Politik

Nichts aus Ischgl gelernt? Tirol beugt sich erst nach langem Kampf

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In Innsbruck galten wie im Rest des Landes ab Montag viele Lockdownregeln nicht mehr.

(Foto: picture alliance / EXPA / APA / picturedesk.com)

Alle Drohungen und Schimpftiraden waren umsonst: Österreichs Regierung verhängt eine Reisewarnung über Tirol. Das Land sperrte sich vehement - und keilte dabei auch gegen Markus Söder und die Deutschen.

Am Montagmittag um 13.52 Uhr war endlich entschieden, was Journalisten gern ein "Tauziehen" nennen, in diesem Fall aber eher an einen Vollkontaktsport erinnerte: Österreichs Bundesregierung hat eine Reisewarnung für Tirol ausgesprochen. Zu groß ist die Gefahr, dass sich die südafrikanische Corona-Mutation B.1.351 weiterverbreitet, die schon fast 300 Mal nachgewiesen werden konnte.

Wer den Streit zwischen Innsbruck und Wien in den vergangenen Tagen verfolgt hat, musste fürchten, dass Tirol sofort nach der Entscheidung seinen Austritt aus der Republik Österreich erklärt: Mit Drohungen, Beschimpfungen und Unterstellungen hatten sich Landespolitiker gegen verschärfte Maßnahmen gewehrt.

Allen voran Christoph Walser, als Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer einer der wichtigsten Männer im Land. "Wenn auch nur ansatzweise was aus Wien kommt, werden die uns so richtig kennenlernen", hatte der ÖVP-Politiker am Samstag im ORF gesagt. Seit diesem Fernsehauftritt ist Walser eine landesweite Berühmtheit und ein Symbol für die österreichweit als stur verschrienen "Bauernschädel" aus Tirol, die aus Ischgl nichts gelernt zu haben scheinen - und damit den riskanten Lockerungskurs von Bundeskanzler Sebastian Kurz gefährden.

Eine deutsche Forscherin schlägt Alarm

Das Behördenversagen im März 2020 wirkt noch immer nach. Ischgl hat sich europaweit zu einer Chiffre entwickelt für all jene Fehler, die sich im Kampf gegen Corona nicht wiederholen dürfen: Sorglosigkeit, Intransparenz, Selbstsucht. Umso genauer hörte Österreichs Öffentlichkeit hin, als eine deutsche Virologin am vergangenen Mittwoch den Alarmknopf auslöste: Eigentlich müsse man Tirol abriegeln, sagte Dorothee von Laer dem "Standard". Die renommierte Medizinerin arbeitet an der Universität Innsbruck. Im Sommer hat sie untersucht, wie weit das Virus in Ischgl verbreitet war, das Ergebnis: 42,2 Prozent, bis dato quasi Weltrekord.

Seit einigen Wochen nun häufen sich in den Tiroler Proben die Fälle von B.1.351, und ein Gefühl von Déjà-vu setzt ein: Ein gefährlicher Virus, der sich über Tirol weiterverbreiten könnte, das klingt beunruhigend vertraut. Genau wie die Reaktionen der Landespolitik.

"Die Behörden haben alles richtig gemacht", sagte Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg im März 2020 im ORF, nicht einmal, sondern ganze elfmal in dreizehn Minuten Interview. Zu dem Zeitpunkt hatte sich schon halb Europa bei den Rückkehrern aus der Skigaudi angesteckt.

Und heute? Befindet Tilgs Chef, Landeshauptmann Günther Platter: "Die Zahlen geben eine Abschottung nicht her." Experten sehen das anders. Im "Mittagsjournal" des ORF sprach der Virologe Andreas Bergthaler von 293 bestätigten Funden der südafrikanischen Mutante und weiteren 200 Verdachtsfällen - das sei die weiteste Verbreitung in Europa, die ihm bekannt sei. Viel mehr etwa als in England, wo viel häufiger sequenziert wird. Allerdings, räumte Bergthaler ein, sei die Lage in Europa insgesamt "unübersichtlich".

"Wir haben es satt"

Für die Vielzahl der Fälle von B.1.351 in Tirol hatte der schon angesprochene Christoph Walser, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer, im ORF eine einfache Erklärung: In Tirol werde halt viel getestet. Trotzdem seien derzeit "nur acht Fälle aktiv" - und wenn das Bundesgesundheitsministerium andere Zahlen nenne, "dann sind die Zahlen falsch".

Wir Tiroler gegen den Rest der Welt, unter diesem Motto stand Walsers denkwürdiger Auftritt am Sonntagabend in der Nachrichtensendung "Zib2". "Ständig zeigt man mit dem Finger auf Tirol", wütete er, "wir haben es satt, uns verurteilen zu lassen." Einmal in Rage, teilte Walser auch gegen Deutschland aus, wo man Tirol "als Zentrum des Virus" darstelle.

Tatsachlich hatte RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag seine Besorgnis über die Lage in Tirol bekundet. Es sei "einfach nicht clever" gewesen, in der Pandemie Skirurlaube zu ermöglichen. Die britische Corona-Variante etwa wurde durch Briten eingeschleppt, die angeblich für eine Skilehrerausbildung im Land waren, die sich als "privat organisierter Vorbereitungskurs" für blutige Anfänger entpuppte. 17 angehende Skilehrer wurden positiv getestet.

Besonders aufmerksam wurden die Äußerungen von Bayerns Ministerpräsident bei "Maybrit Illner" zur Kenntnis genommen: "Die Kombination aus Mutationen und einer überstürzten Lockerung ist der schlechteste Weg", sagte Markus Söder mit Blick auf Österreich. CSU-Generalsekretär Markus Blume sekundierte in der "Bild am Sonntag": "Österreich und Tschechien gefährden mit ihrer unverantwortlichen Öffnungspolitik unsere Erfolge in Deutschland."

Walsers Konter in der ZiB2 war ein schlecht getarnter Mittelfinger: "Wenn keiner einreisen soll in Tirol, muss man die Frage stellen, ob der Transitverkehr in Zukunft nicht durch andere Länder als Tirol fahren soll." Im Klartext: Walser droht mit der Sperre des Brenners, falls Bayern Grenzschließungen erlassen sollte. Was genau Walser so wütend macht, wollte er auf Anfrage von n-tv.de nicht erklären - sein Büro bat um Verständnis, dass der Wirtschaftskammerpräsident derzeit keine Interviews geben will.

Weitere Lockerungen oder zurück in den Lockdown?

Bayern will nun erst einmal den Grenzverkehr "auf das notwendigste Maß reduzieren", sagte Gesundheitsminister Klaus Holetschek am Montag, Grenzschließungen seien nur das letzte Mittel, aber die Regierung werde die Lage in Österreich eng beobachten.

So lautet auch der ungefähre Fahrplan für die nächsten Wochen in Österreich: Die Regierung bittet in der Reisewarnung die Bürger, nur aus dringenden beruflichen oder familiären Gründe nach Tirol ein- oder aus dem Land auszureisen. Tirol selbst hat ein eigenes Neun-Punkte-Programm aufgesetzt, das unter anderem verstärkte Tests vorsieht.

Innerhalb Tirols gelten jedoch weitestgehend die selben Regeln wie im Rest Österreichs: Der Handel und einige körpernahe Dienstleister haben seit dem heutigen Montag wieder geöffnet, besonders Möbelhausketten und Bekleidungsgeschäfte werben mit Rabatten, die Parkplätze vor den Einkaufszentren waren am Montag gut gefüllt, der Handelsverband schwärmte von "überdurchschnittlichen Umsatzzahlen".

Die wirklich entscheidenden Zahlen verkündet der Bundeskanzler Sebastian Kurz in einer Woche: Dann zieht die Regierung eine Zwischenbilanz und entscheidet, ob auch Gastronomie und Kultur öffnen dürfen oder ob die Zahlen, vielleicht auch wegen der südafrikanischen Mutante, wieder steigen - und sogar der schwere Gang in den nächsten Lockdown bevorsteht.

Quelle: ntv.de