Politik

Habeck - Kanzlerkandidat 2025? Der versetzte Mann

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Habeck geht fortan einen halben Schritt hinter Baerbock.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Schleswig-Holstein hat er alles: Macht, Erfolg, Anerkennung. Für Klima und Partei zieht Robert Habeck nach Berlin, um Bundespolitik zu machen. Doch gerade weil ihm das so gut gelingt, muss er seinen Traum vom Kanzleramt begraben - vorerst.

Ob Robert Habeck sich in Jeans und Hemd zum Kanzlerkandidaten hätte ausrufen lassen? In diesem Outfit betritt er am vergangenen Montag - dem wie er später der "Zeit" sagt, "schwersten Tag" seiner politischen Laufbahn - die Bühne und besiegelt seine "persönliche Niederlage": Nicht er ist erster und erstaunlich aussichtsreicher Kanzlerkandidat der Grünen. Kanzlerkandidatin ist seine Co-Parteivorsitzende Annalena Baerbock. Man tut ihr nicht Unrecht, wenn man festhält, dass die Grünen ohne Habeck wahrscheinlich gar nicht erst in die Position gekommen wären, überhaupt vom Kanzleramt zu träumen. Dass Habeck trotzdem sagen muss "Annalena, bitte, die Bühne gehört dir", bezeichnet Habeck hernach als "bittersüßen" Moment. Die Betonung liegt, da macht er keinen Hehl draus, auf "bitter".

Rückblende: Im Januar 2018 verabschiedet die Bundesdelegiertenkonferenz eigens eine "Lex Habeck", die es dem charismatischen Umweltminister von Schleswig-Holstein erlaubt, acht Monate lang gleichzeitig Minister und Parteivorsitzender zu sein. Die Lockerung der den Grünen heiligen Trennung von Amt und Mandat ist gerade auf dem linken Flügel der Partei umstritten. Prominente Partei-Linke wie Jürgen Tritten setzen sich dennoch dafür ein, um Habeck eine ordentliche Amtsübergabe in Kiel zu ermöglichen. Das zeigt, wie viel Hoffnung die Parteiführung in den Mann aus dem hohen Norden setzt; in den freundlichen Philosophen und Autoren, der damals schon gleichermaßen Regierungserfolge als Minister und hohe Fernseh-Tauglichkeit vorweisen kann.

Wichtige Wahlen, zuletzt die Bundestagswahl 2017, sind trotz zwischenzeitlicher Umfragehöhen am Ende stets enttäuschend ausgegangen für die Grünen. Habeck ist damals ein Versprechen, dass es auch einmal anders laufen könnte. Ungewöhnlich an seiner Inthronisierung an der Parteispitze ist auch die Wahl seiner Co-Vorsitzenden: Die müsste dem Partei-Proporz folgend eine Linke sein, stattdessen setzt sich die junge, weitgehend unbekannte Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock durch; eine den Realos zugerechnete Politikerin wie auch Habeck. Es droht nicht nur Unmut bei den Parteilinken, sondern auch, dass erneut eine junge Frau unter die Räder eines erfahrenen Alpha-Politikers gerät. Das ungleiche Duo Cem Özdemir und Simone Peters ist der Partei ein mahnendes Beispiel des Scheiterns.

Lange liegt er vorn

Es liegt zu einem großen Teil an Habeck, dass alles ganz anders kommt. Er bringt aus Schleswig-Holstein zweierlei mit: die gelebte Erfahrung, dass ohne Flügelkämpfe selbst ein zuvor besonders gespaltener Landesverband wie der seinige mehr Erfolg hat. Und die Überzeugung, dass Konkurrenz nicht ausschließt, aneinander wachsen zu können. Der beliebte Talkshow-Gast Habeck teilt das Rampenlicht; lässt Baerbock Raum, selbst zu glänzen. Auch als sie in puncto Bekanntheit und Beliebtheit aufholt und bald auf Augenhöhe zu ihm wahrgenommen wird, beißt er sie nicht weg. Habeck spricht von einem "neuen Verständnis von Macht und Führung", das er zusammen mit Baerbock habe etablieren wollen.

Dieses Verständnis gilt nicht nur für den Umgang zwischen den beiden: Die Grünen verfolgen drei Jahre lang ein Konzept, das politische Zielsetzungen mit sorgsamer Inszenierung verknüpft. An ihrer Seite: der erfahrene Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Für die Außendarstellung bringt Habeck die Pressesprecherin seines Ministeriums aus Kiel mit nach Berlin: Nicola Kabel übernimmt zwei Monate nach Habecks Wahl die Leitung der Grünen-Pressestelle. Habeck ist in den ersten zwei Jahren die klare Nummer eins-a unter zwei Gleichgestellten. Im "Zeit"-Interview räumt er diese Woche ein: Wäre die Große Koalition vorzeitig auseinandergegangen, die Spitzenkandidatur wäre ihm zugefallen - auch weil die Kanzlerkandidatinnen der anderen womöglich Frauen gewesen wären, etwa Annegret Kramp-Karrenbauer für die Union oder Andrea Nahles für die SPD.

"Dass Annalena eine Frau ist in einem ansonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales Kriterium", sagt Habeck über die Gründe, die den Ausschlag gaben, als kurz vor Ostern die Entscheidung zwischen beiden fiel. Weder er noch Baerbock verheimlichen, dass die Diskussion aufreibend gewesen sein muss. "Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen", sagt er.

Zugeständnisse an ein großes Ziel

Schon in seinem im Winter erschienenen Buch "Von hier an anders" bekundete Habeck, dass die Zeit als Parteivorsitzender ohne Regierungsamt oder Abgeordnetenmandat ihm zwar viele lehrreiche Begegnungen in der ganzen Republik ermöglicht habe, es ihn aber mit Macht zurück auf eine gestaltende Position drängt. "Ich hatte als Minister in Schleswig-Holstein einen gesellschaftlichen Konflikt nach dem nächsten an der Backe", schreibt Habeck und berichtet mit erkennbarem Stolz, wie er diese Konflikte gelöst hat: Indem er zwar das Ziel vorgegeben, aber die Gegenseite - Fischer, Landwirte, Windradgegner - in die Erarbeitung des Wie eingebunden habe. Das wollte Habeck nun auch im ganz großen Maßstab ausprobieren.

Die Jahre als Parteivorsitzender dienten der Vorbereitung, der Vorbereitung der Partei und der Öffentlichkeit darauf, dass er oder eventuell sie das Unwahrscheinliche wahr machen würden. Der Teil-Umzug nach Berlin, die vielen zehrenden Stunden in Parteigremien, das ständige Reisen und Reden anstatt selbst zu gestalten: All dies waren Zugeständnisse an ein höheres Ziel einer vom denkbar höchsten Ziel getriebenen Partei. Zu diesen Konzessionen gehörte auch, öffentliche Kränkungen hinzunehmen. Diese passierten immer öfter, je mehr ihm in Interviews Fehler unterliefen, während Baerbock Detailwissen demonstrierte.

Verletzt und gekränkt

Die teils ätzende Kritik in Medien und sozialen Netzwerken hat Habeck zugesetzt, wie auch Menschen die ihn kennen, bestätigen. Im "Zeit"-Interview spricht Habeck selbst darüber: "Meine Arbeit als Minister spielte in dem Moment keine Rolle mehr, in dem ich in Berlin aufgetreten bin. Ich wurde auf einmal über Äußerlichkeiten beschrieben und nicht über meine Leistungsbilanz und Erfahrung." Er habe den Umgang mit ihm gar als "sexistisch" empfunden.

Tatsächlich hat sich die Erzählung vom gutaussehenden Buchautor mit dem sanften Auftreten festgesetzt in der Berichterstattung über Habeck. Er hat dieses Narrativ aber auch selbst gerne bedient, seinen Status als Popstar der Grünen genossen. Habeck im Watt, Habeck mit Pferden: Wer seinen Instagram-Account oder seine Website besucht, findet Fotos von einem Mann, der auch für Fairtrade-Alpaka-Pullover oder friesisch-herbes Bier modeln könnte. Das Bemühen um bildliche Gleichnisse in seinen Reden schlägt mitunter irre Volten, wie zuletzt auf der Bundesdelegiertenkonferenz im Herbst. Dass Habeck der Umgang der Presse mit seiner Person dennoch so anfasst, könnte aus Parteisicht ein weiteres Argument für die so tough auftretende Baerbock gewesen sein.

Winkt ein Ministerium

Die Öffentlichkeit muss selbst entscheiden, ob sie Habecks öffentliche Trauer um die verlorene Chance als Ausweis von Stärke begreift - als Zeichen seiner Souveränität als emanzipierter Mann und Beleg ihrer Durchsetzungskraft. Oder ob Habeck Baerbock nicht doch ein bisschen kleiner macht, wenn er betont, dass ihre Weiblichkeit Kernthema und seine Kompetenz nur Randaspekt bei der Entscheidungsfindung war. Selbst in seiner kurzen Anmoderation bei Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur erwähnt Habeck, Erfahrung als Minister und in "mehrfach erfolgreichen Koalitionsverhandlungen" zu haben.

Der Mann, der fortan einen halben Schritt hinter Baerbock gehen soll - so hatten beide einmal die Rolle des Verlierers beschrieben - arbeitet nicht mehr für die eigene Kanzlerschaft. Sondern für die Kanzlerschaft der Frau, die ohne ihn vielleicht nie, jedenfalls jetzt noch keine Chance darauf gehabt hätte. Eine ähnliche Erfahrung hat Habeck schon einmal gemacht bei der Landtagswahl 2012. Damals war er der Spitzenkandidat. Auf Platz eins der Landesliste stand aber, wie bei den Grünen üblich, eine Frau: Monika Heinold. Habeck folgte auf Platz zwei. Heinold fiel nach den Koalitionsverhandlungen das mächtige Finanzministerium zu, Habeck wurde Minister für Umwelt und Energiewende. Aus seinem vergleichsweise kleinen Ressort machte er für sich das Beste und wurde damit bundesweit bekannt.

Auf die Frage der "Zeit", ob es einen Deal zwischen Baerbock und ihm für die Zeit nach der Bundestagswahl gebe, schweigt Habeck vielsagend. Sollten die Grünen in der nächsten Bundesregierung aber nur Juniorpartner werden, ließe sich spekulieren, ob bei der Vergabe der Ministerien Habeck ein Erstzugriffsrecht zukommt - zum Beispiel auf ein Energiewende-Superministerium - und Baerbock erst danach wählen darf. Dann könnte er endlich gestalten und erhielte womöglich 2025 eine zweite Chance auf die Kanzlerkandidatur, vielleicht sogar in Jeans und schwarzem Hemd.

Quelle: ntv.de

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