Politik

Es war einmal eine Großstadt Sjewjerodonezk ist mehr tot als lebendig

Zehntausende Menschen lebten hier, bevor die Russen kamen. Nach monatelanger Schlacht liegt Sjewjerodonezk nun in Trümmern, die wenigen verbliebenen Einwohner kämpfen ums Überleben. Die russischen Medien feiern die "Befreiung" der Stadt.

Nach mehr als 60 Tage andauernden, erbitterten Kämpfen um Sjewjerodonezk ist die einstige Großstadt im Osten der Ukraine mehr tot als lebendig. 90 Prozent der Häuser wurden zerstört. Vor dem Krieg lebten hier mehr als 100.000 Menschen, heute zählt die Stadt, oder das, was von ihr geblieben ist, kaum mehr als 10.000 Einwohner. Selbst die Besatzer räumen ein: Sjewjerodonezk befindet sich nach der "Befreiung" - wie die Einnahme der Stadt in russischen Medien bezeichnet wird - in einem erbärmlichen Zustand.

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Kein Gas, kein Strom und auch keine Wohnung mehr: Sjewjerodonezker kochen mitten auf der Straße.

(Foto: REUTERS)

"Viele Wohnungen, viele Bürogebäude sind unwiederbringlich verloren, aber das ist wahrscheinlich nicht das Schlimmste. All das kann wieder aufgebaut werden", sagte etwa der Botschafter der selbsternannten "Volksrepublik" Luhansk in Russland, Rodion Miroschnik, der staatlichen Nachrichtenagentur TASS. Er bemerkte, dass es in Sjewjerodonezk kein Wasser, kein Gas, keinen Mobilfunk und keinen Strom gibt. Was seiner Meinung nach "das Schlimmste" ist, sagte Miroschnik nicht. Nach russischer Sichtweise gehört Sjewjerodonezk jetzt zu der russischen Satellitenrepublik, die es seit 2014 gibt.

Viele Einwohner leben weiter in Kellern

Sjewjerodonezk und seine Zwillingsstadt Lyssytschansk waren die letzten ukrainischen Bastionen in der Oblast Luhansk. Nun sind beide in russischer Hand. Seitdem gebe es hier zwar keine Kämpfe mehr, gelegentlich seien dennoch Schüsse zu hören, berichtet das ukrainische Nachrichtenportal "Nowosti Donbassa". Die Lage sei aber insgesamt ruhiger geworden, man traue sich wieder auf die Straße.

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Die Russen haben Sjewjerodonezk buchstäblich vernichtet.

(Foto: REUTERS)

Monatelang versteckten sich die wenigen verbliebenen Bewohner der Stadt in Schutzräumen. Da ein Großteil der Gebäude zerstört wurde, leben die meisten von ihnen nach wie vor in Kellern. "Ein Teil des Hauses, in dem wir wohnten, wurde zerstört", erzählt Olga Melnyk, eine Bewohnerin von Sjewjerodonezk, in einer Reportage des russischsprachigen Ablegers der BBC. Drei Monate lang harrte die Frau nach eigenen Worten im Keller aus, der von den Angriffen verschont blieb. Vor rund drei Wochen zog sie dann in ein Büro der Feuerwehr. Im Beitrag wird unter anderem gezeigt, wie die Frau mitten in einem Raum in einem improvisierten Ofen auf offenem Feuer das Essen zubereitet.

Wiederherstellung der Infrastruktur ist "unmöglich"

Nicht jeder in Sjewjerodonezk hat ein auch nur vorübergehendes Dach über dem Kopf und genug zu essen. Lebensmittel sind knapp. Sie würden nicht regelmäßig in die Stadt geliefert, heißt es im Bericht von "Nowosti Donbassa". Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten bezeichnete die Lage in der Stadt als "katastrophal", da die humanitäre Hilfe eingeschränkt, wenn nicht gar unmöglich sei. Die Menschen sind auf die Hilfe der prorussischen Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen. Vor den Essensausgabestellen bilden sich lange Schlangen.

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Die Bevölkerung ist auf die humanitäre Hilfe angewiesen.

(Foto: REUTERS)

Die fehlende regelmäßige Lebensmittelversorgung bemängelte auch der Leiter der ukrainischen zivil-militärischen Verwaltung der Stadt, Oleksandr Strjuk, in einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender 1+1. Zudem betonte der Politiker, die Wiederherstellung der Infrastruktur der Stadt sei derzeit "unmöglich".

Die Russen "jagen" Ukrainer und zählen Kinder

Die Russen, die die Stadt dem Erdboden gleichmachten, stehen vor zahlreichen Herausforderungen. Am vergangenen Wochenende teilte der Chef der "Volksrepublik" Luhansk, Leonid Passetschnik, mit, eine neue Stadtverwaltung gegründet zu haben. Die Separatisten setzten bereits auch einen eigenen Bürgermeister ein. Zu den ersten Amtshandlungen der neuen, prorussischen Verwaltung soll nach Angaben von Oleksandr Strjuk eine Zählung der Bewohner gehören, vor allem die der Kinder. "Sie erklären es damit, dass solche Daten benötigt werden, um den Bildungsprozess zu organisieren, aber ich glaube nicht daran", sagte der ukrainische Politiker im Fernsehen. "Alle Schulen in der Stadt sind in einem solchen Zustand, dass es unmöglich ist, den Unterricht wiederherzustellen. Offensichtlich haben die Invasoren bei dieser Volkszählung andere Ziele", bemerkte der Stadtvorsteher, ohne konkreter zu werden. Die ukrainische Regierung hat Russland mehrfach vorgeworfen, Kinder nach Russland zu verschleppen und sie dort russischen Familien zu geben, um sie zwangsweise zu assimilieren.

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Zudem erklärte Strjuk, Russland würde versuchen, die Reihen der eigenen Armee mit der verbliebenen Bevölkerung zu füllen. "Die Russen jagen Menschen, die die Ukraine unterstützen. Zum Glück ist die überwiegende Mehrheit von ihnen evakuiert", sagte der Leiter der zivil-militärischen Verwaltung der Stadt.

Die ukrainischen Behörden raten daher allen, die in Sjewjerodonezk geblieben sind, die Stadt doch noch zu verlassen - zuerst in Richtung anderer besetzten Territorien im Osten, um von dort aus in die ukrainisch-kontrollierten Gebiete zu gelangen. Ob diese Route realistisch machbar ist, ist allerdings fraglich. Die wenigen Sjewjerodonezker, die bisher nicht geflohen sind und die Kämpfe überlebt haben, werden sich nun wohl an die neue Realität anpassen müssen.

Quelle: ntv.de

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