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Der Gegen-den-Wind-Segler Kaepernick - American Hero mit Verzögerung

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San Francisco 49ers Quarterback Colin Kaepernick (Mitte) kniet im Oktober 2016 zusammen mit Outside Linebacker Eli Harold und Safety Eric Reid vor dem Spiel gegen die Dallas Cowboys.

(Foto: AP)

Ein verspäteter Held: NFL-Profi Colin Kaepernick geht 2016 bei der US-Hymne aufs Knie, um gegen Rassismus zu demonstrieren und bringt Teile der USA gegen sich auf. Nun ist sein Kniefall weltweit ein Symbol für Gerechtigkeit und Kaepernick darf leise wieder auf einen Job hoffen.

Der Wind hat sich gedreht: Weltweit ahmen Menschen die simple wie symbolische Geste nach, für die der frühere NFL-Quarterback Colin Kaepernick seine Karriere geopfert hat. Demonstranten, Sportler, Politiker: Sie alle knien im Kampf gegen Polizeigewalt und Rassismus gegenüber People of Color und für vorurteilslose Fairness. Für den Schrei nach Gerechtigkeit, den Kaepernick 2016 trotz des massiven Gegenwinds nicht verstummen lässt - auch wenn er dadurch in seinem Sport wie in der US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft zur Persona non grata erklärt wird.

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Fans der Miami Dolphins fordern im November 2016 Kaepernick auf, bei der Nationalhymne aufzustehen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Was damals die People of Color in den USA schon verstanden hatten, wird jetzt allen Menschen von New York bis Los Angeles und auch weltweit deutlich, da sie für den von weiße Polizisten ermordeten US-Amerikaner George Floyd demonstrieren: Kaepernick ist kein Störenfried, er ist ein Held, der Ungerechtigkeit anklagt. Ein klassischer "American Hero", wie sie ihn dort drüben gerne sehen. Gegen alle Widerstände, gegen ein unfaires System, gegen eine gewalttätige Obrigkeit - und für Gerechtigkeit für alle. Ein Patriot, der für seine Entschlossenheit bewundert und idealisiert werden darf, für seine Fähigkeit und seinen Mut, Hindernisse zu überwinden und seine Verbannung der Gedanken an die Möglichkeit des Scheiterns. Kaepernicks Problem war 2016 nur: Für eine nationale Ikone hatte er die falsche Hautfarbe - und die weiße Mehrheitsgesellschaft war noch nicht bereit, die Ungerechtigkeit ihres Systems anzuerkennen.

"Schafft diesen Hurensohn vom Feld"

Und so herrscht heftiger Gegenwind, als Kaepernick vor seinen NFL-Spielen während der Nationalhymne aufs Knie geht. Die mehrheitlich weißen Besitzer der NFL, der weiße NFL-Commissioner Roger Goodell und der weiße damalige US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump echauffieren sich. Als respektlos gegenüber der US-Flagge und Soldaten, die für sie gestorben sind, wird seine Aktion gescholten, als Verrat am Vaterland. Trump macht den Footballer zu einem Landesverräter und teilt aus tief unter der Gürtellinie: "Schafft diesen Hurensohn vom Feld, sofort!"

Die hetzerischen Aussagen der Mächtigen sind besonders im Licht von Rassismus und Gewaltattacken gegenüber People of Color in den USA gefährlich. Viele NFL-Fans schließen sich zumindest verbal an. Kaepernick wird ausgebuht, außerhalb der Stadien werden Anti-Kaepernick T-Shirts verkauft, unter anderem mit seinem Gesicht im Fadenkreuz eines Zielfernrohrs. Landesweit werden seine Trikots verbrannt. Aber Kaepernick hält sein Schiff auf Kurs, segelt gerade gegen den Gegenwind an und antwortet noch 2016: "Ich kannte die Konsequenzen dessen, was daraus entstehen könnte … Die Botschaft hat Gewicht. Menschenleben werden genommen. Es finden immer mehr Gespräche statt, die stattfinden müssen, damit wir dieses Problem letztendlich angehen und Veränderungen bewirken können. "

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Fans der Denver Broncos erklären 2017: "Wir hassten Kaepernick schon, bevor es cool war."

(Foto: imago/ZUMA Press)

Trotzdem geht der Protest gegen ihn weiter. Gegen einen damals 29-jährigen Quarterback der San Francisco 49ers, der zwar Höhen und Tiefen in seiner Football-Karriere hatte, aber in den Jahren zuvor die Massen immer wieder mit unglaublich schnellen Läufen und präzisen Pässen begeisterte, in zwei NFC-Meisterschaftsspielen und einem Super Bowl startete und über das fünftbeste Touchdown-zu-Interceptions-Verhältnis aller Zeiten verfügte. Nur wenige Spieler und Fans unterstützen seine Protestaktionen. Im März 2017 verlässt Kaepernick schließlich sein Team trotz einer Vertragsoption. Zuschauer rufen ihm "U-S-A, U-S-A" zu, als würde er sein Land hassen. "Ich verstehe nicht, was unamerikanisch ist, wenn man für Freiheit und Gerechtigkeit für alle kämpft, für die Gleichheit, für die dieses Land steht", antwortet Kaepernick darauf. "Für mich ist es sehr patriotisch und amerikanisch, die Vereinigten Staaten an den Standards zu halten, nach denen sie leben."

Die Welt geht aufs Knie, Trump wettert weiter

Diese Ansicht teilen nun viele in den USA, vier Jahre später und erst nach unzähligen weiteren Morden von Weißen an People of Color. Der Wind hat sich gedreht, auf einmal bekommt Kaepernicks Segelschiff Rückenwind. Er wird zu einem verspäteten, aber überfälligen US-amerikanischen Helden, dessen herausragendes Aufstehen - mit dem symbolträchtigen Kniefall - gegen Ungerechtigkeit die Massen anregt, es ihm gleichzutun. Die Fußball-Bundesliga eifert ihm nach. Die Fußballer der US-Nationalmannschaften dürfen jetzt wieder während der Hymne knien und protestieren, was ihnen 2017 verboten wurde, nachdem die US-Kapitänin Megan Rapinoe sich aus Solidarität mit Kaepernick ebenfalls hingekniet hatte.

Auch US-Politiker erkennen nun die Zeichen der Zeit und die Wirkungskraft des Kniefalls: Die Parlamentarier der oppositionellen US-Demokraten um Nancy Pelosi und Chuck Schumer gehen im Kongress in Washington auf die Knie und halten 8:46 Minuten lang schweigend inne - so lange hatte der weiße Polizist sein Knie auf George Floyds Nacken gedrückt, obwohl dieser wiederholt klagte, er bekomme keine Luft mehr.

Nur US-Präsident Trump hält für seine rechts-konservative Wählerschaft eisern dagegen. "Könnte es auch nur im Entferntesten möglich sein, dass Roger Goodell in seiner ziemlich interessanten Erklärung von Frieden und Versöhnung angedeutet hat, dass es jetzt okay für die Spieler ist, bei der Nationalhymne zu knien oder nicht zu stehen und dabei respektlos zu unserem Land und unserer Flagge zu sein?", bläst er auf Twitter weiter Gegenwind. Denn selbst die Football-Liga gibt nun überraschend via Goodell zu, "dass es falsch war, nicht schon früher auf die NFL-Spieler gehört zu haben". Sie ermutige alle, "sich zu äußern und friedlich zu protestieren".

Kaepernick ist ein Anführer auch ohne Mannschaft

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Running Back Jay Ajayi von den Miami Dolphins unterstützte vor einem Saisonspiel 2017 den von der NFL geschassten Kaepernick.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Allein mit solchen Aussagen ist es aber nicht getan, findet Malcolm Jenkins von den New Orleans Saints, der auch Mitbegründer der "Players Coalition" ist, die das US-Bildungs- und Justizsystem reformieren will. "Die NFL hat es noch immer nicht hinbekommen", sagt der zweimalige Super-Bowl-Gewinner. So lange "sie sich nicht gezielt bei Colin Kaepernick entschuldigen oder ihn einem neuen Team zuteilen, werden sie auch nicht auf der richtigen Seite der Geschichte ankommen". Und tatsächlich scheint zumindest ein NFL-Team wieder an dem früheren Quarterback interessiert zu sein. Das will zumindest Seattle-Seahawks-Cheftrainer Pete Carroll nun erfahren haben. 2017 habe er selbst sich trotz eines Treffens mit Kaepernick nach dessen Aus bei San Francisco gegen seine Verpflichtung entschlossen, so Carroll, was er nun bereue. Auch Kaepernicks Comeback-Versuch 2019 mit einem öffentlichen Training, zu dem sieben Teams erscheinen, endet erfolglos.

Natürlich will Kaepernick seiner Lieblingsbeschäftigung wieder nachgehen - und wenn er noch gut genug ist, muss er eine faire Chance bekommen. Aber egal, ob Kaepernick je wieder ein NFL-Team aufs Feld führen wird: Er ist jetzt schon ein Held, der bereits auf der richtigen Seite der Geschichte stand, als ein Sturm der Gegenwehr ihm ins Gesicht fegte. Dem es wichtiger war, soziale Veränderungen herbeizuführen, als nur die Klappe zu halten, um seinen Job nicht zu verlieren, so wie es die weißen NFL-Teambesitzer stets von ihren Athleten - in der Mehrheit People of Color - erwarten. Auch ohne eine Mannschaft hinter ihm ist er ein Anführer. Abseits des Platzes. Colin Kaepernick hat eine Bewegung losgetreten und führt als Symbol Menschen überall auf der Welt an im Kampf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit.

Quelle: ntv.de

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