Fußball

Das historische Finale im Check Im Gesicht des Pokal-Abends stehen kurz Tränen

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Nico Schlotterbeck lieferte eine große Vorstellung, am Ende reichte es nicht zum Titel.

(Foto: IMAGO/Picture Point LE)

RB Leipzig ist DFB-Pokalsieger, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Der Fußball-Bundesligist vermeidet ein Finaltrauma und holt sich gegen viele Widerstände den Sieg. Das ist nicht unverdient, Finalgegner SC Freiburg aber liefert die Bilder des Abends.

Was war da eigentlich los im Olympiastadion?

Was für ein Albtraum für die städtischen Greenkeeper: Erst am Donnerstag hatten sich mit Hertha BSC und dem Hamburger SV in der Bundesliga-Relegation auf dem Rasen des Olympiastadions auf übersichtlichem Niveau beackert, da muss das Grün zwei Tage später schon wieder die Bühne für ein wichtiges Spiel geben: Das DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg. Dabei ist der Rasen in der Hauptstadt so ein Stressthema, das im Winter für mächtig Ärger in der Bundesliga gesorgt hatte. "Das ist eine Katastrophe, ganz ehrlich", hatte der Kölner Trainer Steffen Baumgart im Januar auf den Acker geschimpft, Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte schon im Dezember geätzt: "Der Platz war unwürdig für einen Bundesligisten. Es war eine Lehmwiese da." Nun sprach hinterher niemand vom Rasen.

Es gibt stattdessen aber auch viel, worüber es zu reden gilt: In einem intensiven Endspiel holte sich RB Leipzig den ersten Titel der Vereinsgeschichte, gegen viele Widerstände. Rückstand, Platzverweis, ein bisschen Ärger über den Schiedsrichter nebst Videokollegen, gegen den Druck, gewinnen zu müssen, um sich kein veritables Titel-Trauma einzufangen. Gegen den miesen Trend des Saisonendspurts, in dem sich die Sachsen nach der Enttäuschung in der Europa League noch gerade so in die Champions League gerettet hatten.

Der SC Freiburg hatte die Hand ja auch schon in der Nähe des Pokals, es wäre eine der größten Pokal-Sensationen gewesen, die der so sensationsarme deutsche Fußball in den letzten Jahren produziert hätte. Es kam anders. Der Rasen im Olympiastadion hatte damit nichts zu tun.

So war's vor dem Spiel:

Die Farben auf dem Boden hinter den Toren und vor den Fankurven waren auf beiden Seiten rot und weiß, das war es dann aber auch an Gemeinsamkeiten zwischen den Finalteilnehmern. Während die Freiburger Fans schon in den Tagen vor dem Finale immer wieder im Stadtbild Berlins auftauchten, schien es, als seien die der Leipziger größtenteils erst kurz vor Öffnung der Stadiontore ins Westend gereist.

Dort verliehen die Freiburger ihrer Antipathie gegen das Konstrukt Rasenballsport - als Marketingvehikel des Rechtspopulisten Dietrich Mateschitz und dessen Red-Bull-Konzerns - bei jeder Gelegenheit lautstark Ausdruck. Die Anhänger der Leipziger scheinen das angesichts ihrer Nicht-Reaktion allerdings längst gewohnt zu sein. Zumindest dann, wenn sie anders als beim Europa-League-Halbfinalrückspiel in Glasgow die Auswärtsreise antreten. Im Olympiastadion waren immerhin nirgends mehr freie Plätze zu entdecken.

Wie weit die Philosophien beider Klubs voneinander entfernt sind, zeigte auch der Einlauf der Mannschaften. Beide Kurven hatten große Banner mitgebracht, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Die Freiburger schrieben in großen Lettern ein Lob an den Sport-Club: "Einzigartiger Verein - So wie du soll Fussball sein", auf der anderen Seite hieß es schlicht: "Rasenballsport Leipzig". Vielleicht auch als Selbstversicherung, dass das Kürzel RB doch nicht für Red Bull steht, wie es so mancher Energydrink-angetriebene Sportler im Grußvideo gesagt hatte.

Warum war das Finale so besonders?

Ein Finale ohne Bayern München oder Borussia Dortmund - das hatte es im DFB-Pokal zuletzt 2011 gegeben. Da gewann der FC Schalke 04 mit 5:0 gegen den MSV Duisburg. Dass letztmals zwei Teams im Finale standen, die überhaupt noch nie den Titel gewonnen hatten, ist beinahe ewig her: 1993 schlug Bayer Leverkusen die Amateure (!) von Hertha BSC mit 1:0. Besonders war dieses Endspiel aber vor allem für RB Leipzig, denn während Freiburg erstmals nach "Berlin, Berlin" fahren durfte, haben sich die Leipziger längst in der Hauptstadt eingenistet: 2019, 2021 und eben jetzt schaffte man es ins Pokalfinale. Bei einer weiteren Niederlage: Akutes Titeltrauma!

Zumal die Sachsen, die auf der letzten Rille die Champions-League-Qualifikation gerettet hatten, mit dem Halbfinal-Aus in der Europa League bei den Glasgow Rangers einen echten Tiefschlag zu verkraften hatten. Da hatte Trainer Domenico Tedesco noch tapfer gesagt, dass wenn man dem klebrigen Klubbesitzer am Ende keine Trophäe präsentieren könne, es dennoch eine "super, super Saison" gewesen sei. Das glaubte dem ehrgeizigen Trainer, der RB nach einem katastrophalen Saisonstart unter Vorgänger Jesse Marsh durch die Tabelle geführt hatte, natürlich niemand.

Den Beweis, dass auch ohne Trophäen alles "super, super" ist, müssen sie nun nicht antreten: RB Leipzig feiert den klubhistorischen, ersten großen Titel der immerhin schon 13-jährigen Vereinsgeschichte. Er ist verdient, weil RB Leipzig vielem trotzte und sich ein Spiel zurück erarbeitete, das sie nach Überzeugung vieler nicht hätte gewinnen sollen. Sie taten es trotzdem und zwar weniger mit den eigenen Tugenden vom präzisen Tempospiel, sondern schließlich getragen von der Überzeugung, dass doch noch was geht. Leipzigs dynamischer Edelfußballer Emil Forsberg hatte vor dem Spiel noch gesagt: "Dann bist du in einer Partie vielleicht mal schlecht mit dem Ball, aber du fightest bis zum Umfallen. Das muss die Basis sein." Etwas überraschend kam es dann tatsächlich so.

Der Mann des Spiels:

RB Leipzig schrieb mit dem am Ende dramatischen Sieg in einem intensiven Pokalfinale Klubgeschichte. Es gibt bei RB Männer, die dieses Endspiel prägten. Man könnte eine Heldengeschichte über Marcel Halstenberg, der in der 57. Minute erst einen langen Ball aus der Freiburger Hälfte ganz schlecht verteidigte und dann in höchster Not Freiburgs Angreifer Lucas Höler auf dem Weg zum 0:2 einfach umriss. Der Nationalverteidiger hatte sich geopfert, um der eigenen Mannschaft den vermutlichen Knock-out zu ersparen.

Christopher Nkunku, der Spieler der Saison in der Bundesliga, traf zum Ausgleich in Unterzahl und brachte seine Mannschaft zurück ins Spiel. Der Franzose ist auch in diesem Endspiel der Schlüsselspieler, doch im Gesicht des Spiels stehen am Ende Tränen: Nico Schlotterbeck liefert in seinem letzten Einsatz für den SC Freiburg eine Meisterklasse in Verteidigung ab.

Der 22-Jährige ist in allen Momenten Leipziger Offensivbemühungen präsent, einmal rettet er auf der Linie für seinen geschlagenen Torwart Mark Flekken, tief in der zweiten Hälfte bricht er mit einer präzise auf den Punkt eingeflogenen Grätsche einen Angriff der Sachsen resolut ab. Von der Leidenschaft unbeeindruckte Feinarbeit. Bei Borussia Dortmund, wo der Nationalspieler ab dem Sommer neben Niklas Süle verteidigen wird, werden sie froh sein, dass die Zukunft Schlotterbecks geklärt ist: Nach der großen Vorstellung in diesem großen Spiel wäre eine Verpflichtung wohl noch teurer als die kolportierten 20 Millionen Euro geworden. Das Finale ist verloren, die Zukunft gewonnen. Am Ende verabschiedete sich Nico Schlotterbeck mit einem Lächeln und großem Stolz.

Der Kontrast des Abends:

"Es ist Wahnsinn", sagte RB-Clubchef Oliver Mintzlaff in der ARD. "Dass es am Ende so geklappt hat, ist unfassbar. Das braucht sicherlich ein bisschen. Unsere Welt dreht sich ja so schnell." Er werde nun aber innehalten, um alles zu genießen. Was der RB-Funktionär aber vorher noch klären musste, so sagte er auf Nachfrage, war: Dem in einer intensiven Partie schwer beschäftigten Schiedsrichter Sascha Stegemann hinterher noch zu versichern, dass er mit dessen Spielleitung und ergo dessen Leistung nicht einverstanden gewesen sei. Auch wenn der Unparteiische nicht fehlerfrei pfiff, den Leipzigern nach dessen Überzeugung mehrere Vorteilsituationen abpfiff: Eine im Moment des ersten großen Triumphs der von den Red-Bull-Alimenten unterstützten Klubgeschichte zumindest überraschender Idee.

Wenige Minuten später fingen die Kameras der ARD derweil Christian Streich ein, der nach einer großartigen Saison mit dem SC Freiburg gerade bittere Minuten durchlebt haben durfte. Der Trainer, der zuvor lange schweigend und melancholisch vor der Freiburger Kurve gestanden hatte, umarmte Schiedsrichterassistent Mike Pickel innig. Streich wusste wohl oder erfuhr es, dass Pickel am Abend sein letztes Spiel als Assistent im Profifußball absolvierte. Pickel ist der Rekordassistent in der Bundesliga. Streich trug der Bedeutung der Schiedsrichter Rechnung auch im bitteren Moment.

Wem gehört eigentlich die Hälfte des Freiburger Führungstreffers?

Den Regelhütern des International Football Association Board (IFAB)! Die hatten vor der laufenden Saison entscheidend Hand an die Handregel angelegt. Dort hieß es in Regel 12 davor, dass "wenn ein Spieler oder ein Mitspieler den Ball mit der Hand/dem Arm berührt (ob absichtlich oder nicht) und unmittelbar danach ins gegnerische Tor trifft oder zumindest zu einer Torchance kommt", das Tor nicht zählen dürfe. Im März 2021 verkündete das IFAB dann, dass dieser Passus - egal, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigte Handhilfe bei einem Tor - nur noch für den Torschützen gilt, nicht mehr für dessen Mitspieler.

Die Regeländerung trat dann zur laufenden Saison in Kraft. Also: Im Pokalfinale 2021 hätte der Treffer durch Maximilian Eggestein nicht gezählt, weil Roland Sallai sich den Ball unmittelbar vor dem Schuss des Mittelfeldspielers unbeabsichtigt selbst gegen den Arm gestoppt hatte. Dank der Herren des IFAB war der Treffer 2022 dann korrekt, aber am Ende auch ohne Wert.

Quelle: ntv.de

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