Politik

Jens Spahns "neue Normalität" Die Richtung stimmt, doch der Weg ist weit

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Gesundheitsminister Spahn hält den Corona-Ausbruch inzwischen für "beherrschbar".

(Foto: REUTERS)

Die Bundesregierung hat eigentlich Grund zur Freude: Die Infektionszahlen fallen unerwartet deutlich. Doch der eingeschlagene Weg im Umgang mit dem Coronavirus ist nicht leicht zu vermitteln: Gerade weil er funktioniert, soll der Ausnahmezustand auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten bleiben.

Die sorgenvolle Miene ist einer routinierten Ernsthaftigkeit gewichen. Am Freitag, den 17. April ist ein für seine Verhältnisse geradezu entspannter Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu erleben. "Die Infektionszahlen sind deutlich gesunken, vor allem auch die relativen Steigerungen von Tag zu Tag", freut sich der CDU-Politiker auf der Bundespressekonferenz und wagt so etwas wie ein Lächeln. Der Corona-Ausbruch sei in Deutschland wieder "beherrschbar", der Shutdown der vergangenen drei Wochen sei "erfolgreich" gewesen. Der neben Spahn sitzende Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, spricht von einem "wirklich guten Zwischenergebnis".

Im Folgenden drehen sich die Fragen der Journalistinnen und Journalisten vor allem um einen spannenden Kennwert: 0,7. So hoch lag am Donnerstag die Reproduktionszahl von Sars-CoV-2 in der Bundesrepublik. Ein Infizierter steckte im Schnitt weniger als eine Person an. Zehn Infizierte führten zu sieben Neuinfizierten, die zu rund fünf Neuinfizierten führen und so weiter. Theoretisch fallen die Infektionszahlen gerade, die gefürchtete exponentielle Corona-Ausbreitung ist fürs Erste verhindert.

Welche Zahl zählt gerade?

Spahn, das restliche Bundeskabinett und die Länderregierungen dürften einigermaßen erleichtert sein, dass diese an sich erfreuliche Zahl erst jetzt bekannt wird. Schließlich haben die politisch Verantwortlichen zwei Tage zuvor beschlossen, den Ausnahmezustand grundsätzlich beizubehalten. Das trifft auf Widerstand: bei Betreibern von Geschäften mit großer Verkaufsfläche, bei entnervten Eltern mit Kindern im Kita-Alter, bei am Gottesdienst gehinderten Vorbetern.

Auch die Opposition macht Druck, fordert einen Fahrplan zum Ende der Ausgangssperren, allen voran die FDP. Doch Spahn, Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen Regierungspolitiker tun sich genau damit schwer: Einen Plan und Kriterien zu benennen, die für alle verständlich machen, wann die Krise vorbei ist. Deutschland, sagt Spahn, erlebe "eine Epidemie, bei der wir nicht wissen, wie lange sie dauern wird".

Wie der Gesundheitsminister einräumt, ist die nun vielfach debattierte Reproduktionszahl R auch nur die neueste Mode in der politischen Kommunikation in Zeiten von Corona. Zuvor war es mal um die Verdoppelungszahl gegangenen, also den Zeitraum, in dem sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Davor ging es um die Durchseuchung, also um die notwendige Zahl von genesenen Infizierten, die das Virus daran hindert, immer neue Wirte zu finden.

Zu viele Tote, zu langer Zeitraum

Die damals diskutierten, zugehörigen Zahlen sind inzwischen scheinbar ohne Wert. Die Kanzlerin hatte vor drei Wochen davon gesprochen, das Ziel sei mindestens eine Verdoppelung der Infiziertenzahlen alle zehn bis 14 Tage. Inzwischen hat Deutschland einen doppelt so hohen Wert erreicht: Mit einer Verdoppelung der Infiziertenzahlen alle 28 Tage liegt die Bundesrepublik gleichauf mit Frankreich, Italien und Spanien, die noch früher noch strengere Sperren verhängt hatten.

*Datenschutz

Von der kontrollierten Durchseuchung ist gar nicht mehr die Rede. Wenn es kein Impfmittel und kein Medikament gäbe, müssten sich bis zu 70 Prozent mit Sars-CoV-2 anstecken, um eine Herdenimmunität zu erreichen, hatte Merkel am 12. März unter Berufung auf ihre Experten gesagt. Zwei Erkenntnisse haben das Thema Durchseuchung seither in den Hintergrund treten lassen: die zu erwartenden Opferzahlen und der notwendige Zeitraum.

So errechnete etwa die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie Anfang April, dass eine Durchseuchung bis zu 1,2 Millionen Covid-19-Tote allein in Deutschland bedeuten würde. Eine kontrollierte Durchseuchung mit möglicherweise weniger Toten würde Jahre dauern. Der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Institut rechnet im Berliner "Tagespiegel" vor, dass eine Durchseuchung mit der Reproduktionszahl eins theoretisch 25 Jahre bräuchte.

Dass eine Durchseuchung zu lange dauern würde, sieht auch Spahn so: "Sagen wir, wir hätten eine zehnfache Dunkelziffer, dann hätten wir trotzdem nur 1,3 Millionen Infizierte", sagt er auf der Bundespressekonferenz und wiederholt: "Eine Pandemie endet dann, wenn 60 bis 70 Prozent einer Bevölkerung infiziert sind." Das wäre so oder so noch sehr lange hin.

Von dynamisch zu linear

Der andere, nicht mehr oft genannte Kennwert kommt auch zur Sprache: "Die Verdopplungszeit hat am Anfang Sinn gemacht", sagt Spahn. "Wir haben es geschafft, das dynamische Wachstum zurückzubringen zu einem linearen Wachstum." Nun folgt das, was Spahn eher beiläufig "neue Normalität" tauft: das Leben mit Corona. Und da spielt ein vierter Wert - neben der Durchseuchung, der Verdoppelungs- und der Reproduktionszahl - eine entscheidende Rolle: die absolute Zahl an Neuinfektionen.

Denn was sich die Regierungen in Bund und Ländern vorgenommen haben, ist, das Infektionsgeschehen fortan unter Kontrolle zu halten. Das heißt, der Ausnahmezustand bleibt erst einmal, auch wenn hier und da mit Lockerungen experimentiert wird. So lange, bis ein Impfstoff da ist oder ein Medikament, das die Zahl der Covid-19-Intensivfälle drastisch senkt. Beides wird deutlich schneller kommen als die Durchseuchung mit ihren hohen Totenzahlen. Hierfür muss aber die absolute Zahl der Neuinfektionen niedrig bleiben.

Wie viel Fälle sind kontrollierbar?

Die Reproduktionszahl 0,7 beschreibt nämlich nicht das ganze Infektionsgeschehen, sondern umfasst alle Fälle in Deutschland. Die Brandherde der Corona-Epidemie sind aber lokal und sollen es nach Möglichkeit auch bleiben. In Schwerpunktregionen ist die Reproduktion derzeit deutlich höher als 0,7. Und gerade deshalb müssen dort möglichst alle Fälle erfasst und ihre Kontaktpersonen nachvollzogen werden, auf dass sie alle in Quarantäne gehen. Auf Nachfrage sagt Spahn, dass beispielsweise 3000 neue Fälle pro Tag noch zu handhaben wären. "Bei 50.000 alle Kontakte nachzuverfolgen, ist sicherlich ohne Technologie nicht schaffbar."

Damit spielt Spahn auf die sogenannte Tracing-App an, die es ermöglichen soll, Kontaktpersonen von Infizierten via Handy-Anwendung nachzuverfolgen und anzusprechen. Die App soll aber erst im Mai kommen. Experten haben Zweifel angesichts der hohen Erwartungen. Zum einen gäbe es noch andere Infizierungswege als den direkten Kontakt zwischen Menschen und zum anderen würde die App in einigen Fällen sehr, sehr viele potenzielle Kontaktpersonen identifizieren, von denen sich aber womöglich nur ein Bruchteil tatsächlich angesteckt habe.

Mehrere Monate, mindestens

Also auch mit Technologie wird das Infektionsgeschehen womöglich nicht leicht beherrschbar sein, sobald die Menschen wieder vermehrt Kontakte pflegen. Ferner ist die nicht lückenlose Nachvollziehbarkeit von Infektionswegen nicht die einzige Schwäche des gefassten Plans. Spahn räumt in der Bundespressekonferenz ein, dass es jetzt schon zu wenig benötigtes Material auf dem Weltmarkt gibt, um die vorhandenen Testlabore voll zu bedienen. Das massenhafte Testen ist aber eine Säule des Vorhabens.

So fährt die Bundesregierung bis auf weiteres auf Sicht und will alle zwei Wochen über die verhängten Maßnahmen sprechen. Wann diese enden, also wann mit einem Impfmittel zu rechnen ist, darüber spricht Spahn lieber nicht. Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, zeigt sich auf der Bundespressekonferenz enthusiastisch über die rasanten Fortschritte bei der weltweiten Arbeit am Impfstoff. In seiner Welt ist die Entwicklung eines solchen Medikaments binnen Monaten sensationell. Einem Minister dagegen, der seiner Bevölkerung die unbefristete Fortdauer immenser Einschränkungen als "neue Normalität" verkaufen muss, kommen mehrere Monate sehr lang vor.

Quelle: ntv.de