Panorama

Spahn will Kontaktbeschränkungen Wieler: "Ganz Deutschland ist ein einziger Ausbruch"

Gesundheitsminister Spahn und RKI-Chef Wieler machen die Dringlichkeit weiterer Maßnahmen auf einer Pressekonferenz deutlich. Es brauche mehr als die vom Bundestag beschlossene 2G-Regel. Vor allem volle Intensivstationen geraten immer stärker in den Fokus. Patienten sollten frühzeitig verlegt werden.

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dringt wegen der rasanten Corona-Ausbreitung in Deutschland auf das schnelle Reduzieren von Kontakten. "Wir sind in einer nationalen Notlage", sagte der CDU-Politiker am heutigen Freitag. "Es ist zehn nach Zwölf." Jetzt brauche es daher eine nationale Kraftanstrengung, um gegenzusteuern.

Spahn verwies auf die von Bund und Ländern am gestrigen Donnerstag vereinbarten einheitlichen Schwellenwerte bei der Klinikbelastung, ab denen in den Ländern schärfere Corona-Maßnahmen greifen müssen. Die vorgesehenen Schritte mit flächendeckenden Zugangsregeln nur für Geimpfte und Genesene (2G) müssten konsequent umgesetzt und konsequent kontrolliert werden. Es gehe um einen "Lockdown für Ungeimpfte" und deutliche Kontaktbeschränkungen. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts sagte dazu sehr deutlich: "Es muss Schluss sein mit Laissez-faire-Haltung. Ende, aus."

Spahn und Wieler verdeutlichten ihre Position mit aktuellen Zahlen. Laut Spahn habe sich die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner in den letzten vier Wochen verfünffacht. Wieler sagte, dass mittlerweile 110 der 411 deutschen Land- und Stadtkreise einen Inzidenzwert über 500 habe, also jede vierte Region in Deutschland. Zwölf Regionen weisen aktuell sogar eine Inzidenz über 1000 aus. Im Moment gibt es mehr als eine halbe Million aktive Fälle im ganzen Land. Besonders schlimm seien derzeit Kinder betroffen. Im gesamten Bundesgebiet haben die 5- bis 14-Jährigen eine Inzidenz von mehr als 700. "Ganz Deutschland ist ein einziger Ausbruch", lautet daher Wielers dramatische Einschätzung.

Wieler: 2G-Regel reicht aktuell nicht

Der RKI-Chef Wieler, hält die von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossene flächendeckende 2G-Regel in der derzeitigen Pandemielage daher für nicht ausreichend. Die 2G-Regel sei sinnvoll, "in der aktuellen Situation reicht das nicht mehr", so Wieler. Er bekräftigte seine Forderung, Großveranstaltungen abzusagen, Hotspots wie schlecht belüftete Clubs und Bars zu schließen und private Kontakte zu reduzieren. Wieler sagte, darüber hinaus seien weitergehende Maßnahmen nötig. Die Menschen sollten auch "wenn möglich zu Hause bleiben" und keine Treffen mit vielen Menschen mehr machen. "Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen", so Wieler. Es müssten jetzt vor allem Kinder und ältere Menschen geschützt werden. Auch wenn nur wenige Kinder ernsthaft erkranken, wolle Wieler nicht, dass "auch nur ein einziges Kind in Deutschland verstirbt".

Minister Spahn verwies angesichts der angespannten Lage in Kliniken auch auf die Notwendigkeit, Intensivpatienten zu verlegen. Hier komme man in die Situation, nicht nur innerhalb der dafür vorgesehenen fünf Regionen in Deutschland, sondern erstmals in größerem Umfang auch überregional Patienten in andere Klinken verlegen zu müssen - und möglicherweise auch ins benachbarte Ausland. Darüber gebe es jede Woche Abstimmungen zwischen Bund und Ländern.

Auf kritische Fragen zum zögerlichen Handeln der Politik sagte Spahn selbstkritisch, er hätte vielleicht früher und deutlicher darauf hinweisen müssen, was in Deutschland passieren könne. Er stellte aber klar, dass regelmäßig auf den Pressekonferenzen über den Stand der Pandemie informiert wurde. Es habe auch rechtzeitig Hinweise zur notwendigen Impfung von Pflegepersonal gegeben, so Spahn. Aber: "Die einen haben bis zum Herbstbeginn ihre Pflegeheime durchgeimpft, die anderen haben dann erst begonnen", sagte der Gesundheitsminister.

Spahn macht Hoffnung bei Booster-Impfungen

Lothar Wieler bekräftigte für das RKI, dass jede der vier Wellen durch sein Institut rechtzeitig vorausgesagt wurde. "Dinge wurden klar angesprochen", so der RKI-Chef. Mit Blick auf eine frühere Aussage des Virologen Christian Drosten, er fühle sich manchmal wie ein Papagei, weil er ständig Dinge wiederhole, sagte Wieler: "Ich bin schon lange der Papagei".

In Sachen Impfungen machte Spahn ein wenig Hoffnung. Er sagte, dass über den Sommer lediglich 20.000 Arztpraxen bundesweit Impfungen durchgeführt hätten. Mittlerweile sind wieder 45.000 Praxen beteiligt. Die Zahl der Booster-Impfdosen steige demnächst weiter an. Aktuell läge die wöchentliche Lieferung bei rund vier Millionen Dosen, aber für die kommende Woche würden sechs Millionen Dosen geliefert. Allerdings, so Spahn, "Boostern bricht die Welle nicht kurzfristig". 5,2 Millionen Menschen in Deutschland hätten bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten. Das Tempo nehme weiter zu, so der Gesundheitsminister, aber es braucht aktuell mehr Anstrengungen, als nur Impfungen.

Quelle: ntv.de, als/dpa/AFP

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