Politik

Russischer Besucher in Nordkorea Trump macht die Show, Lawrow die Politik

RTX5LJ2Q.jpg

Ri besuchte Lawrow bereits im April in Moskau - nun besucht der Russe seinen Amtskollegen in Nordkorea.

(Foto: REUTERS)

Wenn der russische Außenminister nach Nordkorea reist, ist das auch ein Signal an die USA. Dort fiebert Trump einem möglichen Gipfel mit Kim entgegen und träumt vom Friedensnobelpreis. Derweil verfolgt Russland seine eigene Agenda.

Donald Trump versteht es, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wie gebannt hängt die Weltpresse an seinem Twitter-Account, um zu erfahren, ob es nun einen Gipfel gibt oder nicht. Wird sich der US-Präsident am 12. Juni tatsächlich mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un treffen? Trump spielt mit den Erwartungen der Beobachter, mal hebt, mal senkt er seinen Daumen. Er versucht, sein Hin und Her so aussehen zu lassen, als ob er allein über einen Erfolg eines möglichen Gipfels entscheidet. Doch unterschätzen sollte er die Verhandlungsposition Nordkoreas nicht. Der "kleine Raketenmann" (O-Ton Trump) verfügt nicht nur über Atomwaffen, sondern weiß auch China hinter sich. Und Russland.

So passt es aus Sicht Moskaus und Pjöngjangs ganz gut, dass der russische Außenminister Sergej Lawrow in Kürze in der nordkoreanischen Hauptstadt erwartet wird. Über die bilateralen Beziehungen und die Lage auf der koreanischen Halbinsel werde es gehen, hieß es. Es ist kaum vorstellbar, dass der russische Chefdiplomat dabei nicht mit dem nordkoreanischen Außenminister Ri Yong Ho über den möglicherweise anstehenden Gipfel Kims mit Trump spricht.

Offiziell steht Russland in der Atomfrage auf der Seite der USA und befürwortet wie diese und die anderen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates die nukleare Abrüstung. Dass dem Kreml Atomwaffen im kleinen Nachbarland nicht geheuer sind, ist plausibel. Russland trägt auch die UN-Sanktionen gegen das Regime mit, hat aber oft deren Wirksamkeit angezweifelt. So sagte Präsident Wladimir Putin im vergangenen Jahr, dass die Nordkoreaner lieber Gras essen würden, als ihre Atomsprengköpfe aufzugeben. Die seien ja schließlich ihre Überlebensgarantie.

Gemeinsame Grenze mit Nordkorea

*Datenschutz

Wenn Lawrow und Ri sich zum Gespräch treffen, dürfte der Nordkoreaner besonders strahlend lächeln. Denn Russland ist einer der zwei nennenswerten Verbündeten seines Landes. Da ist auf der einen Seite China, an dessen wirtschaftlichem Tropf Nordkorea hängt und das den größten Einfluss ausübt. Ein Stück dahinter ist aber auch Russland, das eine 19 Kilometer lange Grenze mit dem offiziell kommunistischen Kim-Reich teilt.

Die Beziehungen beider Länder reichen weit zurück – zu Sowjetzeiten war Nordkorea einer der von der UdSSR subventionierten Satellitenstaaten. Das heutige Verhältnis ist allerdings nicht mehr so eng wie damals, allein schon weil Russland dem Regime finanziell nicht mehr so helfen kann wie vor 1991. Doch fallengelassen hat der Kreml das Land nie. So war es ein Signal, als Putin im ersten Jahr seiner Amtszeit im Jahr 2000 Kuba und Nordkorea besuchte. Heute greift Russland den Nordkoreanern unter die Arme, indem es zehntausende Gastarbeiter auf Baustellen in Moskau, St. Petersburg und anderswo schuften lässt. Da diese einen großen Teil ihrer Löhne dem Regime daheim überlassen müssen, soll Nordkorea damit Schätzungen zufolge rund 120 Millionen Dollar pro Jahr einnehmen. Russland versucht zudem, mäßigend in der Sanktionsfrage zu wirken. Auch liefert Moskau weiterhin Öl über die Grenze.

Die Beziehung beider Länder folgt auch der Logik: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. So verbinden Russland und Nordkorea ähnliche Interessen, was die USA angeht. Die große Angst in Pjöngjang ist es, dass Washington tatsächlich Schritte hin zu einem Regime-Wechsel einleitet, so wie es im Irak oder Libyen passierte. Saddam Hussein verlor seine Macht 2002 und wurde schließlich zum Tode verurteilt, Muammar al-Gaddafi wurde 2011 von einer US-geführten Koalition von der Staatsspitze gebombt und bald darauf von Rebellen getötet.

Bloß keine Flüchtlingswelle

Genau wie China möchte auch Russland einen Krieg verhindern, bei dem Millionen Nordkoreaner über die Grenze flüchten würden. Außerdem erfüllt Nordkorea auch für Russland die Rolle eines Puffers gegenüber Südkorea. Bei der zu erwartenden nordkoreanischen Niederlage in einem Krieg fiele dies weg, stattdessen könnten US-Truppen an die russische wie die chinesische Grenze rücken.

Daher ist das Ziel der Russen in dieser Frage kongruent mit dem der Nordkoreaner: Wenn die Nordkoreaner ihre Atomwaffen aufgeben sollen, müssen die Amerikaner ihre Manöver mit Südkorea stoppen. Das Regime sieht darin versteckte Invasionsvorbereitungen. "Double Freeze" (etwa: Doppelte Einfrierung) wird das auf Englisch genannt. Es ist allerdings kaum absehbar, dass die von Trump versprochenen Sicherheitsgarantien Nordkorea überzeugen werden, auf Atomwaffen zu verzichten. Nicht nachdem er das Iran-Atomabkommen gekündigt hat, nicht nachdem sein Sicherheitsberater John Bolton ausgerechnet das Beispiel Libyen als Modellfall ins Spiel gebracht hatte. Auch die Russen sind überzeugt davon, dass die Nordkoreaner niemals ihre nukleare Abschreckung aufgeben werden. Doch dürften sie darauf hoffen, dass die Amerikaner zumindest geringe Zugeständnisse machen. Für die Russen hätte das den Vorteil, dass die amerikanische Stellung im Pazifik geschwächt und ihr Einfluss so eingedämmt würde.

Neben den geopolitischen Interessen hat Russland auch wirtschaftliche Ziele auf der koreanischen Halbinsel. Der Fokus liegt dabei aber weniger auf dem Kim-Regime als vielmehr auf Südkorea. Das Land ist zweitwichtigster Absatzmarkt für russische Exporte und drittgrößter Partner bei den Einfuhren. Der südkoreanische Mega-Konzern Samsung macht gute Geschäfte mit Gazprom, überdies beteiligte sich Südkorea nicht an den Sanktionen nach der Annexion der Krim. Südkorea gilt dem Kreml auch als wichtiger Partner für die Entwicklung des ostasiatischen Teils des Landes. Da gibt es viele Ideen, etwa eine Bahnverbindung von Russland nach Südkorea oder eine transkoreanische Pipeline, von der auch der Norden der Halbinsel dank anfallender Gebühren etwas hätte. Wenn Lawrow sich mit dem nordkoreanischen Außenminister trifft, hat er also etwas, das Trump noch vorweisen muss: einen klaren Plan.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema