Fußball-EM

Spanien "verpasst" EM-Auftakt 1000 Mal berührt, 1000 Mal ist nichts passiert

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Ernüchtert wegen Wucher: die Spanier um Koke.

(Foto: imago images/MB Media Solutions)

Topfavorit auf den EM-Titel sind die Spanier nicht, zum Kreis der Anwärter gehören sie aber allemal. Auch ohne Abwehrchef Sergio Ramos und den noch an Corona erkrankten Sergio Busquets. Der Auftakt gegen Schweden sorgt indes für reichlich Ernüchterung bei der Furia Roja.

Hach, dieses Passspiel der Spanier. Zum Verlieben. Zumindest für Menschen, die ein Faible für zermürbende Dominanz haben. Von links wandert der Ball nach rechts, mal über die hintere Kette, mal über das Zentrum. So ballsicher, so souverän. Man könnte ewig weiterschwärmen, so wie die Fußballer der Nationalmannschaft ewig weiterpassen können. Am Montagabend schoben sie sich den Ball laut offizieller Zählung der UEFA 954 Mal zu, 852 Zuspiele erreichten ihr Ziel, den Mitspieler. Eine gespielte Hommage an die Klaus-Lage-Band: "1000 Mal berührt, 1000 Mal ist nichts passiert." Dass dabei ein Ballbesitzanteil von 75 Prozent herausspringt, darüber braucht man sich nicht zu wundern. Über das Ergebnis dann allerdings schon. Gegen Schweden gabs ein höchst maues 0:0. Man kann also sagen: Diese Europameisterschaft hat ihre erste große Überraschung.

Und diese Überraschung hätte aus Sicht der Furia Roja sogar noch viel, viel böser werden können. Denn einmal verhinderte der Fuß von Marcos Llorente in Zusammenarbeit mit dem Pfosten auf eher bizarre Weise einen Rückstand nach einem Schuss des starken Stürmers Alexander Isak (41.). Ein anderes Mal blieben die Spanier verschont, weil Marcus Berg ein Zuspiel nach sensationeller Vorarbeit von Isak freistehend aus zwei Metern neben das Tor drückte. Wenn die erste Szene noch bizarr war, dann ist nun die größtmögliche Steigerung fällig. Ein Wahnsinn, wie man diesen Ball nicht verwerten kann. Nun war es aber nicht so, dass die Spanier sich das Spielgerät nur von Fuß zu Fuß reichten und die Schweden die Abschlüsse hatten. Auch die Spanier schossen.

Ach was, sie wucherten. Dem Leipziger Dani Olmo (16./45.) und Gerard Moreno vom FC Villarreal (90.) kann man noch die wenigsten Vorwürfe machen. Ihre Kopfbälle und Schüsse wurden von Robin Olsen mit zwei teuflischen Reflexen und einer eher eigentümlichen Parade von der Linie gekratzt. Anders sieht es dagegen mit Koke aus, mit Alavaro Morata und mit Pablo Sarabia. Sie hatten die Führung auf dem Schlappen, schoben die Bälle aus besten Gelegenheiten aber knapp am Tor vorbei (Koke und Morata in Halbzeit eins) oder direkt in die Arme des starken Olsen (Sarabia in der Nachspielzeit). "Das Einzige, was gefehlt hat, war das Tor", haderte Koke hernach. Was soll man sagen, außer: stimmt! Und die Quittung für ihren zwar dominanten, aber dann doch harmlosen Auftritt gabs direkt mit dem Schlusspfiff. Die 10.559 Fans - man muss sich daran erst wieder gewöhnen - im Estadio La Cartuja von Sevilla, sie pfiffen.

Enrique verzwergt die Ziele der Schweden

Kein Statement zum Turnierstart, sondern die brutale Ernüchterung. Von Trainer Luis Enrique wurde sie in einen Satz gepackt, der jeden Fan der Furia Roja grausam schütteln muss: "Wir wollen die Gruppe immer noch gewinnen, wenn das nicht klappt, wollen wir zu den vier besten Drittplatzierten gehören." Gut, das dürfte wohl klappen. Auch wenn die Polen mit Robert Lewandowski ja irgendwie immer eine Bedrohung darstellen. Auch wenn die Polen ihr Auftaktspiel völlig überraschend gegen höchst solide Slowaken verloren. Aber wenn sich die Spanier nicht komplett blamieren, wenn sie ihren Pass-Furor auch noch mit Toren garnieren, dann werden sie die Knockout-Runde schon erreichen.

Am Samstag kommt es schon zum Duell der Enttäuschten. Wieder wird in Sevilla gespielt, Gegner ist Polen. "Es gibt immer Dinge, die man verändern kann, wir wollen uns verbessern, das ist das Ziel", beteuerte Enrique. Für dieses Ziel wird es wohl auch personelle Veränderungen geben. Kaum vorstellbar, dass der Trainer erneut auf Stürmer Morata setzt. Nicht nur wegen dessen vergebener Topchance. Nicht nur wegen der Pfiffe der Fans, die sich bereits während des Spiels gegen den 28-Jährigen gerichtet hatten. Nein, der erst spät eingewechselte Moreno (74.) wirkte griffiger, gefährlicher, präsenter. Ein weiterer Kandidat für die Startelf gegen Polen ist Spielmacher Thiago. Auch er kam erst Mitte der zweiten Halbzeit, gab dem Spiel aber direkt wieder eine klare Struktur und Zug zum Tor. Ohne Ertrag freilich.

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Immerhin: Das Zusammenspiel funktionierte. Und das mit einem Kader, der wegen zahlreicher Probleme mit Verletzten (unter anderem Abwehrchef Sergio Ramos) und Corona-Erkrankten (unter anderem Mittelfeldchef Sergio Busquets) ziemlich anders aussieht als geplant. So standen schließlich acht Turnierdebütanten gegen Schweden in der Startelf. "Wir werden das Spiel wie immer analysieren. Diesmal ist es aber klar. Wir haben das Spiel komplett kontrolliert. Wir haben so viele Chancen wie möglich kreiert. Was falsch gelaufen ist: Wir haben die Chancen nicht genutzt. Das hat ja jeder gesehen", analysierte Enrique. Vorwürfe an die Schweden ob deren destruktiver Spielweise? Keine Spur. "Der Trainer hat entschieden, wie er spielen will und das ist absolut okay."

Wie destruktiv das Spiel der Schweden war, das sagt eine Zahl aus: Die Mannschaft kam über 90 Minuten nur auf 176 Pässe, das sind nicht mal zwei Zuspiele pro Minute ...

Quelle: ntv.de

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