Fußball-WM

Teenie zündet, jedoch ohne Tor Diesen Musiala darf Flick nicht mehr auswechseln

Jamal Musiala, Deutschlands Super-Teenie: Der Bayern-Profi zeigt gegen Japan atemberaubende Dribblings, Ballberührungen und Torgefahr, wie man sie im DFB-Team dringend benötigt. Doch mehrmals vergibt der 19-Jährige im Abschluss. Das muss sich ändern - aber auswechseln darf man ihn nicht mehr.

Jamal Musiala hat die erste Hürde zum Weltstar schon längst genommen. Auch die internationalen Medien interessieren sich längst für den 19-jährigen Ausnahmestürmer. Das liegt natürlich auch an seiner Vergangenheit in den englischen U-Nationalmannschaften. Und an den immer stärker werdenden Leistungen in der Bundesliga. Vor dem WM-Auftakt der deutschen Nationalelf in Katar kommen auch mal wieder die fast schon Tradition gewordenen Messi-Vergleiche auf. Lothar Matthäus sprach zuletzt von "Zauberei" und schwärmte: "Das ist Hollywood", als der Teenager, der "den FC Bayern nie verlassen darf" den FC Schalke überrannte.

Nun ja. Zunächst bestreitet der Münchner Profi sein erstes WM-Spiel gegen Japan, bevor er irgendein anderer Fußballer oder irgendein Hexenmeister werden könnte (und beides sollte er ohnehin nicht). Der WM-Auftakt geht beim 1:2 (1:0) mächtig in die Hose. Da wird es Musiala auch wenig gefreut haben, dass er mit seinem Einsatz in der Startelf zum jüngsten deutschen WM-Kicker seit 64 Jahren wurde. Damals, 1958, war Karl-Heinz-Schnellinger noch ein paar wenige Monate jünger. Wobei diese Bestmarke dann zu Youssoufa Moukoko wanderte, als der seit drei Tagen 18-Jährige in den Schlussminuten eingewechselt wurde.

Zunächst merkt man Musiala die Nervosität an. Dabei bricht er direkt in der ersten Minute auf links gegen zwei Japaner durch und ein Pass zu Serge Gnabry hätte wohl zu einer guten Chance geführt. Aber der Offensivmann vertändelt anschließend immer wieder Bälle. Doch immerhin geht er als einziger der deutschen Mannschaft offensiv vermehrt ins Dribbling. In der ersten Halbzeit kommen 93 Prozent seiner Zuspiele an und als Empfänger ist er immer anspielbar, dank seiner auch in Bedrängnis unglaublich starken Ballkontrolle.

Doppelpässe und ein genialer Moment

Bald schon schüttelt Musiala die Aufgeregtheit ab. "Zauber" ist das noch lange nicht, aber aus dem Label "bemüht" wird "gekonnt". Mitte der ersten Hälfte legt İlkay Gündoğan einen Hackenpass stark auf den Bayern ab, der am Strafraum von den Beinen geholt wird, aber der Schiedsrichter lässt Vorteil laufen. Joshua Kimmichs Strahl wird zur bis dato besten deutschen Chance.

Offensiv tut sich Deutschland weiterhin schwer, aber wenn etwas geht, dann über Musiala: Er initiiert eine schöne Kombination mit David Raum und Kimmich, dessen Schussversuch wird aber abgeblockt. Auch für Doppelpässe ist der agile 19-Jährige immer zu haben, die DFB-Elf wird stärker. Und so findet sich Musiala in der 33. Minute folgerichtig in seinem ersten WM-Jubel-Knäuel wieder, nachdem Gündoğan den Elfmeter zum 1:0 verwandelte.

Kurz vor der Pause holt sich Musiala dann doch noch das Prädikat "sehr gut" ab. Im Doppelpass mit Raum bringt er den Ball zu Müller am Strafraum, dessen Ablage haut Kimmich über das Tor. Da wäre mehr drin gewesen. Dann in der 45. der erste wirkliche Messi- äh Musiala-Moment: Mit einem horizontalen Pass wird der Münchner an der Strafraumkante angespielt, eine Ballberührung und eine Drehung um die eigene Achse lassen den Gegenspieler frech ins Leere laufen und Musiala zieht direkt mit rechts ab - der Ball rauscht über das Gebälk. Müller klatscht Applaus.

Wahnsinn, welch ein Dribbling!

Es sind Musialas kleine, aber immer wieder sehr feine Ballberührungen und gewitzte Körpertäuschungen, die ihm ein paar Zentimeter Raum verschaffen. Mehr benötigt er selten - und genau so etwas braucht das deutsche Spiel vermehrt. Genau so etwas fehlt seit dem Abdanken Mesut Özils.

Auch das vermeintliche 2:0 fällt wegen eines dieser feinen Ballkontakte: Musiala verwertet an der Mittellinie einen harten und hohen Ball technisch äußerst stark, indem er ihn gekonnt auf Serge Gnabry direkt in den Lauf abtropfen lässt. Die Nummer 10 nimmt wieder den Teenager mit, dessen Pass landet bei Thomas Müller und irgendwann schiebt Kai Havertz in der Mitte ein - doch der Londoner steht im Abseits.

Und dann kommt die Szene, auf den sie in Deutschland (und auch international) gewartet haben. Der Powerdribbler setzt zu seinem genialen Moment an. Nix mit Messi, das hier ist Jamal Musiala. Ganz eng führt der Bayern-Profi den Ball, während er in den Strafraum eindringt. Wenige Körpertäuschungen lassen erst zwei, dann drei, dann vier, dann fünf Japaner aussteigen. Wahnsinn! Immer noch dribbelt sich Musiala durch die Box, täuscht einen Schuss an, macht einen weiteren Haken und haut den Ball über den Kasten. Was für ein Antritt, welch Körper- und Ballbeherrschung. Das war vielleicht das beste deutsche Dribbling seit Thomas "Icke" Häßler. Wow. Allein, er macht die Kugel in dieser 51. Minute eben nicht rein.

Die erste WM könnte bald vorbei sein

Und das ist die Krux in dieser Phase. In diesem Spiel. An fast allen guten Offensivaktionen der deutschen Mannschaft ist Musiala beteiligt, nur das 2:0 will nicht fallen. Und wie es eben so ist im Fußball, das rächt sich. Kurz darauf klingelt es im Tor von Manuel Neuer. Musiala holt sich geknickt eine Wasserflasche ab und richtet ein paar Worte an Gnabry.

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Das war es dann mit seinem ersten WM-Aufritt, er erhält ein paar lobende Worte und einen freundschaftlichen Klatscher von Trainer Flick. Doch dieser Wechselfehler des Bundestrainers rächt sich. Deutschland fehlt anschließend ein immer anspielbarer Ballverarbeiter in der Offensive (Gündoğan fehlt aus denselben Gründen in der Zentrale). Auch wenn bei Musialas Läufen und Dribblings kein Tor herausspringt; er reißt Räume auf, er bewegt den Gegner, er hält den Ball mit einfachen Pässen in den eigenen Reihen.

Ohne diesen Werkzeugkoffer fällt das 1:2 - und Flicks Mannschaft nichts mehr ein. Der Bayern-Profi muss sich das alles von der Bank ansehen, seine Dribblings können dem DFB-Team erst im Spiel gegen Spanien wieder helfen. Doch dann sollten auch die Schüsse sitzen, sonst werden es wohl nur drei Partien für den Super-Teenie bei seiner ersten Weltmeisterschaft. Auswechseln darf man einen Jamal Musiala in der derzeitigen Form auf jeden Fall nicht mehr.

Quelle: ntv.de

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