Politik

Studie zu Armut im Alter Rentenpläne von Heil und GroKo fallen durch

imago90878682h.jpg

Besonders viele Frauen sind im Alter auf die Grundsicherung angewiesen.

(Foto: imago images / photothek)

Reformen des Rentensystems sind teuer. Doch welche lohnen sich? Eine Studie der Bertelsmann Stiftung stellt fest: Zwei aktuelle Konzepte für die Grundrente zahlen sich nur bedingt aus. Das Armutsrisiko im Alter wird weiter steigen. Manche Gruppen sind davon besonders betroffen.

Immer mehr Menschen in Deutschland drohen im Alter zu verarmen. In 20 Jahren könnte mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland von Altersarmut betroffen sein. Christof Schiller, Studienleiter bei der Bertelsmann Stiftung, fordert daher sowohl "beschäftigungspolitische Maßnahmen, um Risikogruppen noch besser in Arbeit zu bringen" als auch "zielgenaue Reformen des Rentensystems". Beides sei "notwendig, um den Anstieg der Altersarmut zu bremsen."

Derzeit ringt die Große Koalition noch um ein endgültiges Konzept. Der Bundestag debattiert über das Budget der einzelnen Ressorts. Besonders viel würde die geplante Grundrente von SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil kosten. Auf rund sieben Milliarden Euro Mehrkosten wird sie geschätzt. Ob sich das lohnt, hat jetzt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung auf Grundlage repräsentativer Haushaltsdaten untersucht. Das ernüchternde Ergebnis: Sowohl Heils Pläne als auch die im Koalitionsvertrag vorgesehene Variante sind entweder nicht zielgenau oder greifen zu kurz.

Die Studienautoren berechneten dafür zunächst die Szenarien, wie sich Altersarmut ohne Reformen und bei weiterhin positiver Entwicklung des Arbeitsmarkts sowie der Erwerbsquoten entwickeln wird. Sie stellten fest: Die Grundsicherungsquote wird bis 2039 von aktuell 9 Prozent auf knapp 12 Prozent steigen. Die Quote gibt den Anteil der Rentner an, die zusätzlich auf staatliche Unterstützung zur Existenzsicherung angewiesen sind. Die Schwelle liegt dabei für einen Ein-Personen-Haushalt bei etwa 777 Euro.

Frauen und Geringqualifizierte gehören zu Risikogruppen

Manche Gruppen sind laut der Bertelsmann-Studie besonders gefährdet. Am höchsten ist das Risiko für Altersarmut für Menschen mit Migrationshintergrund. 22,8 Prozent von diesen Rentnern werden in 20 Jahren Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen - schon jetzt sind es 14,6 Prozent.

Auch bei Personen ohne Berufsschulabschluss steigt das Risiko weiter an - es wird beinahe doppelt so hoch wie beim Durchschnitt. Zwischen 2019 und 2039 steigt die Grundsicherungsquote für die Gruppe Geringqualifizierter von 16 auf rund 21 Prozent. Bei Langzeitarbeitslosen, also Menschen, die länger als fünf Jahre keiner Erwerbstätigkeit nachgingen, sinkt die Grundsicherungsquote hingegen leicht von aktuell 18,2 Prozent auf 17,3 Prozent.

*Datenschutz

Besonders hoch ist auch der Anteil von alleinstehenden Frauen, die im Alter auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Bei ihnen klettert die Quote innerhalb der kommenden 20 Jahre von derzeit rund 12 auf fast 20 Prozent. Bei alleinstehenden Männern wird sie von aktuell 10,6 Prozent auf 17,7 Prozent zunehmen.

*Datenschutz

Auch für ostdeutsche Rentner zeichnet die Studie ein negatives Szenario. In Ostdeutschland liegt die Grundsicherungsquote aktuell mit 6,5 Prozent noch deutlich unter dem Niveau in Westdeutschland, wo es rund 10 Prozent sind. Bis 2039 werden jedoch knapp 11,6 Prozent, also ein fast doppelt so hoher Anteil wie heute, auf staatliche Unterstützung zur Existenzsicherung angewiesen sein. In Westdeutschland beträgt dieser Anteil dann 12 Prozent.

*Datenschutz

Bei andauernder positiver Konjunktur würde außerdem die Armutsgefährdung im Alter bis 2039 von aktuell 16,8 auf 21,6 Prozent klettern. Als armutsgefährdet gilt, wer monatlich ein Nettoeinkommen unter 905 Euro hat. In 20 Jahren wäre das also in etwa jeder fünfte Rentner.

Wie sich die unterschiedlichen Reformpläne auf diesen Anteil armutsgefährdeter Menschen auswirken würden, vergleichen die Autoren in der Studie. Würde die im Koalitionsvertrag vorgesehene Variante der Grundrente eingeführt, so hätte dies kaum einen Effekt. In diesem Konzept, bei dem die Autoren mit rund einer Milliarde Euro Mehrkosten rechnen, würden Menschen mit Grundsicherung und 35 Versicherungsjahren eine um 10 Prozent höhere Grundsicherung erhalten. Dadurch ließe sich das Armutsrisiko bis 2039 jedoch nur um 0,4 Prozentpunkte auf dann 21,2 Prozent reduzieren. Den Hauptgrund für diesen "geringen Effekt" sieht Studienautor Johannes Geyer vom DIW Berlin darin, "dass weniger als ein Drittel der Personen mit Grundsicherungsanspruch auf die geforderten 35 Versicherungsjahre kommen".

Heils Konzept effektiver, aber nicht zielgenau

Das Reformkonzept von Arbeitsminister Heil würde demgegenüber zwar mehr Wirkung entfalten, wird aber auch um rund sechs Milliarden Euro teurer als das andere Modell. Mit Heils Grundrente ließe sich die Armutsrisikoquote bis 2039 von derzeit berechneten 21,6 Prozent auf 18,4 Prozent reduzieren. Da die Bedürftigkeit dabei jedoch nicht geprüft werden soll, schätzen die Studienautoren das Konzept als wenig zielgenau ein. Schließlich würden dadurch viele Personen profitieren, deren Nettoeinkommen deutlich oberhalb der Grundsicherungsschwelle liegt. So hätten 85 Prozent der 3,1 Millionen berechtigten Personen laut Studie aufgrund anderer Haushaltseinkünfte eigentlich keinen Anspruch auf Grundsicherung im Alter.

Entsprechend fordert Studienleiter Schiller, das Konzept von Arbeitsminister Heil um eine einfache Prüfung des Einkommens - nicht des Vermögens - zu ergänzen. Somit sollten tatsächlich nur einkommensschwache Haushalte profitieren. Außerdem müssten die Versicherungszeiten flexibler ausgelegt werden, damit auch Menschen, deren Lebensverlauf längere versicherungsfreie Zeiten oder Erwerbslosigkeit aufweist, abgesichert werden könnten. Beide Maßnahmen würden außerdem die Kosten senken.

Und das sei entscheidend, so die Autoren, wenn in den kommenden 20 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten "Baby-Boomer", in Rente gehen und die öffentlichen Kassen auf eine große Belastungsprobe stellen. Im Jahr 2018 kamen auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter noch 31 Personen über 67 Jahre. 20 Jahre später könnten es hingegen schon 47 über 67-Jährige sein. Wirkungsvolle Reformen des Rentensystems seien also notwendig.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema