Fußball

Profi gegen Gehaltsverzicht Kroos' Verweigerung ist nur menschlich

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Toni Kroos sollte über sein Geld selbst entscheiden dürfen.

(Foto: imago images/Action Plus)

Toni Kroos will nicht auf Teile seines Gehaltes verzichten - sondern selber darüber entscheiden, wem er spendet und wie er mit seinem Geld anderen Menschen helfen kann. Eine Form der Selbstbestimmung, die menschlich ist. Trotzdem wäre mehr Solidarität wünschenswert.

Ein Fußballprofi verzichtet in seiner aktiven Zeit auf vieles: Ausschweifende Abende mit seinen Freunden, ungesundes Essen, Alkohol. Das tut er selbstbestimmt. Weil er der Beste sein will. Weil er Siege, Pokale und Meisterschaften erringen will. Und im Gegenzug erhält er Status, Anerkennung und Jubel - und viel Geld. Auf Teile dieses Geldes wollte Fußballstar Toni Kroos von Real Madrid nicht verzichten und erntet dafür in Spanien und im Netz einen üblen Shitstorm. Dabei hatte kein anderer Fußballprofi den Gehaltsverzicht von sich aus angeboten, sondern schlichtweg jeweils als Maßnahme des Klubs akzeptiert. Und auch wenn Kroos sich unklug ausgedrückt hat, so ist seine Reaktion menschlich. Der Nationalspieler wollte schlichtweg lieber selbst bestimmen, wohin sein Geld wandert. Wohl auch, um sich autonom, eigenverantwortlich und gut zu fühlen.

Verzicht wird häufig negativ assoziiert. Irgendetwas Schlechtes schwingt mit, ein Beigeschmack, den man ungern im Mund trägt. Denn wir glauben, wir müssten etwas opfern, das uns eigentlich zusteht. Das uns guttun würde. Sogar, wenn es gar nicht essenziell ist, was in den heutigen Zeiten von unzähligen Möglichkeiten oft nicht mehr so leicht erkennbar ist. Verzicht löst so eine gewisse Angst im Hirn aus, kurz zuckt man zusammen, um zu überprüfen, um welchen Verlust es sich da genau handelt. Deutsche Fußballprofis müssten sich darüber eigentlich keine Gedanken machen. Es geht ihnen, gemessen an anderen Weltregionen, sehr gut. Auch im Vergleich mit anderen deutschen Bürgern haben sie weitaus weniger Sorgen - zumindest finanzieller Natur. Diese positiven Umstände nehmen sie aber, wie es Menschen eben machen, irgendwann als selbstverständlich wahr. Und die deutsche Leistungsgesellschaft lehrt nicht, dass Verzicht manchmal mehr bedeuten kann als Gewinn. Sogar glücklicher machen kann. Das Fußball-Business schon gar nicht. Dort regieren Egoismus, sowohl Geld- als auch Selbstsucht und Materialismus erst recht.

Das Coronavirus ist eine Disruption unserer aller Leben. Wie wir alle müssen Fußballprofis verschiedene Verluste einstecken: Freunde und Familie dürfen sie teilweise nicht mehr sehen und ihrem Job dürfen sie nicht mehr nachgehen. Der Kick vor tausenden von Fans, das Lebenselixier von Kroos und Co., fällt weg. Ohne, dass die Fußballer etwas dagegen unternehmen könnten. Auch bei dem Gehaltsverzicht im Fußball handelt es sich um einen erzwungenen Verzicht. Er kommt von außen, wird von oben befehligt, und die Entscheidung liegt nicht in der Macht der Betroffenen. Das macht es ungleich schwieriger, weil den Fußballern von heute ein Kontrollverlust Angst macht. Sie sind es gewohnt, ihre Geschichte zu kontrollieren und zu gestalten: Von der Art der Social-Media-Auftritte über die Ausrüster, deren Produkte sie tragen, bis hin zum Fortbewegungsmittel, das sie sich aufgrund ihres hohen Gehalts aussuchen können. Ihre Leben sind normalerweise perfekt durchgeplant, und der moderne Fußballprofi ist der Boss ihrer kleinen Ich-AG.

Freiwilliger Verzicht ist gut für die Seele

Aus diesen Gründen der Selbstverantwortlichkeit will Kroos lieber sein Geld bekommen, um "mit dem Gehalt vernünftige Sachen zu machen, und links und rechts zu helfen". Es ist immer leichter sich von Sachen zu trennen, wenn man weiß, dass jemand anders sich mehr darüber freut als man selbst. Hilfsbedürftigen Sachen abtreten oder ihnen Geld spenden ist einfacher, als auf das Gehalt zu verzichten, damit der Verein Geld spart. Besonders, wenn es einer der weltweit größten und reichsten Klubs wie Real Madrid ist. Denn freiwilliger Verzicht, das spüren auch Fußballprofis, kann durchaus gut für die Seele sein. Eine selbstbestimmte Entscheidung, um anderen zu helfen, die zeigt, dass man nicht komplett abhängig ist von materiellen Werten.

"Es gibt viele Stellen, wo es nötig ist", sagt Kroos. Dass er seinen Verein nicht unbedingt dazu zählt, ist nicht ganz durchdacht, weil an einem Fußballklub natürlich viele normale Arbeitskräfte hängen, die dieser Tage Angst haben, ihre Jobs zu verlieren oder in Kurzarbeit zu wenig zu verdienen. Aber dass man in der Corona-Pandemie andernorts noch mehr Hilfe benötigt als bei Real Madrid, ist natürlich richtig. Andere Fußballprofis wie Thomas Müller vom FC Bayern, der Corona-Helfern in seinem Heimatort ein Schnitzel spendierte, haben sich mit weitaus weniger Ruhm bekleckert als Kroos, der mit seiner Stiftung zu Spenden aufruft und Familien Spielzeug zur Verfügung stellen will.

Natürlich könnten Fußballprofis von ihren vielen verdienten Millionen weitaus mehr spenden in dieser allumfassenden Krise. Natürlich sollten sie - und dazu gehört auch Toni Kroos - auch auf Teile ihrer immensen Gehälter verzichten. Aber bei einem komplizierten Thema wie Verzicht mit all seinen gesellschaftlichen und psychologischen Facetten ist das Urteil von außen - im Netz, in der Öffentlichkeit, in diesem Artikel - immer einfach. Ein Stück weit die Angst vor Verzicht gegen Solidarität einzutauschen, ein Stück weit abzurücken vom 'Habenwollen': Das würde nicht nur Fußballern, sondern uns allen ganz guttun. Besonders jetzt.

Quelle: ntv.de