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"Nicht der nächste Pistorius" Deutscher Blade Runner erklimmt den Olymp

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Ganz oben angekommen.

(Foto: AP)

Mit 16 hat Johannes Floors genug von den Schmerzen - und lässt sich beide Unterschenkel amputieren. Zehn Jahre später hat der Leichtathlet alle großen Titel gewonnen und steht auf einer Stufe mit Oscar Pistorius. Der ist allerdings tief gefallen. Und für Floors auch kein Vorbild.

Nach seiner beeindruckenden Goldshow auf zwei Prothesen sprang Blade Runner Johannes Floors seiner Vereinskollegin Irmgard Bensusan freudestrahlend und jubelnd in die Arme. Weltrekordler, Weltmeister, Europameister - und jetzt als Krönung Paralympicssieger über die 400 Meter: Der 26-Jährige hat sich längst auf eine sportliche Stufe mit dem früheren und inzwischen tief gefallenen Para-Star Oscar Pistorius katapultiert.

"Jetzt ist es meine Ära. Ich könnte heulen, ich könnte es rausschreien. Es ist einfach ein geiler Moment", sagte Floors nach seinem Paralympics-Rekord in der Startklasse T62 in 45,85 Sekunden voller Emotionen mit der Deutschland-Fahne um die Schultern. Der Druck sei aber riesig gewesen, räumte er mit einem Lachen ein: "Ich habe mir in die Hose geschissen."

Floors hielt der immensen Erwartungshaltung stand. "Eine Zehntel am Weltrekord vorbei. Ich habe noch Potenzial, das ist auch geil", betonte er. Potenzial und vor allem große Ziele. Die 45,07 Sekunden von Pistorius, die der wegen Mordes zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilte Südafrikaner allerdings mit längeren Prothesen gelaufen war, sei seine "persönliche Marke, die schwirrt mir im Kopf rum. Die will ich schlagen", betonte Floors, der nach Staffelgold von Rio und Platz drei über die 100 Meter in Tokio die dritte Paralympics-Medaille seiner Karriere gewann.

Das nachholen, was lange nicht möglich war

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Im Ziel jubelte Floors zusammen mit Bensusan.

(Foto: dpa)

Noch vor zehn Jahren deutete allerdings wenig auf eine derart steile Karriere hin. Der Athlet von Bayer Leverkusen hatte wegen eines angeborenen Fibula-Gendefekts starke Schmerzen. Im Alter von 16 entschloss sich der in Bissendorf bei Osnabrück geborene Floors nach einem halben Jahr Bedenkzeit zur Amputation beider Unterschenkel.

"Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich habe sie getroffen, weil ich keine Schmerzen mehr haben wollte und nicht unbedingt ein Rollstuhlunterstütztes Leben. Genau das ist der Fall. Alles andere was mit dem Sport dazugekommen ist, das ist einfach nur das Sahnehäubchen", sagte Doppel-Weltmeister Floors vor den Paralympics.

Er hole nun eben "das nach, was ich nie konnte". Auf allerhöchstem Niveau sprinten. Er sei aber, hatte er schon vor den Wettkämpfen klargestellt, "nicht der nächste Oscar Pistorius. Ich bin Johannes Floors und ich gehe meinen eigenen Weg." Den Erfolgsweg!

Den geht auch Irmgard Bensusan. Nach Silber über 200 Meter wurde die 30-Jährig auch über die 100 Meter hinter der Niederländerin Marlene van Gansewinkel Zweite. Es war im fünften Paralympics-Finale die fünfte Silbermedaille. Dennoch sei es "jedes Mal eine gewonnene Silbermedaille. Ich kann wirklich stolz sein", sagte "Tante Irmie" Bensusan und nannte sich selbst mit einem Lachen "Silber-Tante". Ali Lacin komplettierte mit Bronze über 200 Meter den Medaillensatz der deutschen Leichtathleten.

Hiltrop holt nach Gold nun Silber

Nicht ganz so gut lief es zum Abschluss der Rennen für die Radsportler am Fuji Speedway. Zu den 12 Medaillen - Gold durch Annika Zeyen und zweimal durch Jana Majunke, viermal Silber und fünfmal Bronze - kam am Freitag kein weiteres Edelmetall hinzu. Noch in Rio hatte das deutsche Radteam achtmal Gold gewonnen. Die Bilanz von Tokio ist die schlechteste seit Athen 2004.

Dafür lief es erneut für Sportschützin Natascha Hiltrop, die in Tokio ihre zweite Goldmedaille ganz knapp verpasste. Die Siegerin mit dem Luftgewehr leistete sich im Dreistellungskampf mit dem Kleinkaliber beim letzten Schuss einen Patzer und rutschte noch auf Rang zwei ab. "Der letzte Schuss hätte besser laufen können. Aber ich bin vollauf zufrieden", sagte Hiltrop.

Bei den Schwimmern sorgte Verena Schott für den Höhepunkt des Tages. Die 33-Jährige holte über 100 Meter Rücken ihre dritte Bronzemedaille in Tokio. "Ich habe angeschlagen und einfach nur drei Namen gesehen. Dann habe ich gehofft, dass einer davon meiner ist", sagte Schott und hatte nur noch einen Wunsch. Sie wolle nach Hause zu ihren zwei Kindern, "ich bin ziemlich fertig."

Quelle: ntv.de, tsi/sid

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