter den Kampflinien. Wenn man sich die Kindheit von Söldnern anschaut, sind die alle schrecklich.

Wenn die moralischen Hemmschwellen gefestigt sind, wird es schwerer. Das Problem haben die Russen jetzt auch, dass die jungen Männer, die sie unerfahren in den Kampf schicken, eben nicht die grausamen Schlächter sind. Sondern es sind die, die bereits durch den Prozess von kriegerischen Auseinandersetzungen gegangen sind. Vermutlich waren in Butscha nicht die jungen Leute an vorderster "Front", sondern die älteren schlachterprobten Männer, die den Blutrausch vielleicht schon in Tschetschenien oder Syrien erlebt oder gar ausgelebt haben.

Können diese Täter wieder in eine friedvolle Gesellschaft zurückkehren?

Diese Menschen können über ihre Erfahrungen nicht ohne Weiteres berichten. Am Stammtisch will niemand hören, dass es ein Vergnügen war, Leute erschossen zu haben. Wenn die Gesellschaft das als negativ bewertet, kommt es häufig zur sozialen Isolation. Da traut man sich nicht mehr, die wahren Gefühle offenzulegen. Und die Nachfrage an sich selbst "Habe ich da richtig gehandelt?" treibt diese Leute vielfach in die seelische Not.

Mit Thomas Elbert sprach Hedviga Nyarsik

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 09. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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