Fußball

Knallharte Abrechnungen Die selbstzerstörerische Woche des MSV Duisburg

ef7e4ef9cdbb9e5106d1f5e6d77ab90f.jpg

Der MSV Duisburg hat sich in Straelen mächtig blamiert.

(Foto: IMAGO/Nico Herbertz)

Was für eine katastrophale Woche für den MSV Duisburg. Erst kassiert der Fußball-Drittligist gegen 1860 München eine schlimme Heimklatsche, dann folgt die Blamage im Niederrheinpokal. Edel-Fan Joachim Llambi ist erschüttert über die Entwicklung seines Herzensklubs.

Der MSV Duisburg kehrt mal wieder die Scherben auf. Nun ist es nicht so, als hätten sie mit dieser Tätigkeit keine Erfahrung beim Traditionsklub an Rhein und Ruhr. Aber Spaß daran haben sie natürlich nicht. Nach einer schockierenden Fußball-Woche mit einem desaströsen 0:6-Heimdebakel gegen den TSV 1860 München und einer peinlichen 0:1-Niederlage im Halbfinale des Niederrheinpokal beim Viertligisten SV Straelen entlädt sich beim Drittligisten auf allen Ebenen der Frust. Präsident Ingo Wald, dem das ganze fußballerische Drama wie ein aberwitziges Déjà-vu vorkommen musste - im Vorjahr kassierte der MSV ein krachenden 2:6 im gleichen Wettwerben in der gleichen Runden gegen den Wuppertaler SV (ebenfalls ein Viertligist), - wetterte bei reviersport.de: "Wir spielen seit zwei Jahren nur Grütze. Wir werden alles auf den Prüfstand stellen."

Eine Ansage, die schmerzhafte Erkenntnisse zu Tage fördern dürfte. Zum Beispiel für Trainer Hagen Schmidt. Der hatte in dieser Saison schon einmal um seinen Job zittern müssen, dann aber eine überraschende Erfolgsserie hingelegt und zumindest den GAU abgewendet, den Abstieg aus der 3. Liga. Zwar ist der Klassenerhalt noch nicht sicher, aber er steht zumindest kurz bevor. Nach der Blamage nun gestand Schmidt, eine "leblose Mannschaft ohne Willen und Spielfreude" gesehen zu haben. Es gebe nur zwei bis drei Spieler, die das Spiel gewinnen wollten. Der Coach, seit Mitte Oktober erst im Amt, spürte in Straelen den nächsten "Schlag in die Fresse." In einer Saison, in der so viel gegen diesen Klub läuft. Unter anderem der Spielabbruch gegen den VfL Osnabrück. Wegen eines rassistischen Vorfalls auf der Tribüne, der am Ende aber keiner war.

Doku über den MSV Duisburg

Traditionsreiche Vergangenheit, herausfordernde Gegenwart – immer absolute Leidenschaft: Der MSV Duisburg spielte einst ganz oben mit, steckt seit einiger Zeit jedoch tief im Abstiegssumpf der 3. Liga und kämpft ums wirtschaftliche Überleben. Auf dem Platz und auf den Rängen erfordert die derzeitige Situation viel Durchhaltevermögen. Und auch hinter den Kulissen rumort es in solch schwierigen Zeiten gewaltig. Die Dokumentation "MSV – Mein Herz schlägt numa hier" begleitet den Traditionsverein über mehr als 12 Monate und liefert ein authentisches Porträt des Ruhrpott-Klubs. Sie ist seit dem 17. Februar auf RTL+ zu sehen.

Das sind Sätze, die den wohl prominentesten Fan des Klubs, der seit Jahren im Fahrstuhl zwischen 2. und 3. Liga steckt, einfach nur fassungslos machen. "Wie kann ich denn als Trainer dieselbe Mannschaft mit denselben Problemen auflaufen lassen, die am Wochenende noch 0:6 gegen 1860 München verloren hat", ärgert sich Tanzsportexperte Joachim Llambi im Gespräch mit ntv. "Ich verstehe nicht, dass ein Trainer wie Hagen Schmidt, der ja aus dem Nachwuchsbereich kommt, nicht den Hintern in der Hose hat, die junge Garde mal auflaufen zu lassen." Top-Talente wie Julian Hettwer (eigene Jugend) oder Alaa Bakir (vom BVB) werden immer erst dann aufs Feld geschickt, wenn die "Kuh schon ins Eis gebrochen ist."

"Kein Trainer, der zum MSV passt"

Llambis Urteil: "Hagen Schmidt ist kein Trainer, der zum MSV Duisburg passt". In Fankreisen findet er damit viele Gleichgesinnte. Schmidt taugt nicht für den Rest der Saison. Und erst recht nicht für den Neuaufbau, den Wald nach der Blamage jetzt quasi ausgerufen hat. Wald untermauerte seinen Frust auch noch mit dem existenziellen Leichtsinn seiner Fußballer: "Ich bin fassungslos. Wir haben gerade 300.000 Euro verspielt und das in Zeiten, in denen wir jeden Euro umdrehen müssen", sagte der Präsident, laut "Reviersport" den Tränen nahe. Llambi geht bei seiner Einschätzung zu Schmidt sogar noch einen Schritt weiter. "Das hat von Anfang an nicht gepasst."

Eine Fehlentscheidung der Bosse, wie bei Gino Lettieri, mit dessen Rückholaktion in der vergangenen Spielzeit der dramatische Absturz der Zebras massiv beschleunigt worden war. Nach gerade einmal zweieinhalb Monaten war er nach sechs Niederlagen und vier Unentschieden in zwölf Spielen bereits wieder entlassen worden. Erst mit Pavel Dotchev wurde der drohende Abstieg verhindert. Doch auch diese Personalie war nicht nachhaltig, im Oktober 2021 musste er seinen Posten räumen. Schmidt kam - und sollte spätestens jetzt wieder verschwinden. "In den letzten drei Spielen geht's ja noch um den Klassenerhalt in Liga drei. Was kein Erfolg ist, sondern eine Selbstverständlichkeit sein sollte."

Für ein Klub mit einer solchen Tradition, mit einer solchen Geschichte. In der Ewigen Rangliste der Bundesliga steht er immer noch auf Rang 17, war einst sogar im UEFA-Cup im Halbfinale (in der Saison 1979/80), spielte im Pokal der Pokalsieger (1999) und im Intertoto-Cup in den 70er-Jahren. Für einen Klub, für den Legenden wie Bernard Dietz, Joachim Hopp oder Roland Wohlfahrt einst die Töppen schnürten.

imago94036863h.jpg

Tanzsport-Legende Joachim Llambi ist großer Fan des MSV Duisburg.

(Foto: imago images/Future Image)

Für Llambi ist Schmidt aber nicht nur der komplett falsche Mann, sondern auch Opfer der zahlreichen Fehler der Vergangenheit. Vor allem bei der Kaderplanung. Die Abwehr ist seit zwei Jahren ein Torso. "Er tut mir ja auch leid, er kann aus Scheiße keine Bonbons machen, aber er ist ratlos, weiß nicht was er mit den Leuten machen soll, wie er sie motiviert und ans Spielen bekommt." Wenn ein Trainer an diesem Punkt ist, dann ist er eben durch. Gescheitert. Mit durchschnittlich 1,18 Punkten in 22 Spielen (zwölf Niederlagen) ist seine Bilanz schwach, ernüchternd, katastrophal.

Verdammt viele Altlasten für den Neuaufbau

Den GAU in dieser Saison, den Absturz in die Regionalliga, fürchtet Llambi indes nicht. Zu schwer scheinen die Restprogramme der Konkurrenten um Viktoria Berlin und den SC Verl. Gegen diesen Gegner spielt der MSV am letzten Spieltag. Ein Drama-Finale nicht wahrscheinlich. Aber auch nicht ausgeschlossen. Was für ein Szenario für einen Klub, der trotz aller existenziellen Kämpfe auf wirtschaftlicher Ebene, immer noch das Selbstverständnis in sich trägt, mindestens ein Zweitligist sein zu müssen.

Ein Traum, den es noch lange Zeit zu träumen gilt. Vor zwei Jahren, da waren die Duisburger knapp dran an der direkten Rückkehr in Liga zwei. Bis zur Pandemie-Pause spielte der MSV eine Top-Saison, hatte einen tollen Kader mit Spielern, die auf sich aufmerksam machten. Wie etwas Lukas Daschner oder Yasin Ben Balla. Doch auf der Zielgeraden nach dem Corona-Wiederanpfiff ging nix mehr, der Aufstieg wurde tatsächlich noch verspielt. Es war der Beginn einer Reihe von kapitalen Fehlern. Bei den Trainern, bei der Kaderplanung. Dem ewigen Sportdirektor Ivica Grilic flog das Anfang Februar um die Ohren. Die Fans tobten schon länger, der 46-Jährige trat freiwillig ab.

Mehr zum Thema

Seit ein paar Wochen ist sein Nachfolger im Amt. Und die Aufgabe für Ralf Heskamp könnte kaum größer und herausfordernder sein. Er muss dem klammen Klub ein neues fußballerisches Gesicht verpassen und dabei mit 17 "Altlasten" hantieren, so viele Spieler aus dem aktuellen Kader haben noch einen Vertrag beim MSV. Nicht alle sind tatsächlich eine Last, wie etwa die eigenen Talente Hettwer und Jander. Andere Spieler wie Marvin Knoll oder Marvin Bakalorz, die schon 1. und 2. Bundesliga gespielt haben, liefern dagegen bislang nur kaum oder auch gar nicht. "Man kann für Heskamp nur hoffen, dass einer dieser Spieler trotz Vertrag einen neuen Verein findet", so Llambi.

Was ihm Hoffnung macht? Nun, vielleicht ist die Frage falsch formuliert. Der gebürtige Duisburger wünscht sich, dass auf allen Ebenen mal richtig durchgekehrt wird. Dass die ganzen alten Krusten aufbrechen. Ingo Wald, den traurigen Boss, nimmt Llambi übrigens in Schutz. "Er wollte schon nach der vergangenen Saison etwas ändern, er gibt so viel für den MSV" - und muss nun wieder einmal Scherben kehren.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen