Fußball

Horrortrip für KFC Uerdingen Ein Traditionsklub wird in Fetzen gerissen

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Uerdingens Trainer Dmitry Voronov kann nicht mehr hinschauen.

(Foto: imago images/Otto Krschak)

Rot-Weiss Essen kennt keine Gnade: In der Regionalliga donnert der Topfavorit über den KFC Uerdingen hinweg. Am Ende steht eine historische Niederlage für die Krefelder, die einst ein so stolzer Klub waren. Was ist da los?

Vermutlich wäre es für die Fußballer des KFC Uerdingen eine ganz gute Idee gewesen, wenn sie am Samstagabend in die Hohenbudberger Straße 10 gepilgert wären. Der Fußmarsch von der Vereins-Zentrale zur historischen Weinbrennerei Dujardin beträgt 6,4 Kilometer. Eine gute Distanz, um das unwürdige Mega-Debakel gegen Rot-Weiss Essen in der Regionalliga West zu verarbeiten. Elf Tore hatte sich die Mannschaft gegen die Giga-Giganten des westdeutschen Amateur-Fußballs gefangen. Denn nichts anderes ist die Truppe von der Hafenstraße. Eigentlich wäre sie schon in dieser Saison zu Höherem berufen gewesen. Aber der Aufstieg klappte ganz knapp nicht, weil die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund eine außerirdische Spielzeit absolvierte hatte.

Nun, was auch immer die Fußballer in der historischen Weinbrennerei Dujardin getan hätten, man hätte es ihnen gegönnt. Solch eine Demütigung, die muss verarbeitet werden. Ganz egal wie. Trainer Dmitry Voronov war dem "Reviersport" gegenüber geschockt: "Für uns ist es ein rabenschwarzer Tag. Es hat nichts gepasst. Wir sind sehr schnell in Rückstand geraten und überhaupt nicht ins Spiel gekommen. Essen hat dann relativ zügig das zweite Tor nachgelegt. Wir haben uns sehr schwergetan. So etwas darf einfach nicht passieren. Das ist ganz klar." Aber trotz der brutalen Watschn versuchte er, den Blick nach vorne zu richten: "Wir haben keine Zeit zum Weinen. Es geht Schlag auf Schlag weiter. Wir werden die Partie analysieren, aber auch schnell abhaken." Was aber ohnehin noch viel schlimmer war als die 90 Minuten auf dem Platz: Der gnadenlose Gegner mit seinem Spitzenpersonal um U21-Europameister Dennis Grote - er gewann 2009 mit Deutschlands goldener Generation den Titel - hat Mitleid mit den Uerdingern.

Oğuzhan Kefkir, der vor nicht allzu langer Zeit für den KFC spielte und wie Grote sowie Abwehrveteran Felix Bastians eine (allerdings nur kurze) Bundesliga-Vergangenheit beim VfL Bochum hatte, sagte laut "Reviersport" Worte, die kaum Trost spenden: "Es ist traurig zu sehen, was aus Uerdingen geworden ist. Man kann der Mannschaft nichts vorwerfen. Die versuchen alles, aber ich kann mir vorstellen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen. Ich wünsche dem Verein nur das Beste." Seine Wünsche hatte er zuvor mit drei Toren und drei Vorlagen garniert. Eine eher ungewöhnliche Form der Milde.

Großer Name, große Spieler

Die Mission für die Mannschaft vom Rhein ist historisch. Noch historischer als die Niederlage. Das war nämlich die höchste in der Geschichte des Vereins, der einst als Bayer 05 Uerdingen bekannt geworden war. Und eine verdammt nochmal herausragende Tradition hatte. Manch einer weiß das vielleicht nicht (mehr). Aber große Namen und großartige Spieler haben für diesen Stadtteil von Krefeld das Trikot übergezogen. Oliver Bierhoff etwa, Stefan Kuntz oder aber Stephane Chapuisat. Die Funkel-Brüder Friedhelm und Wolfgang haben am Rhein gespielt, ebenso wie Brian Laudrup, Matthias Herget und Marcel Witeczek. Und natürlich Ailton. Der war allerdings schon auf der allerletzten Rille seiner Karriere unterwegs, als er beim KFC anheuerte.

Und eigentlich hatte Ailton auch nur einen herausragenden und prägenden Moment für die Uerdinger. Er hatte sein Auto vor einem Spiel in einer Feuerwehrzufahrt geparkt und diese blockiert. Via Durchsage im Stadion wurde der Fahrer aufgefordert, den Wagen aus dem absoluten Halteverbot zu entfernen. Der Brasilianer hätte durchaus Zeit gehabt, das zu tun, er saß zu der Zeit nämlich auf der Bank. Aber Ailton hatte vermutlich keine Lust auf solche Banalitäten und ließ seine Frau die Dinge klären.

Kult-Maskottchen

Man konnte in der Vergangenheit immer wieder mit dem KFC über den KFC lachen. Unter anderem auch der legendäre Grotifant, das dauerstressende Maskottchen, sorgte regelmäßig für Geschichten, die erheiterten. Vielleicht nicht immer die Schiedsrichter, Fans und Spieler, an denen er sich verbal und körperlich abarbeitete, aber zumindest bei vielen anderen, die das Schauspiel aus der Ferne sehen konnten. Die Auftritte des Elefanten sorgten für große Aufmerksamkeit. Die Fans liebten es, wenn das Maskottchen sich den Plüschkopf abriss und vor den Schiedsrichtern aufbaute. "Ich bin schon das etwas andere Maskottchen", erzählte Markus Boshek, der Mann im Kostüm, einmal: "Ich bin mit Leib und Seele bei der Sache." In dieser Zeit, der guten alten, outete sich der ehemalige Kate-Moss-Freund und Pop-Sonderling Pete Doherty als Fan der Uerdinger. Bei seinen Auftritten zeigte er sich im KFC-Trikot, das ihm der Grotifant überreicht hatte.

Die Zeiten der guten und erheiternden Momente sind aber längst vorbei. Die der legendären Grotenburg, dem Stadion der Uerdinger, das 1986 das "Wunder von der Grotenburg", das 7:3 gegen Dynamo Dresden, erlebte, auch. Seit Mai 2018 dürfen die Heimspiele dort nicht mehr ausgetragen werden. Das Stadion müsste dringende saniert werden, die Arbeiten liegen aber brach. Das Ausweichstadion in Velbert ist 40 Minuten entfernt. Den KFC hat die seit über drei Jahren währende Emigration und Entwurzelung bereits rund fünf Millionen Euro gekostet und es werden täglich mehr. Das schreibt die "Rheinische Post." Auch über die Trainingsbedingungen gab es aus dem Umfeld der Mannschaft immer wieder laute Klagen.

Schon einmal hatte es den Verein ganz tief in die Niederungen des westdeutschen Amateurfußballs gezwungen, ehe der größenwahnsinnige Investor Michail Ponomarew den Verein zurück auf die Landkarte brachte. "Wenn es uns unser Ziel bringt, hole ich 18 Trainer. Warum nicht?", sagte er bei der Vorstellung des Trainers Heiko Vogel im April 2019. Ein paar Monate später war er wieder weg. Zwischen Juni 2016 und seinem Ausstieg 2021 gab es zehn Wechsel auf der Position des Übungsleiters. Norbert Meier, Michael Wiesinger und Stefan Krämer gehörten dazu. Zwischendurch versuchte sich Stefan Effenberg als "Manager Sport".

Der Sturz über die Klippe

Ponomarew war Präsident der Uerdinger und kontrollierte auch die ausgegliederte "KFC Uerdingen Entertainment GmbH". Über den Hintergrund des russischen Geschäftsmanns wurde in all den Jahren wenig bekannt, seine Zahlungsmoral war fragwürdig. Der Gerichtsvollzieher soll Stammgast beim DFB-Pokalsieger 1985 gewesen sein. Es war an einem weiteren Investor, dem Armenier Roman Geworkyan, die "Entertainment GmbH" endgültig über die Klippe zu schubsen.

Im Sommer wurde ihnen die Lizenz für die dritte Spielklasse verweigert und die GmbH endgültig liquidiert. Zwar hatte der e.V. in weiser Voraussicht bereits die Lizenz für die vierte Spielklasse, die Regionalliga West, beantragt. Doch eine Woche vor Saisonstart stand der Klub ohne Spieler da. Das hastig zusammengestellte Team, zudem mit der Last von einem Punktabzug von neun Punkte für das laufende Insolvenzverfahren des ebenfalls hoch verschuldeten e.V. in die Saison gestartet, eilte von Niederlage zu Niederlage.

Einmal gingen sie mit 0:6 unter, dann mit 2:8, dann gelang der erste Saisonsieg gegen Lotte, doch direkt darauf das 0:11-Debakel gegen Essen. Der tiefste Tiefpunkt, das unwürdige Mega-Debakel als Endpunkt eines Sturzes, der brutaler nicht sein könnte. Der aktuelle Punktestand nach Abzug der Strafe: Minus drei Punkte und minus 26 Tore.

Quelle: ntv.de

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