Fußball-EM

Letzter Gruß an den Bundes-Löw Der Mann, der stets ein Geheimnis war

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Ein letzter Gruß.

(Foto: dpa)

Joachim Löw wollte seine DFB-Karriere mit einem Höhepunkt beenden. Doch alle Träume bei dieser Fußball-EM endeten im Achtelfinale gegen England krachend. Das Spiel wurde dabei noch einmal zu einem Sinnbild der Veränderung des ewigen Bundestrainers.

Ein Mann für die kollektive Ekstase war er nie. Auch kein Mann für die kollektive Bewunderung. Ebenfalls kein Menschenfänger. Joachim Löw ist weder der Typ Jürgen Klopp (kollektive Ekstase) noch der Typ Josep Guardiola (kollektive Begeisterung) und schon gar nicht Hansi Flick (Menschenfänger), der sein Nachfolger wird. Joachim Löw ist eben Joachim Löw. Und damit ein Mann, der stets ein Geheimnis war. Verfestigt hat sich nun, wo seine Karriere als Bundestrainer nach 15 Jahren endet, das Bild von einem Mann, der bockig ist. Bockig im Sinne der eigenen Überzeugung. Und bockig gegenüber der öffentlichen Meinung. Die Nominierung eines Spielers? Die Umstellung des Systems? Nur, wenn Löw wollte. Und Löw wollte selten, wenn sich jemand einmischte. Das Bild, das sich verfestigt hat, ist ein unvollständiges, ein in Teilen auch unfaires.

Eine finale Bestätigung für das typische Löw-sein von Löw hätte es vermutlich nicht mehr gebraucht, er lieferte sie aber dennoch. Gegen England. Seinem letzten Spiel als Nationaltrainer. Keine Systemänderung, kein Joshua Kimmich im Zentrum. Immerhin Leon Goretzka in der Startelf. Aber das auch, weil İlkay Gündoğan wegen nach seiner Schädelprellung nicht in bester Verfassung war. Es waren die alles überlagernden deutschen Themen der letzten deutschen Tage bei dieser EM. Es waren indes Themen für die Öffentlichkeit. Mehr noch als Leroy Sané, der nach seinem schwachen Spiel gegen Ungarn ja fast schon zur Unperson im Land aufgestiegen war. Denn es war eh klar, dass Sané nicht mehr spielen würde (zumindest mal nicht von Anfang an), wenn Thomas Müller wieder fit ist. Und Thomas Müller war für dieses EM-Achtelfinale fit. Löw kassierte wieder einmal alle Themen ein. Sein Plan, so seine Überzeugung, ist der richtige.

Nun, es war der falsche. Oder womöglich wurde er einfach nicht gut umgesetzt. Die einen sagen so (Kritiker und Experten), der andere halt so (Löw). Die Beziehung zwischen Öffentlichkeit und diesem Bundestrainer war immer stärker geprägt von einem Kampf um die Deutungshoheit. Es war ein Kampf, der irgendwann nach dem Sommer 2014 begann, als sich die Bundesrepublik nach dem WM-Rausch ganz langsam entschlandet hatte. Der Titel in Brasilien, das war sein großer Moment. Es war der Moment, in dem Löw die größte Anerkennung erfuhr. Keine Liebe (wie Klopp), keine Bewunderung (wie Guardiola oder auch Flick). Löw war immer da, das galt bis heute. Er war ein ständiger Begleiter. Aber irgendwie nie zu greifen, nie zu begreifen.

Löw schuf ein Team, dem er blind vertraute

Über Jahre hatte er das Team um Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Toni Kroos, Mesut Özil, Thomas Müller und Miroslav Klose geformt. Es war ein Team, dem er blind vertraute. Es war ein Team, dass nicht nur immer nur anhand des Leistungsprinzips zusammengestellt wurde, Nibelungstreue ist das Stichwort. Aber Löw hatte dem Team eine Spielidee gegeben. Und die Titel-Sehnsucht einer ganzen Nation gestillt, die über Jahre dank den Sportfreunden Stiller fast schon hymnisch besungen worden war.

Löw, das war ein Entwickler. Ein Mann mit Ideen. Weil es ihn gab und Jürgen Klinsmann, erlebte der deutsche Fußball eine erstaunliche Auferstehung. Eine Auferstehung mit Wow-Effekt. Denn die darbende Nation der Tugendhaften, der Arbeiter, sie wurde plötzlich zu einer mitreißenden Nation der Kreativlinge, der Fummler, der Fußballer. Selbst Innenverteidiger konnten plötzlich erstaunliche Dinge, erstaunliche Diagonalbälle etwa. Löw schenkte Deutschland das schöne Spiel. Am schönsten spielte seine Mannschaft bei der WM 2010 in Südafrika, als das Halbfinale gegen die alles zermalmende Weltmacht Spanien mit 0:1 verloren ging. Das junge Deutschland bekam seine Grenzen aufgezeigt.

Es war die Hochzeit der Ara Löw. Der Himmel blau, noch kein Indiz für die "dunklen Wolken", die das Verhältnis von Mannschaft, Trainer und Direktor Oliver Bierhoff zu den Fans nachhaltig belasten. Bis zum WM-Titel hat sie auch nur einen großen Makel. Das EM-Halbfinale 2012, als sich der Bundestrainer einen Plan überlegt hatte, der gnadenlos scheiterte. Er rückte von seinem Spiel ab. Nicht mehr dominant, sondern reaktiv stellte er sein Team gegen Italien auf. Dass er zudem Toni Kroos als Spaßbremse für den großartigen Dirigenten Andrea Pirlo aufbot, war die vielleicht krasseste Fehlentscheidung des erfolgreichen Herrn Löw.

Irgendwann falsch abgebogen....

Von diesem erfolgreichen Weg kam er nach dem Triumph von Rio langsam, aber kontinuierlich ab. Die EM zwei Jahre später in Frankreich war mit dem sechsten Halbfinale in Serie bei Großturnieren zwar im Ergebnis immer noch stark, in der Weise aber längst nicht mehr so mitreißend. Lediglich das Viertelfinale gegen Italien geht als großer Moment durch. Ein Sieg für Löw. Doch irgendwas passierte nach dieser Europameisterschaft mit dem Bundestrainer. Irgendwas ließ ihn entrücken. Der Mann, der stets ein Geheimnis war, wurde zum Rätsel. Wohl auch im Gefühl der eigenen Überlegenheit. Der Titel beim Confed-Cup 2017 mit einem Perspektivteam gegen starke Chilenen schienen ihn unaufgreifbar zu machen. Was der Löw anfasst, das klappt.

Es war ein fataler Irrtum. Nicht alles, was beim WM-Desaster 2018 in Russland passierte, war Löws Schuld, vieles aber schon. Mit einer unangenehmen Arroganz schied die Nationalmannschaft aus. Sportlich und offenbar auch neben dem Platz. Vorwürfe wurden laut, dass die Spieler vor allem an sich interessiert waren. Ein Team war das nicht, allerdings auch heftig erschüttert von der Foto-Affäre um Mesut Özil und İlkay Gündoğan. Die beiden Nationalspieler hatten sich vor dem Turnier mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren lassen. Zudem gab es noch schmeichelnde Worte für den Autokraten. Eine nationale Angelegenheit wurde das. Ein Foto, das die Nation spaltete. Dazu noch von Özil, einem Liebling des Bundestrainers, der die Nation eh schon gespalten hatte, in Menschen die seine Art des Spiels bewunderten und jene, die diese Art verachteten.

Weder Löw gelang es die öffentliche Wut- und Wuchtwelle von der Mannschaft fernzuhalten noch gelang es dem DFB trotz zahlreicher Aktionen unter anderem mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Welle zu brechen. In einer ehrlichen Aufarbeitung des Debakels wären Löw und seinem Team die Fehler, die gemacht wurden, womöglich verziehen worden. Aber die oberflächliche Analyse, die Wochen später nachgereicht worden war, wirkte nicht überzeugend. Eher ein trotziges "tja, ist halt passiert". Man muss das tatsächlich noch einmal erwähnen, es war das erste Mal seit dem EM-Desaster 2004, dass eine deutsche Mannschaft nicht mindestens im Halbfinale stand. Kann passieren, man war halt verwöhnt. Aber Knockout in einer nicht schwierigen Vorrunde mit Mexiko, mit Schweden und mit Südkorea, das war schon hart. Eigentlich nicht zu verkraften.

Die Rufe nach einem Rücktritt werden laut

Der Ruf nach einem Rücktritt des Bundestrainers wurde laut. Sehr laut. Die überragende Stimme im Land. Mit Erfolgen wäre sie vielleicht wieder leiser geworden. Von verstummen wollen wir erst gar nicht sprechen. Aber es folgte die Nations League. Ein nächstes sportliches Desaster. Es folgte die völlig überraschende Blitz-Ausbootung von Müller, Hummels und Boateng. Ein kommunikatives Desaster. Es folgte der Umbruch ohne Aufbruch. Und weil im Land niemand mehr Lust auf noch ein Desaster hatte, gab es nur noch Desinteresse. Sätze wie "heute Abend ist ein Länderspiel" wurden mit einem Achselzucken kommentiert. Hängenblieb, wer durchzappte.

Diese Entfremdung wurde von einem vogelwilden Marketingfeldzug begleitet, der an den Realitäten der meisten Fans vorbeiging. Aus Nähe wurde Distanz. Aus Nahbarkeit wurde Überheblichkeit. Die emotionale Enttäuschung wurde von sportlichen Minimalistendarbietungen flankiert, manchmal auch durch Peinlichkeiten wie dem 0:6 gegen Spanien Ende des vergangenen Jahres oder beim 1:2 gegen Nordmazedonien Ende März. Das Gute ist: Die Mannschaft kann sich auf die Reflexe der kollektiven Zuneigung der Fans verlassen. Zwar war die Republik nicht komplett verschlandet in den vergangenen Wochen, aber die TV-Quote hoch und eine zarte Euphorie nach dem Spektakel gegen Portugal (4:2) entfacht. Einkassiert direkt wieder nach dem 2:2 gegen Ungarn.

Vieles wurde Löw und der Mannschaft zu schlecht geredet. Die Vorrunde der EM wurde zum finalen Kampf um die Deutungshoheit. Zuvor hatte er sich bereits bemüht, die Rückkehr von Hummels und Müller zu seiner Idee, seiner Entscheidung zu machen. Ebenso wie einst die Versetzung von Lahm 2014 aus dem Mittelfeld zurück nach rechts hinten. Es wurden nun die letzten Pinselschläge gesetzt, die das Bild von einem absolut überzeugten Mann zeichnen, der bockig ist. Von einem Mann, der stets ein Geheimnis war. Von einem Mann, der das Gespür für die Entwicklung einer Mannschaft verloren hat. Von einem Mann, der nur wollte, wenn niemand sich einmischte. Es ist ein unvollständiges, ein in Teilen auch unfaires. Nun ist Joachim Löw weg. Und Italien Europameister. Verrückt.

Quelle: ntv.de

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