Politik

Sechs Lehren aus dem Triell Das Ende des Schlafwagen-Wahlkampfs

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Die drei mühten sich, Abstand zu halten - das war gar nicht so einfach. Auch inhaltlich nicht.

(Foto: dpa)

Das Triell zwischen Baerbock, Laschet und Scholz ist vorbei - aber was haben wir nun gelernt? Da gibt es einiges festzuhalten, zum Thema Koalitionen, Laschet und Angela Merkel. Sechs Lehren zum TV-Wettstreit.

1. Laschet kämpft - sticht aber selten

Die Warnung vor einem "Schlafwagen-Wahlkampf" ist nicht neu. Die Kritik an Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet nahm zuletzt sogar noch zu, auch aus den eigenen Reihen. Doch beim Triell bei RTL und ntv zeigt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, dass er auch angreifen kann. Von Beginn an attackiert er die Kandidaten von Grünen und SPD, Annalena Baerbock und Olaf Scholz.

Dem Bundesfinanzminister und dessen SPD wirft Laschet etwa vor, den Kauf bewaffneter Drohnen zu verhindern - obwohl diese nötig seien. Den Grünen hält er vor, im März nicht für eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes gestimmt zu haben. Deutlich kritisiert er auch Scholz' Weigerung, eine Koalition mit der Linkspartei deutlich auszuschließen. So sehr Laschet aber auch angreift - die Attacken verfangen nicht immer. Scholz reagiert auf die Vorwürfe mit Merkel'scher Gelassenheit, Baerbock mit Gegenangriff. Doch auch wenn der CDU-Chef nur vereinzelt punkten kann, wird klar: Er ist bereit, zu kämpfen. "Schlafwagen-Wahlkampf" war einmal.

2. Baerbock ist noch da

Die Angst, aus dem Dreikampf ums Kanzleramt könnte einen Monat vor der Bundestagswahl doch noch ein Duell werden, dürfte bei den Grünen groß gewesen sein. Die Partei um Baerbock und Co-Chef Robert Habeck sah im Frühjahr wie der klare Herausforderer der Union aus, auf Augenhöhe, zeitweise sogar vor CDU und CSU. Dann kamen die Fehler, der Absturz und die Aufholjagd der SPD. Die Grünen drohten, zum dritten Rad am Wagen zu werden.

Doch im Triell zeigt Baerbock, was in ihr steckt: Sie argumentiert, bringt Fakten, pariert Angriffe. Als über Kinderarmut gesprochen wird, ist deutlich zu spüren, dass ihr das Thema nahegeht. Hier kann sie gegen Laschet punkten. Auch beim Kernthema ihrer Partei, dem Umwelt- und Klimaschutz, ist sie auf der Höhe. Die Potsdamerin, die in ihrem Wahlkreis ausgerechnet gegen Olaf Scholz antritt, zeigt, dass die Grünen zwar in Umfragen derzeit nur dritte Kraft sind, und damit hinter dem Anspruch liegen, mit dem sie im Frühjahr in den Wahlkampf gestartet sind. Doch abschreiben lassen will sich Baerbock nicht. An diesem Abend macht sie deutlich, dass sie bei der Regierungsbildung ein gehöriges Wörtchen mitsprechen will. Nur ein Moment ganz am Ende ist etwas zu viel des Guten: Da tritt sie zum Schlussstatement vor das Pult, warum auch immer.

3. Scholz zieht die Merkel-Karte

"Olaf Scholz kann Kanzlerin" - so steht es in einer Wahlanzeige der SPD. Und beim Triell will der Finanzminister offenbar den Beweis dafür antreten. Der Satz "Die Kanzlerin und ich …" oder auch "Ich und die Kanzlerin …" fällt mehrfach an diesem Abend. Scholz präsentiert sich immer wieder ausdrücklich als Teampartner von Angela Merkel. Was freilich ein Balanceakt ist, denn wenn es um Kritik am derzeitigen Kabinett geht, weist der SPD-Kandidat die Schuld auch ganz schnell von sich.

Scholz hat in Umfragen eine erstaunliche Aufholjagd gestartet. Liegt's an der SPD oder doch eher an der Schwäche der Konkurrenz? Egal, die Strategie der Genossen ist klar: Scholz als logischen Nachfolger der Kanzlerin präsentieren. Und beim Triell unterstreicht er, warum das aufgeht. Scholz lässt sich kaum aus der Reserve locken, bleibt ruhig, lenkt auch mal vom Thema ab, wenn es berechtigte Kritik gibt.

Als es um innere Sicherheit geht, punktet er gegen Laschet, dem er erklärt, dass es die Vorratsdatenspeicherung doch schon gebe. Gegenüber Baerbock bleibt Scholz wohlwollend, als sehe er in den Grünen bereits den Juniorpartner seiner Kanzlerschaft. Nur einmal gerät er in Bedrängnis, als Laschet eine klare Absage an ein Bündnis mit der Linkspartei fordert. Scholz reagiert, wie es Merkel bei so vielen Themen auch getan hat: Er spricht wortreich, legt sich aber dennoch nicht fest.

4. Die Koalitionsfrage ist völlig offen

Es ist so wahrscheinlich wie nie, dass es erstmals eine Dreier-Koalition geben könnte. Also, was haben wir beim Triell über Koalitionsoptionen gelernt? Zum Beispiel, dass Scholz und die SPD eine Koalition mit der Linken nicht ausschließen - anders als bei jeder vorangegangenen Wahl. Am liebsten will Scholz vermutlich eine Ampel (SPD, FDP, Grüne), aber sollten die Verhandlungen dazu scheitern, will er sich wohl die Option für Rot-Rot-Grün (SPD, Linke, Grüne) offenhalten. Vielleicht auch als Drohung, um besser mit Laschet und Lindner über eine mögliche Deutschland-Koalition (Schwarz-Rot-Gelb) verhandeln zu können.

Schwarz-Grün, das favorisierte Bündnis früherer Tage, wirkt dagegen immer unwahrscheinlicher - gerade beim Umgang mit dem Klimawandel liegen beide Parteien weit auseinander. Auch Laschet und Baerbock harmonieren nicht besonders, das ist beim Triell zu spüren. Jedenfalls nicht so wie Baerbock und Scholz, die sogar von Freundschaft sprechen. Auch inhaltlich sind Grüne und SPD näher beieinander. Die Frage ist dabei, was die FDP will, die das Zünglein an der Waage werden könnte. Kurzum: Bei den Koalitionen ist alles drin, abgesehen von Bündnissen mit der AfD.

5. Alle drängeln sich in der Mitte

Baerbock, Scholz und Laschet mühen sich, die Unterschiede ihrer Programme vorzutragen, doch das ist gar nicht so einfach. Alle wollen Klimaschutz, alle wollen soziale Gerechtigkeit, alle wollen eine Bundeswehr, die in der Lage ist, ihren Job zu machen. Kein Wunder, denn das ist, was die Mehrheit der Wähler will. Das ist die Mitte, und daher tummeln sich die drei Kandidaten genau dort. Das macht es schwer, die Unterschiede zu entdecken - das Heil liegt im Detail: Baerbock will mehr und schnelleren Klimaschutz als Laschet, der die Wirtschaft nicht überfordern will.

Die Grünen sagen auch Ja zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr und sind für eine gut ausgestattete Polizei. Aber die Union geht weiter, hätte kein Problem mit bewaffneten Drohnen und dem Zwei-Prozent-Ziel der Nato, anders als Teile der SPD. Nur für jene, die den Klimawandel als absolut größtes Thema sehen, und das sind nicht wenige, ist diese Wahl eine klare Richtungsentscheidung. In allen anderen Fragen sind keine Revolutionen zu erwarten. Da heben sich die drei anderen im Bundestag vertretenen Parteien stärker von Union, SPD und Grünen ab.

6. Es gibt keinen Sieger

Moment, da gibt es doch die repräsentative Forsa-Umfrage gleich nach der Sendung. Demnach finden 36 Prozent, dass Scholz das Triell gewonnen hat. Das ist zwar mehr Zustimmung als für die beiden anderen, doch überragend ist es nicht. Soll das nun ein Sieg sein? Vor allem aber führt die Frage nach einem objektiven Gewinner in die Irre. Ein Triell ist kein Fußballspiel. Zwar kann bewertet werden, wer rhetorisch besser war oder wer seine Argumente am besten rübergebracht hat. Doch es geht nicht nur darum, wer sich gut verkaufen kann, sondern auch darum, in welche Richtung die künftige Kanzlerin oder der künftige Kanzler uns führen möchte.

Wir suchen keinen Schiffsmechaniker, der den Motor reparieren kann. Wir suchen jemanden für die Brücke, einen Kapitän oder eine Kapitänin. Jemanden mit einer Idee, wo es mit dem großen Dampfer namens Deutschland hingehen soll. In der Wahlkabine wird entschieden, wer und vor allem welche Route überzeugender ist. Und das kann die Union sein, auch wenn einem Baerbocks Auftritt besser gefiel. Oder umgekehrt.

Quelle: ntv.de

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