Fußball

Von wegen Titelreife DFB-Elf lässt an Fähigkeiten zweifeln

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Pleiten, Pech und Pannen prägten den Arbeitstag der DFB-Spieler.

(Foto: imago images / Eibner)

Die Niederlage gegen die Niederlande ist verdient, daran zweifelt Bundestrainer Joachim Löw nicht. Nur bei der Analyse geht er seinen eigenen Weg. Trotz vier Fehler seiner Spieler sieht er kein Qualitätsproblem. An der Taktik habe es aber auch nicht gelegen. Also nur ein gebrauchter Abend?

Der Bundestrainer versuchte erst gar nicht, die Sache schönzureden. "Wenn man das Spiel sieht, geht das Ergebnis so in Ordnung", sagte Joachim Löw, just nachdem die deutsche Fußball-Nationalelf mit 2:4 (1:0) gegen die Niederlande verloren hatte. "Wir haben unter unseren Möglichkeiten gespielt." Das war aller Ehren wert. Aber was hätte er auch sagen sollen? Nicht nur die 51.299 Zuschauer im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion hatten an diesem Freitagabend ja gesehen, was bei der deutschen Mannschaft vor allem in der zweiten Halbzeit alles nicht geklappt hatte. "Obwohl wir 1:0 in Führung waren, hat man nie das Gefühl gehabt, dass wir das Spiel wirklich unter Kontrolle hatten. Vor allem in der Vorwärtsbewegung haben wir viele Bälle verloren." Stimmt, und nun?

Dass die makellose Bilanz der DFB-Elf in der Qualifikation für die pankontinentale Europameisterschaft im Sommer kommenden Jahres nun dahin ist, dürfte des Bundestrainers geringstes Problem sein. Nach drei Siegen mit 3:2 in Amsterdam gegen Oranje, mit 2:0 in Weißrussland und mit 8:0 gegen Estland steht die deutsche Mannschaft in ihrer Gruppe C immer noch gut da, am Montag geht es in Belfast (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) gegen den Tabellenführer aus Nordirland. Am 13. Oktober geht es in Tallin gegen die abgeschlagenen Esten, die am Freitag in letzter Minute mit 1:2 gegen Weißrussland verloren. Und zum Abschluss dieser Qualifikationsrunde geht es in zwei Heimspielen am 16. und 19. November gegen eben jene Weißrussen und gegen Nordirland.

Löws niederländischer Kollege Ronald Koeman brachte die fehlende Brisanz dieser Konstellation, bei der sich die beiden besten Mannschaft direkt für die EM qualifizieren, auf den Punkt: "Eigentlich sind wir und Deutschland die Favoriten auf die ersten beiden Plätze. Wer Erster und wer Zweiter wird, ist nicht so wichtig." Die Teilnahmeberechtigung noch zu verspielen, dürfte selbst für das in Hamburg seltsam passive deutsche Team nicht möglich sein. Koeman war "überrascht, dass die Deutschen uns den Ball überlassen haben". Vor der Pause kam die Elftal auf eine Besitzquote von 61 Prozent, nach den 90 Minuten und den vier Minuten Nachspielzeit waren es dann insgesamt aber nur noch 51 Prozent. Klar dürfte aber auch sein, dass nun das Gerede erst einmal ein Ende haben dürfte, dass hier eine neue goldene Generation auf dem Platz stehe, die in Windeseile Titelreife erlangen könne.

"Das Zentrum wirklich völlig entblößt"

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Joachim Löw und Marcus Sorg konnte nicht gefallen, was sie am Freitagabend sahen.

Dafür offenbarte sie nun doch zu viele Schwächen. Grundsätzlich hatte Löw das auch gesehen. Seine Analyse der Gegentore jedenfalls fiel einigermaßen schonungslos aus: Beim 1:1 für Oranje durch Frankie de Jong nach einer knappen Stunde "müssen wir die Flanke verhindern", was der Leipziger Lukas Klostermann aber nicht tat, sondern den ewigen Ryan Babel gewähren ließ. Zudem, sagte der Bundestrainer, sei "das Zentrum wirklich völlig entblößt" gewesen. Das sah dann so aus, dass der insgesamt arg unsichere Leverkusener Innenverteidiger Jonathan Tah stolperte und auf den Rasen fiel, während der Dortmunder Nico Schulz nicht früh genug zur Stelle war, um de Jong dabei zu stören, den Ball am machtlosen Torhüter Manuel Neuer ins Tor zu schießen.

Dass er nicht Tahs Abend war, zeigte sich beim 1:2 in der 65. Minute, als er - Slapstick die Zweite - wieder stolperte, nur dieses Mal den Ball ins eigene Tor. Sah blöd aus, war es auch. Aber Löw sagte, er könne dem jungen Mann "natürlich keine Schuld geben". Und in der Tat hätte die deutsche Abwehr die Situation vorher schon klären können, als erst Neuer einen Kopfball des niederländischen Kapitäns und Fußballer des Jahres, Virgil Van Dijk, prima parierte, dann aber sich Mephis Depay den Abpraller angelte, und eben kein deutscher Abwehrspieler. "Wir waren da nicht richtig wach", sagte der Bundestrainer. Vor dem 2:3 in der 79. Minute war es dann Innenverteidiger Matthias Ginter, der unter Druck einen Fehlpass spielte und so den Treffer des Debütanten Donyell Malen einleitete. "Wir sind eigentlich am Ball - das ist uns häufiger passiert", sagte Löw. Und vor dem 2:4 durch Georginio Wijnaldum (90.+1) machte mit Niklas Süle, Abwehrchefchen vom FC Bayern, auch der dritte Innenverteidiger einen Fehler und ließ sich den Ball abluchsen. "Das war wieder zu einfach".

"Qualitätsmängel haben wir keine"

Abgesehen davon, dass die Niederländer extrem gut Fußballspielen können und das zeitweise auch taten; abgesehen davon, dass sie, wenn sie den Ball erobert hatten, sehr zielstrebig des Gegners Tor anstrebten; abgesehen davon, dass sie die Geschenke, die die Deutschen ihnen reichten, auch annahmen; abgesehen davon, dass sie einfach keine dummen Fehler in der Abwehr machten; und abgesehen davon, dass im Fußball bisweilen die bessere Mannschaft gewinnt, kam dann schon einiges zusammen an Pleiten, Pech und Pannen im deutschen Spiel. Da drängte sich die Frage auf: Sind die Spieler etwa (noch) nicht gut genug für Wettkämpfe auf diesem Niveau? Oder hatte Löw seine Mannschaft wider ihre Natur zu defensiv spielen lassen? Drei Innenverteidiger und dann noch mit dem Dortmunder Nico Schulz und Klostermann zwei eher defensiv ausgerichtete Gesellen auf den Außenbahnen zeugen nicht gerade von übergroßem Mut zum Risiko.

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Davon allerdings wollte der Bundestrainer nichts wissen: Sein Team habe verloren "aufgrund von einfachen Fehlern, die wir gemacht haben". Und nicht wegen der taktischen Ausrichtung. "Wir haben heute einfach ein paar Fehler zu viel gemacht. Mit der Grundordnung hatte das nichts zu tun." Dass er dann nach einer guten Stunde den Dortmunder Marco Reus und den Leipziger Timo Werner auswechselte, den Leverkusener Kai Havertz und Ilkay Gündogan von Manchester City brachte und dem Gefüge so einen noch defensiveren Anstrich gab, sei der Idee geschuldet gewesen, "mehr Ballsicherheit zu bekommen". Aber auch Löw musste einsehen: "Entscheidend besser geworden sind wir dadurch nicht." Drei der vier Gegentreffer fielen nach diesem merkwürdigen Doppelwechsel. Es habe, konstatierte er, seine Spielern insgesamt an Selbstbewusstsein gefehlt.

Was wiederum nichts damit zu tun habe, dass sie nicht gut genug seien. "Qualitätsmängel haben wir keine." Was sie könnten, würden die Spieler ja "Woche für Woche unter Beweis" stellen." Tah und Süle seien jung und müssten noch lernen. Was soll er auch sagen? Nachher spricht irgendjemand von Mats Hummels. Oder gar von Jérôme Boateng. Nein, dieses Fass wird Löw nie aufmachen wollen, und das wäre auch falsch. Schließlich geht es darum, eine Mannschaft für die Zukunft aufzubauen. Das hat auch der Bundestrainer erkannt, gerade noch rechtzeitig. Ansonsten wäre er womöglich gar nicht mehr der Bundestrainer. Und immerhin gibt es noch Antonio Rüdiger vom FC Chelsea. Der ist auch Innenverteidiger, allerdings just verletzt - und auch nicht immer unumstritten. Nun, sagte Löw, gehe es darum: "Wir müssen den jungen Spielern wieder das Gefühl geben, dass sie es können." Das ist insofern eine gute Idee, als dass am Montag ja schon das nächste Spiel ansteht. Und vielleicht feilt er ja doch noch mal an der Taktik. Neue Spieler bekommt er ja so schnell nicht.

Quelle: n-tv.de

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