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"Glücklich" nach dem Drama Djokovic und sein ganz besonderes Leiden

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Verlierer - aber auch irgendwie Gewinner: Novak Djokovic.

(Foto: imago images/Paul Zimmer)

Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler dieser Zeit, die Zahlen sind da eindeutig. Doch der Serbe will bei den US Open Historisches erreichen - und scheitert bitter. Dabei gewinnt er etwas anderes. Das kommt überraschend.

Das hatten sich fast alle ganz anders vorgestellt: Am späten New Yorker Abend ging ein US-Open-Finale zu Ende, für das ein ganz anderes Drehbuch vorgesehen war. 6:4, 6:4, 6:4 schlug der Russe Daniil Medwedew Novak Djokovic, der Serbe war völlig chancenlos. Dabei war er dazu auserkoren, den Abend historisch zu machen. Stattdessen produzierten beide in einem über die komplette Distanz ein Finale, das nie spannend war und doch im bittersüßen Drama endete.

Für Djokovic war es keine normale seiner ganz seltenen Niederlagen, es war das Sterben eines Traumes. Man konnte dem großen Dominator sogar dabei zusehen, wie etwas in ihm kaputtging. Beim Stand von 4:5 im dritten Satz, beim letzten Seitenwechsel der Partie, bevor Medwedew zum Matchgewinn aufschlug, wurde Djokovic menschlich. Der 34-Jährige weinte. Erst versteckt in sein Handtuch, später auch noch während des ersten Ballwechsels. Zuvor hatte er schon einen Matchball des Russen abgewehrt, die 25.000 Fans im bis auf den letzten Platz gefüllten Arthur Ashe Stadions überschütteten Djokovic mit Jubel, der lange verwehrten Zuneigung für den großen Sportler - und der Hoffnung auf eines der größten Comebacks der Sportgeschichte.

"Das war unmenschlich"

Sie wollten Zeugen von etwas Historischem sein, für das Djokovic angetreten war: Der Grand Slam war nahe, der Triumph bei den vier größten Tennisturnieren innerhalb eines Jahres. Näher als Djokovic war seit 1969 niemand dran, als Rod Laver das Kunststück zuletzt gelungen war. Kein Björn Borg, kein Pete Sampras, kein Roger Federer, niemand. 27 Matches hatte Djokovic zuvor bei den Australian Open, in Wimbledon, bei den French Open und hier in New York gewonnen. Der 28. Sieg hätte ihn zum größten Spieler aller Zeiten gemacht. Und er wollte es ja auch so sehr. Aber es reichte nicht. Medwedew schleppte sich mit einem Servicewinner ins Ziel.

Momente der Schwäche hatte Djokovic während der zwei Wochen von New York öfter gezeigt, viermal hintereinander hatte er bis zum Finale jeweils den ersten Satz verloren, auch im Halbfinale gegen den Deutschen Alexander Zverev. Doch wo er vorher die Startschwierigkeiten dazu nutzen konnte, Anlauf zu holen, seine strategische Brillanz zu nutzen, um seine taktische Marschroute nachzujustieren, fand er gegen Medwedew nie ins Match. Der Russe spielte seinerseits brillant, die Nummer zwei der Weltrangliste hatte immer Antworten parat, selbst, als Djokovic irgendwann auf ein völlig untypisches Serve-and-Volley umstellte. Auch drei Breakbälle zu Beginn des zweiten Satzes brachten Djokovic nicht zurück. Der 1,98 Meter lange Russe war in jeder Phase der Spieler mit den besseren Ideen.

"Natürlich ist ein Teil von mir sehr traurig. Diese Niederlage ist schwer zu verdauen, wenn man bedenkt, was alles auf dem Spiel stand", sagte der Serbe hinterher enttäuscht. "Man hat gesehen, was da in ihm vorgegangen ist und was sich da in den letzten Wochen und Monaten angestaut hatte. Das war unmenschlich", beschrieb Vorjahressieger Dominic Thiem bei "Eurosport", was jeder sehen konnte: Es arbeitete in Djokovic und etwas ging im Laufe des Spiels kaputt. Der Glaube an den 21. Grand-Slam-Titel, der ihn zum alleinigen Rekordsieger bei den Major-Turnieren und damit nach Zahlen zum größten Tennisspieler der Geschichte gemacht hätte.

"Ein Sieg würde mir alles bedeuten"

Und Zahlen sind Djokovic wichtig. Als eines von zwei Karrierezielen hatte er einst ganz offiziell ausgegeben, die meisten Wochen als Nummer eins der Weltrangliste zu sammeln. Das gelang im Frühjahr, in den März startete er mit seiner 311. Woche an der Spitze der Weltrangliste, inzwischen sind es 338 - Roger Federer steht bei 310. "Wenn ich Ersteres erreicht habe, was ich im kommenden Jahr erhoffe", sagte Djokovic 2020, "wird mein Fokus noch mehr auf die Grand-Slam-Turniere ausgerichtet sein, was den Ansatz, meine Energie und den Zeitplan angeht."

Seine Bedeutung für den Tennissport bemisst sich in den Augen vieler, vieler Fans denn auch vor allem in Zahlen. Wo Roger Federer und Rafael Nadal für ihre Eleganz, Charme und Kampfgeist bewundert und geliebt werden, gilt Djokovic vielen als brillanter Pragmatiker. Anerkannt, aber nicht bewundert. Auch, weil Djokovic der Esprit eines Federer abgeht, diesem Elder Statesman des Welttennis. Der Serbe kokettiert mit esoterischen Ideen, die von ihm 2020 initiierte Adria Tour geriet zum Desaster, als die Profitour wegen der Corona-Pandemie ruhte. Djokovic hatte sich wie mehrere andere Teilnehmer selbst mit dem Coronavirus infiziert.

Der "glücklichste Mensch"

Auf dem Weg in die Herzen der Tennisfans schickt sich Djokovic immer wieder selbst auf Umwege. 2020 wurde er von den US Open ausgeschlossen, weil er im Viertelfinale wutentbrannt einen Ball auf eine Linienrichterin gedroschen hatte. Versehentlich, natürlich. "Ein Sieg würde mir alles bedeuten. Darum bin ich hier", hatte er vor dem Wimbledon-Finale gesagt, wo er mit seinem 20. Grand-Slam-Titel zu den ewigen Rivalen Federer und Nadal aufschließen konnte. Natürlich würden die Menschen auch gern einen Außenseiter gewinnen sehen. "Aber hoffentlich können die Leute auch die Bedeutung dieses Matches für mich anerkennen. Es steht Geschichte auf dem Spiel", sagte Djokovic damals.

Nun ging es um noch mehr. Man kann sich vorstellen, welchen Wert der Gewinn der US Open für den Serben hatte. "Ich hatte keine Beine", gab Djokovic nach dem Match zu, aber er sei "erleichtert", dass sein Lauf endlich vorbei sei. Statt des 21. Grand-Slam-Titels, statt des Grand Slams, diesem Nachweis der ultimativen Dominanz, wie er nicht mal alle 50 Jahre erreicht wird, gewann Djokovic aber eben doch noch was in New York. Am Ende wurde der Serbe gefeiert, wo er sich durch die vorherigen Runden gekämpft hatte, auch gegen das Publikum. "Nole, Nole" riefen die Zuschauer immer wieder während des Matches, beim letzten Seitenwechsel kulminierte die Stimmung in einem emotionalen Höhepunkt.

Wäre man pathetisch, man müsste Djokovic als Gewinner des US-Open-Endspiels bezeichnen. Vielleicht als Co-Gewinner. Der "glücklichste Mensch" sei er, sagte Djokovic kurz nach der ganz großen Enttäuschung. "Auch wenn ich das Match nicht gewonnen habe, ist mein Herz mit Freude erfüllt", sagte er an die jubelnden Menschen gerichtet. "Ihr habt meine Seele berührt. Ich habe mich in New York noch nie so gefühlt. Danke euch vielmals." Auf der Pressekonferenz legte er nach: "Das waren Emotionen wie bei einem 21. Grand-Slam-Sieg. Das werde ich niemals vergessen."

"Sorry Novak, sorry Leute"

Für Medwedew, der den ersten Grand-Slam-Titel seiner Laufbahn bejubeln durfte, war der Triumph groß. Aber es ist auch Teil seines großen Abends, dass er eben auch Teil der Geschichte seines Gegners ist. "Das ist die schwierigste Rede meines Lebens, und ich möchte sie mit einer Entschuldigung beginnen", eröffnete Medwedew seine Ansprache auf dem Platz: "Sorry Novak, sorry Leute, dass ich den großen Moment verhindert habe. Wir wussten alle, was er heute versucht hat, zu erreichen." Und weiter: "Ich habe das noch nie zu jemandem gesagt, aber ich sage es jetzt zu dir: Für mich bist du der größte Tennisspieler der Geschichte." In den lediglich 145 Minuten zuvor hatte Djokovic leiden müssen, die Schwere des Moments auf den Schultern. Die ist er nun los, die historische Chance ist vergeben.

Sie wird wohl nicht wiederkommen: Zumindest Rafael Nadal wird im kommenden Jahr noch einmal wettbewerbsfähig aus einer längeren Regenerationspause zurückkehren. Mit Medwedew, Alexander Zverev, der Djokovic im olympischen Viertelfinale die bis gestern Abend einzige schwere Niederlage der Saison beigebracht hatte und der Djokovic im Halbfinale in fünf dramatischen Sätzen noch unterlegen war, und Stefanos Tsitsipas stellt die nächste Generation drei Sieganwärter bei großen Turnieren. Auch Dominic Thiem wird wieder erstarken. Die Monate der ultimativen Dominanz, sie sind anstrengend und schmerzhaft, sie zehren schwer, auch am möglicherweise größten Tennisspieler aller Zeiten. Ein Hauch von Geschichte wehte durch New York, er zog weiter. Für Djokovic bleibt der Jubel. Und die Anerkennung.

Quelle: ntv.de

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