Politik

Junge wählen Grüne und FDP Die Jugend schreit nach Bildung und Klima

Demonstranten mit Plakaten. Foto: David Young/dpa/Symbolbild

Fridays-for-Future-Demonstranten gehörten wohl auch zu den Jungwählerinnen und Jungwählern der Grünen.

(Foto: David Young/dpa/Symbolbild)

Grüne und FDP könnten unterschiedlicher kaum sein, und dennoch erhalten sie die meisten Stimmen von Jungwählerinnen und Jungwählern. Woran liegt das? Es geht um Schwerpunkte, das Internet - und Außenwirkung für Frauen und Männer.

Die FDP habe einen guten Wahlkampf "auf der Linie junger Leute" gemacht und "in die Zukunft weisende, positive Strategien" an den Tag gelegt, die bei der Jugend gut angekommen seien. So analysiert Parteienforscher Peter Lösche im "Spiegel" den Hang der Jungwählerinnen und -wähler zu den Freien Demokraten. Das war vor mehr als 21 Jahren, im Mai 2000, bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Doch die Worte des mittlerweile verstorbenen Politikwissenschaftlers gelten auch nach der Bundestagswahl 2021: Die FDP kommt bei Jungwählern gut an.

Eine bundesweite Forsa-Umfrage sagte im Juni noch voraus, 42 Prozent der etwa 2,8 Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler würden die Grünen wählen, gefolgt von der Union mit 24 Prozent. Am Ende gewann dort die FDP gemeinsam mit den Grünen mit jeweils 23 Prozent weit vor den bisherigen Regierungsparteien. Hier liegt der Unterschied zum Jahr 2000: "Die Jüngeren können mit den angestaubten Ökothemen nicht viel anfangen", sagte Lösche damals.

In der gesamten Gruppe der Wählerinnen und Wähler im Alter von 18 bis einschließlich 24 Jahren lagen die Grünen bei der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag mit 23 Prozent zwei Prozentpunkte vor der FDP. In der Gruppe der unter 30-Jährigen verzeichneten die Grünen laut Forschungsgruppe Wahlen die höchsten Zuwächse. Warum aber schneiden FPD und Grüne so gut ab bei den Jüngeren und welche Themen bewegen diese Jungwählerinnen und -wähler?

Repräsentative Umfragen dazu gibt es noch nicht. Im Nachgang der Bundestagswahl haben die Journalisten von Krautreporter.de aber mit jungen FDP-Wählern gesprochen. Von FDP und Grünen als einzige Parteien, "die eine Zukunftsvision zeichnen", ist da die Rede ähnlich wie bei Lösche. Von der Digitalisierung, vom Netzausbau und von einer zu stark veralteten Verwaltung, wo es "dringend vorangehen" müsse und man "bei der FDP die größten Kompetenzen" sehe. Von einer Regierung, die endlich für "Bildung und sozialen Aufstieg sorgen soll".

Digitalisierung, Bildung, Corona

Ähnlich erklärt sich Daniel Hellmann vom Institut für Parlamentarismusforschung in Berlin die vielen Kreuzchen bei den Liberalen. "Junge Leute identifizieren sich mit der Themen- und Schwerpunktsetzung, die die FDP besonders seit dem Rebranding 2014 besetzt", sagt der Politikwissenschaftler ntv.de: "Digitalisierung und Bildung." Es geht um Ausbildung, Aufstieg und Befähigung.

Zwar gebe es dazu noch keine Zahlen, aber Hellmann mutmaßt, dass auch die Corona-Pandemie, die Schwächen im Bildungssektor offengelegt habe, der FDP in die Hände spielte. "Die FDP hat sich kritischer gegenüber schärferen Corona-Maßnahmen positioniert als die anderen demokratischen Parteien, und ihr gelang der Spagat zwischen der radikalen Kritik der AfD und der restriktiven Politik der Regierung." Obwohl die Freien Demokraten in verschiedenen Landesregierungen Lockdowns mittrugen, konnten sie wohl bei Forderungen nach Öffnungen von Schulen und Universitäten bei der Jugend punkten.

Das deckt sich mit Jungwähler-Aussagen bei den Krautreportern, wo es heißt: "In unserer ganzen Schullaufbahn, ganz besonders während Corona, ist uns einfach immer wieder gezeigt worden, dass der Staat kein Ermöglicher ist, sondern Verhinderer." Er habe während der Corona-Pandemie "uns junge Menschen hängen und allein" gelassen. Die meisten der 18- bis 24-Jährigen dürften die FDP nur als Oppositionspartei wahrnehmen, für sie spielt eine Erinnerung an die zweite von Bundeskanzlerin Angela Merkel gebildete Regierung, die zwischen 2009 und 2013 bei den Themen Bildung und Bürokratieabbau nicht wirklich vorankam, keine Rolle.

Klima und Online

"Klimaschutz ist eins der Zukunftsthemen für junge Menschen", sagt Hellmann, "und hier punkten natürlich die Grünen." Grüne Jungwähler, die zum Teil in der Fridays-for-Future-Bewegung aktiv sind, sind im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen FDP-Anhängern mit staatlichen Regelungen und Verboten einverstanden, um das Klima und den Planeten zu retten. Übereinstimmung gab es in einem anderen Punkt: Auch sie wollten die Union unbedingt abwählen.

Parteibindungen gibt es bei jungen Wählerinnen und Wählern laut Hellmann noch kaum, meist sei eher das soziale Umfeld ausschlaggebend für das Kreuzchen. Was aber neben Inhalten wirke, seien Personen. "Annalena Baerbock mit 40 Jahren und Christian Lindner mit 42 Jahren als jüngere Spitzenkandidaten dürften gezogen haben", so der Politikwissenschaftler. Im Vergleich zu Olaf Scholz oder Armin Laschet etwa. Auch Forsa-Chef Manfred Güllner sagte ntv.de: "Herr Lindner ist für die Jungen akzeptabler und keiner der älteren Onkel."

Neben der Identifikationsfläche hätten Grün und Gelb laut Hellmann einfach auch einen Wahlkampf geboten, der junge Leute ansprach - zum Beispiel via Social Media. "Die Glaubwürdigkeit des medialen Auftritts im Netz hat auch mit dem Alter zu tun", erklärt der Politikwissenschaftler. "Das kauft man Baerbock und Lindner eher ab als Scholz und Laschet." Besonders der FDP-Chef habe in den sozialen Medien eine gute Figur abgegeben. So erreichten die Liberalen online mutmaßlich mehr Menschen - größtenteils junge - als andere Parteien.

Grüne Frauen, gelbe Männer

Bezeichnenderweise schneiden die Grünen mit einer Spitzenkandidatin besonders gut unter Jungwählerinnen ab und die Freien Demokraten bei jungen Männern. "Die Grünen haben deutlich mehr Frauen an der Basis und in Spitzenpositionen", sagt Hellmann, "sie haben paritätisch zusammengesetzte Fraktionen." Das wirkt natürlich, Wählerinnen haben Vorbilder in der Partei. Die grüne Fraktion wuchs mit der Bundestagswahl auf 118 Abgeordnete. Und wieder liegt der Frauenanteil über 50 Prozent. Junge und ehrgeizige weibliche Neuzugänge tun ihr übriges - wie die 26-jährige Zoe Mayer, die in Karlsruhe das Direktmandat holte, oder Jamila Schäfer (28 Jahre), der in München mit ihrem Direktmandat eine kleine politische Sensation gelang. Auch die Transfrauen Nyke Slawik und Tessa Ganserer, die für einen Sitz im Parlament antraten und diesen gewannen, könnten für Diversität einstehende junge Menschen ein Grund gewesen sein, Grün zu wählen.

Bei der FDP sieht das anders aus. "Die Partei ist in ihrer Außenwirkung für Frauen weniger attraktiv", sagt Politikwissenschaftler Hellmann. Die Liberalen haben gerade einmal einen Frauenanteil von 22 Prozent. Bei konservativen jungen Männern kommen die Parteistrukturen allerdings gut an. Mittlerweile gibt es in der Partei viele junge, nach oben strebende Politiker, was ein Grund für die wachsende junge männliche Wählerschaft sein könnte. Werbung für Wählerinnen aber sieht anders aus: Als eine der wenigen Frauen in sichtbarer Führungsposition in der Partie wurde Generalsekretärin Linda Teuteberg vor einem Jahr gegangen und Lindner machte in seiner Rede auf dem Bundesparteitag einen zumindest sexistisch angehauchten Spruch, für den er sich später entschuldigte.

Grün-Gelbe Dominanz?

Als bekannt wurde, wie erfolgreich die FDP unter Jung- und Erstwählern war, jubelte die FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann auf Twitter: "Die Zukunft ist liberal." Dominieren also in zwanzig Jahren Grün und Gelb dank der vielen Jungwählerinnen und Jungwähler von heute? So einfach ist das nicht, denn was ihre Kreuzchen aus diesem Jahr für die Parteienlandschaft der Zukunft bedeuten, ist kaum vorhersehbar. Laut Hellmann gibt es einen Trend zur "steigenden Volatilität der Wählerschaft". Die Leute wählen häufig anders als beim Mal zuvor. So stimmte bei der Bundestagswahl 2017 etwa ein Viertel der Altersgruppe unter 25 für die Union, die Grünen erhielten damals lediglich 13, die FDP 12 Prozent der Stimmen.

Allerdings ist definitiv erkennbar, dass die Stammwählerschaften der Volksparteien immer mehr schwinden. Der Einfluss von Grünen und Liberalen könnte also weiter steigen. Und auch Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung bleiben mit absoluter Sicherheit noch viele Jahre Themen.

Quelle: ntv.de

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