Fußball

Rot-Weiss Essen macht ernst Der (noch) gefangene Ruhrgebietsgigant

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Ein meisterliche Party?

(Foto: imago images/Markus Endberg)

Die Sehnsucht ist groß an der Hafenstraße: Rot-Weiss Essen will endlich zurück in den Profifußball - und in dieser Saison soll es endlich klappen. Der Kader ist herausragend bestückt, die Ergebnisse stimmen und jetzt setzt der Klub binnen zwei Tage noch zwei markige Ausrufezeichen.

Stephan Küsters sah den Fußballern von Rot-Weiss Essen beim Feiern zu – und ärgerte sich. Aber nur in nachrangiger Instanz über den wilden Jubel des großen Rivalen. Der Sportchef des Wuppertaler SV schob reichlich Wut über den (zu) ängstlichen Auftritt seiner Mannschaft im Topspiel der Regionalliga West, wie er dem "Reviersport" gestand. Tatsächlich hatten die Gäste an diesem Sonntag die Chance liegengelassen, dem Über-Team die Freude auf die zweite Halbserie massiv einzutrüben. Mit 2:1 ging der Sieg im Topspiel an den Tabellenersten. Und wie wichtig dieser Sieg für die Rot-Weissen war, das sah Küsters in dem Jubel, der auf ihn wirkte, als hätte der Rivale die Meisterschaft gewonnen.

Nun, soweit ist es noch nicht, schließlich muss Essen weitere 17 Spiele bestreiten, ehe die Saison auf reguläre Weise enden würde (wegen Corona weiß man ja nie, was kommt). Der Vorsprung auf den ersten Verfolger beträgt bloß vier Punkte (oder sieben, eine Partie in Ahlen steht noch aus). Der erste Verfolger ist der Wuppertaler SV. Man ahnt daher also auch, wie wütend der Sportchef nach dieser Pleite wirklich war. Man, was war das für eine Gelegenheit, den Top-Favoriten auf den Aufstieg in die 3. Liga zu ärgern! Und mit Küsters werden sich mindestens zwei weitere Sportchefs und dessen Mannschaften in ihrem Frust über das Ergebnis solidarisiert haben. Denn vier Vereine liefern sich einen spektakulären Showdown im Kampf um die Rückkehr in den offiziellen Profifußball. Zu den Topspiel-Gegnern gesellen sich noch Fortuna Köln und Preußen Münster. Rot-Weiß Oberhausen dagegen hat ein wenig den Anschluss verloren. Traditionsreiche Namen in Liga vier.

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Bundesligaerfahrener Anführer: Felix Bastians.

(Foto: imago images/Markus Endberg)

Auch wenn es an der Spitze eigentlich ein Fight "Jeder gegen Jeden" ist, so scheint es irgendwie doch nur darum zu gehen, Rot-Weiss Essen zu schlagen. Die Mannschaft von der Hafenstraße 97a ist der Gigant der Regionalliga West. Irgendwie zu groß für diese Spielklasse, aber seit zwölf Jahren in ihr gefangen. Der Ausbruch aus diesem Fußball-Gefängnis wollte einfach nicht gelingen – nach einigen untauglichen Versuchen war in vergangenen Saison eigentlich alles perfekt vorbereitet. Der Kader top zusammengestellt, die Ergebnisse herausragend. Nach 40 Spieltagen hatten die Essener 90 (!) Punkte gesammelt – drei weniger als die Reserve von Borussia Dortmund. Auf eine spektakulärere Weise war wohl noch kein Verein am Aufstieg gescheitert.

"Schützenswertes Kulturgut seit 1907"

RWE ist ein mächtiges Phänomen. Ein Erbe des alten Ruhrgebiets. Das mögen viele Vereine im Pott sein. Oder sein wollen. Aber nur wenige haben sich diesen abgerockten Charme des Bergbauerben so erhalten wie die Elf von der Hafenstraße. Auch wenn hier ebenfalls mittlerweile mit sehr viel Geld hantiert wird. "Schützenswertes Kulturgut seit 1907" heißt der Slogan des Klubs. Während sich Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 von der dreckigen Vergangenheit des Reviers längst emanzipiert haben und (mal mehr, mal weniger) strahlenden Marken geworden sind, wird andernorts das geliebte Image der ehrlichen Maloche noch viel mehr gelebt. Beim VfL Bochum bemühen sie sich, bei der SG Wattenscheid 09 sind sie mehrfach gescheitert und der MSV Duisburg muss im Drittliga-Abstiegskampf aufpassen, nicht in die gefühlte Bedeutungslosigkeit zu stürzen.

... das Essener Georg-Melches-Stadion (1926 erbaut wird es gerade renoviert um 2009 wieder in Betrieb genommen werden zu können) ...

Das alterwürdige Georg-Melches-Stadion.

In Essen war der Charme des Abgerockten jahrelang architektonisch manifestiert. Beim Besuch des Georg-Melches-Stadions. Gästen, die ab Mitte der 90er-Jahre vorbeischauten, offenbarte sich die Vergänglichkeit der alten Zeit in der fehlenden Westtribüne. Sie hatte abgerissen werden müssen. Mittlerweile ist das Stadion ja wenige Meter weiter neu errichtet. Wie viel Mythos sich im ehemaligen "deutschen Highbury" noch findet? In Zeiten von wiederkehrenden Geisterspielen ist das wohl kaum zu beantworten. Ein Kultort ist die Hafenstraße geblieben. Und er heißt nun auch wieder so. Der Verein taufte die Heimspielstätte nach dem Erwerb der Namensrechte zum 1. Januar wieder um. Aus dem Stadion Essen wurde das Stadion an der Hafenstraße. Und aus dem Stadion an der Hafenstraße soll eine Festung werden. Irgendwann auch wieder mit dem Maximun an Fans, die sich über eine Fundraising-Aktion an der Finanzierung der Namensrechte beteiligen können. Mehr Nähe zu den Fans, die geht wohl kaum. Mit diesen treuen Anhängern, die immer da waren. Egal, wie schlimm es um ihren Klub auch stand, der von fantastischen Spielern wie Willi "Ente" Lippens, wie WM-Held Helmut Rahn oder aber Horst Hrubesch zur Legende geschmiedet worden war. Große Zeiten waren das, längst vergangene. Denn dass der RWE eine dicke Nummer im deutschen Fußball war, das ist weit über ein halbes Jahrhundert her: Pokalsieger 1953, Deutscher Meister 1955.

"Das ist unser Auftrag, unser Antrieb"

2007 haben die Rot-Weissen noch in der zweiten Liga gespielt. Der Tiefpunkt wurde nur kurz danach erreicht, als der Klub 2010 in die NRW-Liga abstieg und nur noch fünftklassig war. Seit 2011 spielt der Verein aus dem Ortsteil Bergeborbeck immerhin wieder in der Regionalliga. Zufrieden stellt das dort aber Niemanden. "Wir sind einer der Vereine, wie es sie in Deutschland nicht mehr viele gibt", sagte Vorstandschef Marcus Uhlig vor fast zwei Jahren im Gespräch mit ntv.de. "Der TSV 1860 München, Eintracht Braunschweig vielleicht, der 1. FC Kaiserlautern sicherlich, wo so eine ungeheure breite Basis da ist. Viele Leute warten einfach darauf, wieder so ein Initial zu bekommen. Diese Lust auf Erfolg, wieder in die dritte Liga zu kommen, ist so unglaublich groß spürbar. Das ist unser Auftrag, unser Antrieb, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass wir das wieder schaffen."

So nah waren sie dran, so dramatisch waren sie gescheitert. Doch in der Enttäuschung schwor sich der Verein, den eingeschlagenen Pfad nicht mehr zu verlassen. Trainer Christian Neidhart, der die vergangene Saison schon zu verantworten hatte, sprach das Saisonziel im Sommer 2021 schon vor dem ersten Anpfiff aus. Und für Platz eins wurde in der Kaderplanung alles möglich gemacht, was für die Mission sinnvoll erschien. Zwar musste RWE unter anderem mit Amara Condé (1. FC Magdeburg) und Kapitän Marco Kehl-Gomez (Türkgücü München) schmerzhafte Abgänge verkraften, dafür konnten aber Topspieler wie Abwehrchef Daniel Heber, der vielleicht beste Innenverteidiger der Liga, oder das Torphänomen Simon Engelmann gehalten werden. Neuzugänge wie José-Enrique Rios Alonso (VfB Stuttgart II) und Luca Dürholtz (SV Elversberg) schlugen voll ein.

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RWE-Coup: Thomas Eisfeld.

(Foto: picture alliance / Guido Kirchne)

Aber das war nur die Ouvertüre auf dem Transfermarkt, denn die Essener garnierten ihr nicht billigen Top-Kader mit zahlreichen erst- und zweitligaerfahrenen Profis noch mit zwei vereinslosen Schmankerln. Im Spätsommer heuerte bereits Felix Bastians an, der unter anderem für den SC Freiburg und den VfL Bochum spielte. Und nur einen Tag nach dem Sieg gegen Wuppertal überraschten die Rot-Weissen mit Thomas Eisfeld. Der 29 Jahre alte Spielmacher war zuletzt mit dem VfL Bochum in die Bundesliga aufgestiegen, seither aber auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Eisfeld, nur damit man mal versteht, was das für Coup ist, wurde bei Borussia Dortmund und dem FC Arsenal ausgebildet. Das sagt alles.

Die Essener, sie sind in dieser Saison extrem robust. Robust gegen die Attacken der Gegner, die nur einmal einen echten Wirkungstreffer landen konnten. Am 2. Spieltag ging ausgerechnet das erste Heimspiel der Saison an der legendären Hafenstraße verloren, mit 1:4 (!) gegen den SV Straelen. Danach frass sich dieses so gierige Monster durch die Regionalliga satt. Aber der Klub ist auch robust gegen Problemen im Inneren. So sorgte Kapitän Dennis Grote, 2009 U21-Europameister mit Manuel Neuer, mit Jérôme Boateng, mit Mats Hummels und mit Mesut Özil, der von 2000 bis 2005 in der RWE-Jugend ausgebildet worden war, Ende des vergangenen Jahres für mächtig Aufregung. Der 35-Jährige hatte ausgerechnet von Ex-Klub Preußen Münster ein Angebot erhalten, ein wohl sehr lukratives. Und er war nicht abgeneigt, es anzunehmen. Im Klub kam es zu Diskussionen, der Kapitän wurde freigestellt. Den "Chef" an den direkten Konkurrenten zu verlieren, das war nicht denkbar. Und so wird Grote für den Rest der Saison Zuschauer des Aufstiegskrimis sein.

Wie dieser ausgeht, das weiß (noch) niemand. Aber in Essen ahnen sie etwas. Auch wenn sie aus der Erfahrung der Vergangenheit gewarnt sind. Ein Mythos in Fankreisen besagt ja, dass RWE immer irgendwie zum Scheitern verurteilt ist. Dieser Glaube ans "Verkacken" (wie man im Pott sagt) wäre wohl auch dann nicht genommen, wenn die Mannschaft am letzten Spieltag in Minute 91 mit 1:0 führt und eigentlich nur einen Zähler zum Aufstieg braucht... Aber womöglich werden sie irgendwann einmal sagen, dass der 23. Januar 2022, als Essen gegen den Wuppertaler SV den Sieg wie eine Meisterschaft feierte, einer der wichtigsten Tage der Vereinsgeschichte war. Der jüngeren definitiv.

Quelle: ntv.de

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