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Le'Veon Bells NFL-Gehaltsstreik Wenn das eigene Team scheißegal scheint

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Ob Bell nochmal für die Steelers aufläuft, ist fraglich.

(Foto: imago/Icon SMI)

Der Star-Runningback Le'Veon Bell streikt, weil ihm 14,5 Millionen US-Dollar pro Jahr zu wenig sind. Er fühlt sich als Opfer, will mehr Geld und einen längeren Vertrag. Klingt gierig, ist aber vielschichtiger. Ein Lehrstück darüber, wie ungerecht die NFL ist.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Niko Kovac erwartet die Spieler des FC Bayern zum Trainingsauftakt im Sommer. Es erscheinen alle, bis auf einen. Und zwar, sagen wir mal, Robert Lewandowski. Der weigert sich, ein Spiel für die Münchner zu absolvieren, bis die ihm einen besser bezahlten Vertrag anbieten. Sagen wir weiter, Lewandowski lässt sich stattdessen beim Jetski-Fahren in Miami fotografieren, was - erneutes Gedankenspiel - Arjen Robben nicht besonders gut findet. Zugegeben, das ist im Fußball nahezu undenkbar. Nicht aber im American Football: Die Geschichte hat sich tatsächlich so abgespielt. Die Protagonisten: Le'Veon Bell, einer der besten Runningbacks der Welt, NFL-Klub Pittsburgh Steelers, und ein System, das Spieler in der National Football League systematisch benachteiligt.

Die Kurzfassung: Bell könnte aktuell bei dem Team aus der American Football Conference ein Gehalt von 14,5 Millionen US-Dollar pro Jahr verdienen. Das reicht ihm nicht. Der Runningback befindet sich seit diesem Sommer im Streik, er fordert laut Medienberichten ein Jahresgehalt von 17 Millionen Dollar. Bell tauchte nicht zum Trainingscamp auf, verpasste die ersten acht Saisonspiele, ließ seine Mannschaftskollegen im Stich. Er selbst fühlt sich als Opfer, fordert einen nicht nur höher dotierten, sondern vor allem langfristigen Vertrag bei den Steelers. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Es wäre eine über geldgierige Sportler, denen der eigene Kontoauszug wichtiger ist als das Team. Doch der Fall Bell ist sehr viel komplizierter. Und könnte weitreichende Folgen für die Zukunft der Liga haben. Zur Saison 2021/22 werden die Vertrags-Grundlagen zwischen Liga und Spielern neu verhandelt. Mitglieder der Spielergewerkschaft NFLPA gehen schon jetzt davon aus, dass die Saison zumindest teilweise ausfallen wird, weil die Verhandlungspositionen viel zu weit auseinanderliegen.

Hochrisikosport American Football

Kein Sport verzeichnet mehr Gehirnverletzungen als American Football. Trotz wattierter Uniformen und Schutzhelmen ist die Gefahr einer Gehirnerschütterung groß - erkannt wird sie selten oder erst dann, wenn es zu spät ist. Vor allem die Nervenkrankheit CTE, also Chronisch traumatische Enzephalopathie, bestimmt derzeit die Debatten über das Risiko.

Wegen der hohen Verletzungsgefahr beträgt die durchschnittliche Karriere eines NFL-Profis laut Angaben der Spielergewerkschaft NFLPA gerade einmal 3,3 Jahre. Auf Positionen, bei denen die Spieler besonders häufig Gegnerkontakt haben, sind es noch weniger - ein Runningback schafft im Schnitt nur 2,6 Jahre. 78 Prozent der NFL-Spieler sind zudem innerhalb von zwei Jahren nach Karriere-Ende in finanziellen Schwierigkeiten oder gar pleite, ergaben Studien.

Dann wird sicher auch wieder über Bell geredet werden. Wobei sich das Mitleid mit jemandem, der pro Woche ein Gehalt von 855.529 Dollar kassiert, in Grenzen halten dürfte. Das heißt allerdings nicht, dass sein Verhalten nicht nachvollziehbar wäre. Bells Geschichte ist ein Lehrstück, wie ungerecht die Vertragsregeln der umsatzstärksten Liga der Welt sind. Sie machen die ohnehin milliardenschweren Klubbesitzer der NFL noch unvorstellbar reicher. Profis wie Bell leben derweil mit der Angst, im nächsten Spiel zum Sportinvaliden zu werden, auf der Straße zu landen, oder eben beides.

Gefangen im Rookie-Vertrag

Liga-Neulinge, sogenannte Rookies, erhalten automatisch einen Vierjahresvertrag, es ist ihre Eintrittskarte in die Liga. Ihr Gehalt bemisst sich daran, wie hoch sie im Draft, also der jährlichen Talentauswahl, gewählt werden. Es liegt stets deutlich unter dem, was etablierte Spieler auf derselben Position verdienen. Wenn ein Profi beispielsweise in der ersten oder zweiten Saison voll einschlägt, ist er trotzdem bis zum Ende der Laufzeit in seinem schlechten Rookie-Vertrag gefangen. Bell bekam 2013 als Anfänger nach dem Draft 4,12 Millionen US-Dollar für vier Jahre. Sein aktueller wöchentlicher Verdienstausfall von 855.529 Dollar ist mehr als sein Rookie-Stellvertreter James Conner im Jahr verdient. Also: Wo genau liegt eigentlich das Problem?

Franchise Tag

Der exklusive Franchise Tag gibt Teams die Möglichkeit, einen Spieler zumindest kurzfristig an sich zu binden, obwohl dessen Vertrag eigentlich ausgelaufen ist. Wird diese Option gezogen, ist damit sicher, dass der Spieler noch ein Jahr für das Team spielen wird. Er darf in diesem Zeitraum für kein anderes Team spielen und darf nur als sogenannter Trade weitergereicht werden. Der Spieler bekommt ein garantiertes Gehalt, das dem durchschnittlichen Einkommen der fünf bestbezahlten Spieler der Vorsaison auf der Position entspricht - oder 120 Prozent seines vorherigen Jahresgehalts (je nachdem, welche Summe höher ist). Es ist auch möglich, den selben Spieler in zwei aufeinanderfolgenden Saison an den Franchise Tag zu binden. Dann fallen 120 Prozent des Vorjahresgehalts an. Somit haben Spieler kurzfristig ein hohes Gehalt, allerdings keine konkrete langfristige Perspektive bei ihrem Arbeitgeber.

Die Steeler haben schon 2017 den sogenannten Franchise Tag gezogen. Also die Option, Bell noch ein weiteres Jahr zu binden, ohne ihn mit einem neuen Vertrag ausstatten zu müssen. Im Rahmen der Vereinbarung erhielt der Runningback 12,12 Millionen Dollar. Nun stünden ihm, weil die Steelers erneut den Franchise Tag zogen, die garantierten 120 Prozent der Summe zu -  also 14,5 Millionen. Pittsburgh tat das, weil der Klub und Bell sich nicht über die Laufzeit sowie die vertraglich garantierte Summe für Bell einigen konnten. Und genau das ist der Knackpunkt. Bell geht es nach eigener Aussage primär um Sicherheit. Und die kriegt er nur mit einem langfristigen Arbeitspapier, eingeschlossen der Garantiesumme. Es ist schließlich der Vertrag nach dem Rookie-Vertrag, auf den alle Spieler hinarbeiten. Die meisten Profis befinden sich dann auf dem Höhepunkt ihrer Karriere - und die ist in der Regel extrem kurz, viel kürzer als in anderen Sportarten. Im Schnitt sind es etwas über drei Jahre. Mit der Anzahl der Spiele steigt das Risiko, sich ernsthaft zu verletzen. Bell, mittlerweile 25 Jahre alt, ist seit fünf Jahren in Pittsburgh. Und spielt auf einer Position, bei der die Verletzungsgefahr besonders hoch ist.

Der Runningback ist eine Art Rammbock, der sich mit dem Ball durch die gegnerische Abwehr tankt, um Yards zu erzielen. Wenn aber der Ballträger bei Vollspeed auf einen 140-Kilo-Verteidiger trifft, kann so einiges kaputtgehen. "Es ist, als hättest du jede Woche einen Autounfall" - so hat es der frühere deutsche NFL-Profi Björn Werner im Gespräch mit n-tv.de beschrieben. Bell also fürchtet, dass er bei den Steelers irgendwann einen Crash zu viel hat und seine Verhandlungsposition erheblich schwächt. Wer stellt schon einen Spieler ein, bei dem nicht klar ist, wann und ob er nach einer schweren Verletzung überhaupt auf dem alten Topniveau zurückkommt? Doch auch das Zögern des Klubs ist nachvollziehbar. Je mehr Geld sie dem Runningback garantieren, desto mehr haben sie zu verlieren. Schließlich ist möglich, dass Bell sich nach zwei Jahren verletzt, die Karriere beendet und die vertraglich garantierte Summe trotzdem bezahlt werden muss. Im knallharten Geschäft NFL ist das aus Sicht der Steelers ein inakzeptables Risiko.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Bell hat sich deswegen zum "Hold out" entschieden. Zu den Steelers soll es, seit die Verhandlungen gescheitert sind, keinen Kontakt geben. Weil er durch den exklusiven Franchise Tag gebunden ist, kann er auch nicht mit anderen Vereinen verhandeln und womöglich zur Konkurrenz wechseln. Er selbst hat bislang sieben Millionen Dollar verloren und die Steelers einen Top-Runningback - Bell erzielt durchschnittlich 4,3 Yards pro Lauf. Das ist ein absoluter Spitzenwert, der in der Regel entsprechend entlohnt wird. Dass es auch als Runningback möglich ist, hohe Millionensummen garantiert zu bekommen, zeigt schließlich Todd Gurley. Der 24-Jährige hat bei den Los Angeles Rams einen Vertrag unterschrieben, der ihm vier Jahre lang jährlich garantiert 11,25 Millionen Dollar einbringt, hinzu kommt ein Bonus für die Vertragsunterschrift in Höhe von 20 Millionen Dollar.

Wie aber geht es bei Bell weiter? Wahrscheinlich ist, dass Bell nicht einfach so aufgibt. Sein Agent ist der Sportanwalt Adisa Bakari, er händigt laut "Neue Züricher Zeitung" jedem Klienten das Buch "40-Millionen-Dollar-Sklaven: Der Aufstieg, der Fall und die Erlösung des schwarzen Athleten" aus. Vieles deutet darauf hin, dass sich Bell als eine Art Vorkämpfer für die Rechte von NFL-Profis stilisieren will. Nur hilft das seinen Teamkollegen wenig: "Anscheinend ist ihm alles scheißegal", zitiert der "Tagesspiegel" Ramon Foster, einen Spieler aus der Offensive Line der Pittsburgh Steelers.

Eine mögliche Lösung für den festgefahrenen Konflikt haben beide Seiten verstreichen lassen. Bis zum 30. Oktober, dem Ende des "Trade"-Fensters, hat es keine Einigung gegeben. Selbst wenn die Steelers ihn abgeben wollten, ginge das nicht mehr. Fakt ist: Wenn Bell in dieser Saison noch einmal spielt, dann für Pittsburgh. Und zwar, wenn er bis zum 13. November seinen Franchise Tag unterschreibt. Was er bislang verweigert hat. Entscheidet er sich um, hätte er bis zum Stichtag 8,5 Millionen Dollar verloren, könnte die Saison aber zu Ende spielen und sich dann ab März als Free Agent einen neuen Verein suchen.

Allerdings steigt, spielt er doch, das Verletzungsrisiko. Die zweite Möglichkeit: Die Steelers geben nach und ziehen den Franchise Tag zurück, damit würde Bell sofort zum Unrestricted Free Agent werden. Eher unwahrscheinlich. Die dritte Option: Bell streikt weiter und riskiert die für ihn vorteilhafte Option, Free Agent zu werden. Die Steelers könnten schließlich im März wieder den Franchise Tag ziehen, ihm erneut die 14,5 Millionen Dollar anbieten, die Bell dann vermutlich wieder ablehnen würde. Geholfen wäre damit keinem.

Deswegen soll es laut "ProFootballTalk" eine Art stille Einigung geben, ein Gentlemen's Agreement. Das sähe vor, dass Bell weiterstreikt, auf sein komplettes Gehalt verzichtet und die Steelers ihn im Frühjahr als Free Agent entlassen. Den Steelers würde dafür, dass sie Bell ziehen lassen, ein Compensatory Pick, also ein zusätzliches Wahlrecht im Draft, winken. In Anbetracht der Möglichkeiten wäre das fast eine Win-Win-Situation. Und der Rest der Steelers müsste sich auch nicht mehr fragen, ob ihrem Superstar das Team wirklich scheißegal ist.

Quelle: n-tv.de