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Holprige Vorbereitung: Dennoch gehört Titelverteidiger Deutschland mit Trainer Joachim Löw zum Kreis der Top-Favoriten für Welttorhüter Lutz Pfannenstiel.
Holprige Vorbereitung: Dennoch gehört Titelverteidiger Deutschland mit Trainer Joachim Löw zum Kreis der Top-Favoriten für Welttorhüter Lutz Pfannenstiel.(Foto: picture alliance/dpa)
Dienstag, 12. Juni 2018

Lutz Pfannenstiels WM-Interview: "Deutschland ist einer der Top-Favoriten"

Deutschlands Vorbereitung auf die Fußball-WM verläuft holprig: Kritik vom Trainer - und an ihm selbst. Dennoch ist mit der DFB-Elf zu rechnen, sagt Welttorhüter Pfannenstiel. Aber man sollte noch ein anderes Team auf dem Zettel haben. Welches und wer am Ende überraschen könnte, verrät er im ntv.de-Interview.

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, die Fußball-WM in Russland steht an. Die Vorbereitung für den Titelverteidiger verlief eher holprig: die Wagner-Kritik am Trainerstab, die Niederlage gegen Österreich mit der anschließenden Standpauke von Joachim Löw und dem Verzicht auf Leroy Sané. Ist Deutschland bereit für die WM?

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig. Er ist Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortet er zudem den Bereich International Relations und Scouting. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

Lutz Pfannenstiel: Deutschland ist immer bereit für ein großes Turnier, egal wie die Vorbereitung lief. Bei all den angesprochenen Punkten, wie Wagner oder Sané, ist auch einiges hochgekocht oder zugespitzt worden. Wenn ein Trainerteam eine Auswahl treffen muss, gibt es immer jemanden, der sich ungerecht behandelt fühlt. Das liegt in der Natur der Sache. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass Joachim Löw mit seinem Team in der Regel die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Deshalb bin ich relativ entspannt und sage: Die WM kann kommen, Deutschland ist bereit. Aber ich persönlich hätte sowohl Sandro Wagner als auch Leroy Sané gerne bei der WM gesehen. 

Sie gehen also positiv gestimmt in die WM?

Auf alle Fälle! Deutschland ist eine Turniermannschaft, das hat sie immer wieder aufs Neue bewiesen. Aber: In meinen Augen ist das DFB-Team nicht der Topfavorit auf den Titel. Das liegt aber auch daran, dass ich kein Team sehe, das heraussticht. Ich habe vier Mannschaften auf dem Zettel, von denen am Ende einer Weltmeister werden könnte.

Welche Teams sind das?

Deutschland, Frankreich, Spanien und Brasilien.

Also Europa gegen Brasilien am Ende. Was spricht für das Löw-Team?

Lutz Pfannenstiel ist als TV-Experte bei der WM in Russland.
Lutz Pfannenstiel ist als TV-Experte bei der WM in Russland.

Der ausgeglichene Kader, bestehend aus hochqualitativen Einzelspielern. Die taktische Variabilität, mit der Löw spielen kann und lässt. Als Gegenbeispiel dazu: Schweden und Island. Jeder weiß, wie sie spielen. Bei Deutschland ist das eben nicht der Fall und das ist ein klarer Pluspunkt.

Ist Manuel Neuer im Tor ein weiterer Pluspunkt? Er laborierte mehrere Monate an einem Mittelfußbruch, Spielpraxis ist quasi nicht vorhanden ...

Das mag sein. Aber das Testspiel gegen Österreich hat gezeigt, dass Neuer offenbar nicht allzu viel Spielpraxis braucht. Er hat aus dem Stand heraus eine starke Leistung gezeigt und bewiesen, dass er einfach Weltklasseformat hat. Gegen Österreich war er für mich der beste deutsche Spieler.

Das perfekte Comeback also?

Manuel Neuer meldet sich fit für die WM.
Manuel Neuer meldet sich fit für die WM.(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Definitiv! Besser hätte es für ihn persönlich nicht laufen können. Das Timing stimmt, auch bei der Entscheidung pro Neuer, obwohl ich es vorher kritisch gesehen habe.

Trotz eines seit Jahren top aufgelegten Marc-Andre ter Stegen beim FC Barcelona?

Wenn Neuer gesund ist, führt kein Weg am Bayern-Keeper vorbei, ter Stegen hin oder her. Der Barca-Torwart hat aber bewiesen, dass man sich als Nummer eins auf ihn verlassen kann. Die WM wird lang. Man weiß nie, was passiert. Es reicht ein unglücklicher Zusammenstoß, ein Tritt auf den Fuß, ein Umknicken - und schon heißt es: ter Stegen statt Neuer. Das wiederum wäre aber keine Schwächung des deutschen Teams. Es ist eigentlich wie immer: Auf der Torwart-Position ist Deutschland so gut besetzt wie keine andere Mannschaft! 

Zum WM-Auftakt geht es gegen Mexiko und damit gleich gegen den wohl stärksten Gruppengegner. Kann man da bereits von einem Schlüsselspiel für das gesamte WM-Turnier sprechen?

Beim Confed Cup 2017 feiern die Deutschen einen 4:1-Sieg gegen Mexiko.
Beim Confed Cup 2017 feiern die Deutschen einen 4:1-Sieg gegen Mexiko.(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Nicht direkt, wobei klar ist, dass beide Mannschaften das erste Spiel nicht verlieren wollen. Wenn man mit einer Niederlage ins Turnier startet, ist der Druck sofort enorm, man geht dann ganz anders in die beiden folgenden Spiele als mit einem Sieg oder mit einem Remis in der Tasche. Deutschland muss aber den Anspruch haben, Gruppenerster werden zu wollen. Ein Sieg gegen Mexiko hilft da natürlich ungemein. Mexiko dagegen würde mit einem Remis gut leben können. Ich sehe die Mexikaner als zweitstärkstes Team der Gruppe, spielerisch wie taktisch. Aber die Schweden werden mit ihrem klaren, gut organisierten Fußball das nicht einfach so akzeptieren. Wenn man Italien und Holland schlagen kann, dann sind die Mexikaner kein unbezwingbares Team.

Als Gruppensieger ins Achtelfinale, dann wartet dort der Zweite der Gruppe E mit Brasilien, Serbien, Schweiz und Costa Rica. Brasilien-Deutschland wäre wohl der Achtelfinal-Kracher schlechthin ...

Auf dem Papier schon, vielleicht ein vorweggenommenes Finale. Ein sehr früh vorweggenommenes sogar - und das wäre dann auch ein Problem für das ganze Turnier. Um das Gesamtniveau der Weltmeisterschaft hochzuhalten, wäre es wünschenswert, dass beide sich als jeweils Gruppenerste im Achtelfinale erst einmal aus dem Weg gehen!

Hat Brasilien zu alter Stärke zurückgefunden? 

Dem 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014 folgte der Titelgewinn.
Dem 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014 folgte der Titelgewinn.(Foto: picture alliance / Marcelo Sayao)

Ein ganz klares: Ja! Unter Trainer Tite hat Brasilien das sehr defensive Auftreten wie unter Carlos Dunga ad acta gelegt. Brasilien spielt attraktiver, ist taktisch variabler und hat eine Wahnsinnstiefe im Kader. Offensiv ist man mit Neymar, Gabriel Jesus, Philippe Coutinho und Roberto Firmino so gut aufgestellt wie kaum ein anderes Team.

Im Viertelfinale stünden dann Teams der Gruppen G und H zur Auswahl, also etwa England, Belgien, Polen oder Kolumbien. Wäre Deutschland da Favorit?

Ich denke schon, wobei man auch sagen muss, dass ab dem Viertelfinale die Leistungsdichte schon extrem dicht und deshalb alles möglich ist. Man muss topfit und auf den Punkt da sein. Die Tagesform kann entscheiden oder auch ein Geistesblitz eines einzigen Spielers. 

Im Viertelfinale kann also jeder jeden schlagen?

Ja, das sollte das Niveau einer Weltmeisterschaft schon hergeben. Beispiel Kolumbien: Die Mannschaft hätte bei der WM in Brasilien schon weiterkommen müssen, sie verloren aber unglücklich gegen den Gastgeber. Nun ist die nahezu gleiche Mannschaft vier Jahre erfahrener. Das macht sie noch gefährlicher.

Und die Engländer?

Englands Joachim Löw - mit Bart: Nationalcoach Gareth Southgate.
Englands Joachim Löw - mit Bart: Nationalcoach Gareth Southgate.(Foto: picture alliance / Mike Egerton/)

England sollte man auf der Liste haben. Sie sind einer meiner Geheimfavoriten. Das Team ist jung, spielt mit hohem Tempo und die Three Lions sind hungrig wie lange nicht mehr. Trainer Gareth Southgate hat einen sehr gut balancierten Kader zusammengestellt. Vielleicht ist bei der nächsten WM noch mehr mit ihnen zu rechnen, wenn man das nachrückende Spielerpotenzial aus den U-Mannschaften sieht.

Das ist ein Unterschied zu Belgien ...

Absolut richtig. Belgien ist eine mittlerweile gestandene Mannschaft und deshalb auch kein Geheimtipp mehr. Sie sind für mich im erweiterten Favoritenkreis für den WM-Titel, ein Team mit absoluten Weltklassespielern aus den besten Ligen der Welt. Für Belgien muss es irgendwann einmal Klick machen - wenn nicht jetzt, wann dann? 

Klar, wer Weltmeister werden will, muss natürlich alle schlagen. Nun ist Deutschland amtierender Weltmeister. Fehlt deshalb der nötige Titelhunger?

(lacht) Auf keinen Fall! Das beste Beispiel für absoluten Titelhunger ist Real Madrid, die zum dritten Mal in Folge die Champions League gewonnen haben. In der Liga lief es nicht so wie erhofft, aber als es um die großen Spiele in der Königsklasse ging, in der entscheidenden Phase, da war das Team da, da wollten sie unbedingt gewinnen. So sehe ich das auch bei Deutschland. Hallo? Es geht hier auch um den Weltmeistertitel, um die Titelverteidigung! Da sind alle heiß! Da gibt es nur Vollgas!

Zum Abschluss auch von Ihnen Vollgas: Wer wird Weltmeister?

(lacht) Entweder Deutschland, Frankreich, Spanien oder Brasilien.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke 

Quelle: n-tv.de