Fußball

Holstein Kiel - bald Erstligist? Der letzte schwarze Fleck

imago0039413179h.jpg

Taucht dieses Logo in der kommenden Saison erstmals in der 1. Bundesliga auf?

(Foto: imago images / Picture Point)

Was verbindet man mit Kiel? Deutschlands Norden, sicherlich. Strand, viel Wind und Regen? Bestimmt. Die erfolgreichen Handballer des THW? Garantiert schon mal gehört. Aber Profifußball? Wohl eher nicht. Bitter, denn bei Holstein wird sehr gute Arbeit geleistet.

Das Bundesland Schleswig-Holstein ist das einzige, das tatsächlich noch nie Erstliga-Fußball erlebt hat. Wer aus Schleswig-Holstein Spiele in Deutschlands bester Liga sehen wollte, der musste mindestens mal nach Hamburg fahren. Dort gings dann wahlweise (oder widerwillig) zum HSV oder zum FC St. Pauli. Nun aber, zur kommenden Saison, könnte der Makel behoben werden - dank Holstein Kiel, das am Abend mit einem Sieg über den VfL Bochum (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) vorübergehend auf Platz eins der Zweitliga-Tabelle springen könnte, vorbei vorerst am großen und aktuell wieder einmal strauchelnden Hamburger SV. Dank einer Geschichte, die von krachendem Hochmut und erfolgreicher Demut erzählt.

Sollte sich das Märchen der "Störche" tatsächlich im Mai 2021 glücklich vollenden, dann werden sie sich im hohen Norden mutmaßlich noch einmal an die Spielzeit 2008/09 erinnern. Dort nahm die Geschichte, die schließlich zu einer erfolgreichen wurde, ihren kuriosen Anfang. Mitte Dezember 2008 wurde Trainer Peter Vollmann völlig überraschend einen Tag nach dem Derbysieg beim VfB Lübeck als Herbstmeister in der Regionalliga Nord entlassen - dem beliebten und erfolgreichen Coach trauen die Verantwortlichen den schon damals anvisierten Sprung in die 2. Liga nicht zu.

Bei Holstein träumt man vom "Hoffenheim des Nordens". Mit den potenten Geldgebern Gerhard Lütje und Hermann Langness, zwei Inhaber von Supermarkt-Ketten, sollte nach dem Zweitliga-Abstieg 1981 endlich wieder der Sprung in den Profifußball geschafft werden. Glamour und sportlichen Erfolg lag der Verein schließlich in die Verantwortung der namhaften Ex-Nationalspieler Falko Götz (DDR) und Andreas Thom (DDR und BRD) zu, das Anfang 2009 für viel Geld eingekauft wird. Nach dem Aufstieg in die 3. Liga scheitert das Duo aber grandios und ist ganz schnell Geschichte.

Weniger schnacken, mehr machen

Nach diesem medialen und sportlichen Debakel besinnen sich die Kluboberen auf das norddeutsche Naturell: wenig schnacken, lieber in Ruhe machen. Es wird mit offensivem Ballbesitzfußball eine neue sportliche Philosophie ausgegeben und in ein modernes Trainingszentrum investiert. Für Neuzugänge gilt: fußballerisch und charakterlich gut ausgebildete junge Spieler sollen her. Junge Spieler, die es aber nicht auf dem ersten Bildungsweg in den Profifußball geschafft haben. Holsteins derzeitige Erfolgsgeschichte beginnt dann im Jahr 2010, als der Verein den in Deutschland unbekannten Thorsten Gutzeit als Trainer einstellt. Es ist eine Zäsur der vorherigen Vereinspolitik.

Gutzeit führt seine Mannschaft zur Saison 2013/14 zurück in die 3. Liga, tritt aber nach dem Aufstieg völlig überraschend für Fans und Verein zurück. Karsten Neitzel etabliert die Kieler Sportvereinigung in der 3. Liga, bevor auch ihn das Schicksal der Entlassung ereilt. Es kommt mit Markus Anfang ein im Business bisher unbekannter Ex-Profi - und startet in seiner ersten Saison voll durch. 36 Jahre nach dem Abstieg aus der damals zweigleisigen 2. Liga führt er Holstein Kiel am 13. Mai 2017 wieder zurück. Und mehr noch: Gleich in der ersten Saison begeistern die Störche dann auch im Unterhaus. Spieler wie Dominick Drexler, Kingsley Schindler, Rafael Czichos und der spätere Torschützenkönig Marvin Ducksch mischen die Liga mit feinem Fußball auf und spektakeln sich ganz nah ran an die Sensation. Der Durchmarsch ins Oberhaus, er wird erst durch den VfL Wolfsburg in der Relegation stoppt.

Der Fluch des Erfolges ereilt auch Kiel schnell. Trainer Anfang geht zum 1. FC Köln, Geschäftsführer Ralf Becker wechselt zum Hamburger SV. Mit Tim Walter und Fabian Wohlgemuth werden zwei neue - und wieder eher unbekannte Verantwortliche geholt, die die Mannschaft nach zahlreichen Abgängen neu zusammenstellen. Was bleibt? Die fußballerische Philosophie. Das als sportlich schwierig bekannte zweite Jahr meistert Kiel erneut stark, landet am Ende auf Platz sechs. Und wieder schlägt der Fluch des Erfolgs zu: Trainer Walter (nach Stuttgart) und zahlreiche Spieler gehen. Wenige Wochen später dann auch noch der sportliche Direktor Wohlgemuth. Wer folgt? Nach dem kurzen, krachend gescheiterten Intermezzo von André Schubert übernimmt mit Ole Werner der mit 32 Jahren jüngste Trainer im Profibereich.

Werner lieferte im Nachwuchsbereich des Vereins ausgezeichnete Arbeit, führte die 2. Mannschaft in die Regionalliga - und die Profis in der vergangenen Saison nach einem schlechten Start unter Schubert auf einen sicheren elften Platz. Viel überraschender aus Kieler Sicht: Werner bleibt als Trainer auch in dieser Saison. Er modifiziert den unter Walter radikalen Offensivfußball, indem er eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive findet. Spielerisch zählt sein Team zu den besten in der Liga. Werner findet die richtige Ansprache, gibt dem Team eine klare taktische, sehr offensive Ausrichtung mit und verfügt in seinem Kader über einige herausragende Spieler wie etwa Stürmer Janni Serra (wertvollster Spieler im Team) oder Spielmacher Jae-sung Lee - die aber über den Sommer hinaus nicht zu halten sein werden.

Es sei denn, in Schleswig-Holstein wird im Spätsommer 2021 erstmals Erstliga-Fußball gespielt.

Quelle: ntv.de