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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Es wird gezählt, gemessen und analysiert.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Es wird gezählt, gemessen und analysiert.(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)
Montag, 13. Juni 2016

"Packing" - die andere Statistik: Welcher Pass ist effizient, welcher nicht?

Jeder Fußballfan kennt sie, manch einer schwört auf sie: Statistiken rund um das runde Leder. Jetzt kommt ein neues Zahlentool dazu: das sogenannte Packing. Revolutioniert die neue Analysekategorie den Fußball?

Nach dem EM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine präsentierten Mathias Opdenhövel und Mehmet Scholl in ihrer Spielanalyse eine neue Statistikmethode: Das Packing. Damit soll die Qualität von Pässen messbar gemacht werden.

"Packing bestätigt Gefühle, die ich nicht statistisch erklären konnte bislang", bezeichnete Scholl das neue Projekt des ehemaligen Fußballprofis Stefan Reinartz. Die neue Technik, da waren sich die TV-Experten einig, könnte die Nachbetrachtung einer Fußballpartie für immer verändern.

Reinartz unterstützt Weltmeister Deutschland bei der EM-Endrunde in Frankreich in seiner neuen Funktion als Datensammler. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Leverkusener Mitspieler Jens Hegeler (Hertha BSC) hat Reinartz das Start-up-Unternehmen Impect gegründet, das Fußballdaten neu erfasst und entsprechend aufbereitet.

Die Idee dazu kam Reinartz, nachdem die bisherigen Statistiken eines Spiels keine Auskunft über die Effizienz der Mannschaft gaben. Als Beispiel führt Reinartz das WM-Halbfinale 2014 Deutschland gegen Brasilien an. Damals sprachen alle klassischen Parameter für die Selecao. Ob bei den Ecken, Torschüssen oder beim Ballbesitz - Brasilien lag damals klar vorne, verlor aber trotzdem mit 1:7. "Deutschland hat gewonnen, weil sie einfach mehr Spieler überspielt haben", erläutert Reinhartz.

Wenn der Pass sechs Gegenspieler überspielt

Mit der neuen Packing-Methodik geht es vereinfacht ausgedrückt darum, wie viele Gegenspieler ein Akteur mit seiner Aktion Richtung gegnerisches Tor überwindet und sich die Anzahl der Gegenspieler, die sich zwischen dem Tor des Kontrahenten und dem eigenen ballführenden Spieler befinden, dadurch verringert.

So spielte zum Beispiel Jérôme Boateng in Lille von der Mittellinie einen Pass auf Mesut Özil. Zum Zeitpunkt des Abspiels standen zwischen ihm und dem gegnerischen Tor elf Gegenspieler. Als der Pass bei Özil ankam, hatte Boateng sechs ukrainische Gegner überspielt. Damit standen zwischen dem neuen ballführenden Spieler Özil nur noch fünf Gegner zwischen Ball und Tor.

Bisher sprachen Experten von Pässen in die Tiefe. Mit "Packing" kann man dieses "Bauchgefühl eines exzellenten Passes" nun also auch messen. Die große Revolution zu wittern, dürfte jedoch zu weit gehen. Packing dürfte eher eine kluge Ergänzung sein. Denn welches Zahlenmodell soll eine Rettungsaktion erfassen, in der ein Boateng erst fast ein Eigentor verursacht und den Ball dann in höchster Not mit einer akrobatischen Meisterleistung von der Linie kratzt?

Quelle: n-tv.de