Fußball

Moukoko spielt, Haaland entzückt Der irrsinnige Hype um fünf Ballkontakte

Was alles passieren kann, während die Welt auf eine Einwechslung wartet. Der BVB gewinnt klar bei Hertha BSC, Erling Haaland erzielt vier Treffer und begrüßt Youssoufa Moukoko auf dem Feld. Lucien Favre gibt derweil den verwirrten Professor.

Lange 85 Minuten galt es am Samstag im Berliner Olympiastadion auszuharren, um das größte Talent des Weltfußballs endlich live in der Bundesliga zu sehen. Nach einer Woche, in der Youssoufa Moukoko von einem 1,79 Meter großen 15-Jährigen zu einem 16-Jährigen mit der Größe eines Gebäudes angewachsen war und es im Prinzip nur noch darum ging, wie viele Tore er bei seinem Debüt erzielen würde, ließ sich Borussia Dortmund wieder einmal alle Zeit der Welt.

Nach einem 0:1 Rückstand zur Pause durch einen sehenswerten Treffer von Matheus Cunha, überrollte Erling Haaland in seinem 22. Bundesligaspiel mit seinen Treffern 20, 21, 22 und 23 die Hausherren und diskutierte bei seiner Auswechslung eifrig mit Trainer Lucien Favre. "Der hat mich gefragt, wie oft ich getroffen habe. Er fragte: 'Hast Du drei Tore gemacht?' und ich: 'Nein, vier Tore. Nur vier Tore, weil Sie mich ausgewechselt haben.' Ich bin jetzt wirklich sauer auf ihn. Aber so ist das!", sagte Haaland dem US-Sender ESPN und lächelte.

Sein Trainer tat das auch. Er sagte auf den kurzen Austausch angesprochen: "Das stimmt. Ich schaue nicht nur die Tore, sondern ich schaue auch die Pässe, die Flanken. Ich weiß, dass er Tore schießen kann. Er hat das gut gemacht. Er ist glücklich jetzt und die Mannschaft ist sehr glücklich. Das ist das Wichtigste." Vor dem Spiel waren andere Dinge wichtig. Lange Monate, ja Jahre, hatte sich die Moukoko-Hype-Welle im fernen Ozean der Dortmunder Jugendakademie aufgebaut. Manchmal berichteten die Medien aus diesen unbekannten Gewässern. Dann hatte der Stürmer mal wieder neue Fantastie-Rekorde aufgestellt.

Mindestens so gut wie Mbappé

Weit über 100 Tore für die Jugendmannschaften des BVB, ein paar sogar für die U-Teams des DFB, warme Worte von Bundestrainer Joachim Löw und U21-Trainer Stefan Kuntz, ein Kicker-Titel, sein 16. Geburtstag, gleichbedeutend mit der Spielberechtigung für Profimannschaften und Hunderte Berichte weltweit, ließen die Welle in der abgelaufenen Woche auf Rekordhöhe ansteigen. Mindestens so gut wie Kylian Mbappé sei er und größer als sämtliche Gebäude der Welt. Über 90 Minuten gesehen hatten ihn da die Wenigsten, die über ihn berichteten. Das Stille-Post-Prinzip in Zeiten der Allgemeinverfügbarkeit von Informationen bleibt faszinierend.

Als Moukoko dann weit vor seinen Teamkollegen den Rasen des Berliner Olympiastadions betritt, ist er erstaunlicherweise nicht größer als sämtliche Gebäude dieser Welt, sondern nur ein Junge, der alles aufsaugt. Rund 10 Minuten schlägt er lange Pässe von der Mittellinie. Dann kommt der Rest und er verschwindet in der Masse. Bei Anpfiff sitzt Moukoko auf der Ersatzbank, wie auch der 17-jährige englische Nationalspieler Jude Bellingham, sein 20-jähriger Landsmann Jadon Sancho und der 18-jährige US-Auswahlspieler Gio Reyna. Trainer Favre setzt auf Erfahrung und wie immer auf Geduld.

Die hat er auch als Cunha in der ersten Halbzeit trifft und dem Dortmunder Spiel in großen Teilen die Tiefe abgeht. Erst kurz vor dem Pausenpfiff rollt die Maschine an, auch weil Julian Brandt nun mehr Genie als Wahnsinn ist. Seine Pässe werden klarer, die Chancen des BVB auch. Noch aber treffen sie nicht. Wie so oft in der ersten Halbzeit. "Wir haben gesagt: Wir müssen weiter so spielen. Mehr in den Strafraum laufen", erklärte Favre später. Vor dem Wiederanpfiff schallt eine Anweisung von ganz unten durch das menschenleere Stadion. "Gut reinkommen, jetzt!", ruft ein Hertha-Spieler. Es nützt nichts. Keine fünf Minuten später hat Haaland das Spiel mit einem Doppelpack gedreht, keine 20 Minuten später einen Hattrick erzielt. Da steht es 3:1 für Borussia Dortmund.

Das perfekte Spiel für diesen Moment

Moukoko verfolgt das Geschehen beim Aufwärmen. Er dehnt sich als Haaland den fahrigen Rückpass Marvin Plattenhardts erläuft, erst Omar Alderete und dann Torhüter Alexander Schwolow umkurvt. Hinter dem Dortmunder Tor freuen sich die Ersatzspieler. Nach Haalands viertem Treffer ist es dann so weit. Er läuft zur Ersatzbank, zieht sein Trikot mit der Nummer 18 über und wartet an der Seitenlinie.

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"Generationen"-Wechsel.

(Foto: dpa)

Moukoko klatscht mit Haaland ab, wird von Favre aufs Feld geschickt und strahlt, wie nur ein 16-Jähriger strahlen kann, der erstmals in der Bundesliga auflaufen darf. Für einen Moment ist er der glücklichste Mensch der Welt. Dann hat er fünf Ballkontakte und das Spiel ist schon wieder vorbei. Jetzt konzentriert sich alles auf Haaland, Moukoko hat den Rekord. Der Druck ist weg, die Welle ausgelaufen. Sie wird sich wieder aufbauen. Es war das perfekte Spiel für diesen Moment.

Es war auch ein Spiel, wie gemalt für ein ausverkauftes Olympiastadion. Doch niemand war dort. Es war ein Spiel, dass die Sehnsucht nach Fans, nach Jubelschreien, nach Ekstase und Leid auf den Tribünen noch einmal schmerzhaft in Erinnerung rief. Es war ein Spiel, mit seinen Aufs und Abs, mit seiner Dynamik, mit seinen Geschichten, dass von der Atmosphäre getragen, gefeiert worden wäre. Doch der Fußball in diesem skurrilen Jahr 2020 muss ohne diese Dimension leben.

So bleibt zwangsläufig nur der Rückfall auf den virtuellen Raum. Dort kommentierte Haaland lässig seine Tore und Moukoko teilte bis spät in die Nacht Geschichten auf Instagram. "Er ist das größte Talent im Weltfußball", sagte Haaland noch im leeren Rund des Olympiastadions. "Ich bin jetzt 20. Ich werde alt, so ist das!" Als Favre zum Interview erschien, wehte der Wind einen Aufsteller auf die Werbebande mit dem "Die Zukunft gehört Berlin"-Schriftzug. Sogar der Natur war an diesem Abend klar, dass die Zukunft jemand anderem gehört: Erling Haaland.

Der 16-jährige Moukoko kann noch einen Moment warten. Bis zu seiner Einwechslung ist eine Menge passiert und eines Tages wird auch Moukoko 20 und dann alt sein. So ist das!

Quelle: ntv.de