Fußball

Spitzenreiter Dresden in Magdeburg Der Clásico des Ostfußballs

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Über eine ähnliche Überschrift nach dem Spiel gegen Magdeburg würde sich wohl kein Dresdener beklagen.

Den ersten Matchball gegen Kiel hat Dynamo Dresden ausgelassen. Heute soll die Rückkehr in die 2. Bundesliga perfekt gemacht werden - ausgerechnet beim 1. FC Magdeburg, beim Erzrivalen. Ein Blick in die Geschichte des Elb-Clásicos.

Das Spiel liegt beinahe 40 Jahre zurück, doch Hans-Jürgen Dörner kann sich noch gut an jenen Freitagabend im Mai erinnern. Dynamo Dresden war am vorletzten Spieltag der Saison 1976/77 zu Gast beim 1. FC Magdeburg. Den Dresdnern um Kapitän und Libero "Dixie" Dörner - Status: Beckenbauer des Ostens – fehlte nur noch ein Punkt zur Meisterschaft in der DDR-Oberliga. Und die zweitplatzierten Magdeburger um WM-Torheld Jürgen Sparwasser setzten alles daran, die Entscheidung auf den letzten Spieltag zu vertagen.

Bedeutende Duelle zwischen Dresden und 1. FC Magdeburg

03.04.1974, 25. Spieltag: Dynamo Dresden – 1. FC Magdeburg 0:1 (entscheidendes Spiel in der DDR-Meisterschaft)
24.05.1975, 26. Spieltag: Dynamo Dresden – 1. FC Magdeburg 1:1 (Magdeburg bekommt in Dresden die Meisterschale überreicht
13.05.1977, 25. Spieltag: 1. FC Magdeburg – Dynamo Dresden 0:0 (entscheidendes Spiel in der Meisterschaft)
24.10.1981, 8. Spieltag: Dynamo Dresden – 1. FC Magdeburg 5:0 (höchster Sieg gegen Magdeburg)
17.04.1982, 21. Spieltag: 1. FC Magdeburg – Dynamo Dresden 4:0 (höchster Sieg gegen Dynamo)

"Neunzig Minuten wie ein Alpdruck" titelte das DDR-Fußball-Zentralorgan "fuwo" damals. Obgleich die Partie am 13. Mai 1977 wahrlich kein spielerischer Leckerbissen war, ist der Abend einigen Beteiligten noch immer präsent. Dörner sagt: "Diese Spiele zwischen Dynamo und Magdeburg, in denen es um die Meisterschaft ging, die bleiben haften." Die mit 30.000 Zuschauern ausverkaufte Begegnung endete 0:0; die Gäste aus Dresden durften beim großen Rivalen ihre fünfte DDR-Meisterschaft feiern.

Der nächste Coup beim 1. FCM?

Vor dem Aufeinandertreffen beider ostdeutscher Traditionsklubs am Samstag 39 Jahre später sind die Voraussetzungen wieder ganz ähnlich. Zwar geht es für Dynamo nicht um die Meisterschaft, sondern um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Doch genau wie damals fahren die Schwarz-Gelben die knapp 250 Kilometer die Elbe hinunter, um den großen Coup beim 1. FCM perfekt zu machen. Seit Wochen ist die Partie im kleinen, schmucken Magdeburger Stadion mit 21.000 Zuschauern ausverkauft. Die Nachfrage war riesig, 50.000 Tickets hätte der Verein absetzen können, heißt es. In Dresden werden 10.000 Fans beim gemeinsamen Public Viewing im Stadion mitfiebern und auf die Mannschaft warten, wenn sie den Aufstieg perfekt gemacht hat.

Wie 1977 genügt der SGD bereits ein Punkt; falls der drittplatzierte VfL Osnabrück nicht gewinnt, wäre Dynamo selbst mit einer Niederlage nicht mehr vom direkten Aufstiegsplatz zu verdrängen. Dresdens Trainer Uwe Neuhaus weiß: "Es hat keine Mannschaft gern, wenn der Gegner in ihrem Stadion den Aufstieg feiern kann. Aber meine Mannschaft ist gewillt, es am Wochenende über die Bühne zu bringen." Obwohl Dynamo-Stürmer Pascal Testroet im Münsterland aufgewachsen ist und erst im Jahr der Wiedervereinigung geboren wurde, weiß der 17-Tore-Mann, dass Magdeburg ein "hochinteressanter Gegner" und die Partie ein "Riesen-Derby" ist. "Es wird körperlich und robust zur Sache gehen", prophezeit der 25-Jährige. So wie einst in der DDR-Oberliga.

Wie Bayern gegen Mönchengladbach...

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"Es wird körperlich und robust zur Sache gehen", prophezeit Dynamo-Stürmer Pascal Testroet.

(Foto: imago/Eibner)

Die Begegnungen der beiden Klubs von der Elbe - Neudeutsch: Elb-Clásico – waren in den 1970er-Jahren für die Fans in der DDR ähnlich packend wie die Duelle zwischen Bayern München und Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga. "Das ist ein guter Vergleich", sagt "Dixie" Dörner. "Das waren immer brisante, spannende Spiele zweier mit Nationalspielern gespickten Spitzenmannschaften. Diese Rivalität hat sich bis heute erhalten." Zwischen 1971 und 1978 machten beide Klubs die Meisterschaft unter sich aus. Fünf Mal triumphierten die Dresdner, drei Mal der Europapokalsieger der Pokalsieger von 1974. Die Höhepunkte der Derbyhistorie: Gleich zweimal, 1974 und 1975, feierte der 1. FCM den Meistertitel in Dresden; 1977 revanchierte sich Dynamo in der Börde.

Jürgen Sparwasser, wegen seines Siegtores gegen den späteren Weltmeister Bundesrepublik Deutschland bei der WM 1974 wohl auf ewig prominentester DDR-Fußballer, erinnert sich: "Dresden war immer eine Reise Wert. Magdeburg und Dynamo waren damals die spielstärksten Teams, das waren immer hochinteressante Partien." Fast immer waren die umkämpften Duelle auf Augenhöhe und endeten mit knappen Ergebnissen. Nur einmal, in der Saison 1981/82 brachen die Dämme: Im Hinspiel deklassierte Dynamo die Gäste mit 5:0; im Rückspiel schlugen die "Machdeburger" mit 4:0 zurück.

Stets ein respektvolles, freundschaftliches Verhältnis

Während Dörner als Aufsichtsrat der SGD noch immer eng mit den Geschicken seines Klubs verbunden und natürlich in Magdeburg dabei ist, schaut sich Jürgen Sparwasser die Partie im Fernsehen an. Mitfiebern werden sie beide, mindestens mit so viel Herzblut wie einst auf dem Rasen. Beide betonen, dass sich aus den jahrelangen Duellen auch Freundschaften entwickelt haben. Sparwasser etwa zählt Dynamo-Idol "Hansi" Kreische zu seinen besten Freunden. Dörner ist unter anderem mit dem Magdeburger Jürgen Pommerenke befreundet. "Es herrschte bei aller Rivalität immer ein respektvolles, freundschaftliches Verhältnis zwischen den Spielern und auch den Fans", sagt Sparwasser.

So hofft er auch, dass das Spiel am Samstag nicht "von einigen Chaoten" missbraucht wird. Über 1000 Polizisten aus sechs Bundesländern sichern das sogenannte Hochsicherheitsspiel ab. Die etwa 2000 Dynamo-Fans werden strikt von den übrigen blau-weißen Anhängern getrennt. Im Falle des Aufstiegs hat der 1. FCM eine Dresdner Feier im Stadion ausdrücklich untersagt. Dynamo wies seinerseits in der Pressekonferenz vor der Partie eigens noch einmal darauf hin, dass es der "ausdrückliche Wunsch des Vereins" sei, dass der Platz nach Abpfiff nicht gestürmt werde. Auch das sind ostdeutsche Fußballverhältnisse.

Der Aufstieg als Stimmungsverbesserer?

Doch zwei Jahren nach dem Abstieg 2014 ist Dynamo wieder reif für die 2. Liga. "Dynamo braucht die 2. Liga", sagt Dörner. "Der Verein hat sich in den vergangenen Jahren stabilisiert, auch was die Strukturen anbelangt." Er hoffe, sagt der 100-malige Nationalspieler, "dass der Aufstieg auch das Verhältnis zwischen Stadt und Verein wieder verbessert". Mit der Auswahl eines neuen kaufmännischen Geschäftsführers steht für Dörner und seine Aufsichtsratskollegen in diesen Tagen eine wichtige Weichenstellung für die kommende Zeit an.

Magdeburg hingegen schaffte seit der Wende nie den Sprung in die 2. oder gar 1. Liga, dümpelte jahrelang nur in der Viertklassigkeit herum. Unter Trainer Jens Härtel und Sportvorstand Mario Kallnik erlebt der Klub mit dem Aufstieg in die 3. Liga gerade eine Renaissance. Doch der Sprung in die 2. Liga käme für den derzeit sechstplatzierten Verein noch zu früh, glaubt Jürgen Sparwasser. "Dazu ist der Kader noch nicht breit genug", sagt der 67-Jährige. "Aber der Verein ist auf dem richtigen Weg, hat ein super Stadion – besser als mancher Zweitligist –, eine tolle Fankultur und muss kontinuierlich auf die Jugend setzen." So wie früher, in der Zeit der großen Duelle zwischen 1. FCM und SGD.

Quelle: ntv.de