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Sechs Dinge, gelernt nach der WM Löws titanischer Traktor ist der beste

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"Weltmeister bis du immer": Joachim Löw.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Nach der WM ist vor der EM, klar. Aber erst einmal ist die DFB-Elf Weltmeister. Finaltorschütze Götze ist beflügelt, der Bundestrainer kann alles, die (R)Evolution geht weiter und der Weltfußballer kommt aus Deutschland. Oder?

1. Weltmeister ist Weltmeister ist Weltmeister

Thomas Müller hat es ja schon vor dem Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an diesem Dienstag gegen Spanien gesagt: "Egal, wie es ausgeht, es wird den Eindruck dieses Jahres nicht trüben. Wir haben den WM-Titel geholt. Das war ein Meilenstein. Danach kann kommen, was will." Oder um mit Rudi Völler zu sprechen: "Weltmeister bist du für immer." Das gilt für 1954 und 1974, das gilt für 1990 und das gilt auch für 2014.

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Ungetrübter Rückblick: Thomas Müller.

(Foto: imago/BPI)

Das Problem ist: An diesem Erfolg werden die deutschen Spieler nun gemessen. Andererseits gibt es schlimmeres, als ständig daran erinnert zu werden, dass man zu den Besten der Welt gehört. Die Frage ist nur, wie sie damit umgehen. In den vergangenen Wochen wurden die Mannschaft und ihr Trainer Joachim Löw noch einmal kräftig gefeiert, und sie feierten munter mit. Bundespräsident Joachim Gauck verlieh den Spielern das Silberne Lorbeerblatt, der DFB schenkte seinen Helden einen Film und das Jahr wird nicht enden, ohne dass der Triumph von Rio in diversen Rückblicken einen zentralen Platz einnimmt. Da trifft es sich ganz gut, dass jetzt erst einmal vier Monate Pause ist mit den Länderspielen. Zeit genug für alle Beteiligten, das Ganze noch einmal richtig sacken zu lassen, einzuordnen - und abzulegen. Schließlich geht es im Profifußball wie im richtigen Leben weiter, immer weiter. Den Eindruck dieses Jahres aber, da liegt Müller schon richtig, kann niemand mehr trüben.

2. Löw kann alles - von Traktor bis Porsche

Spanien gegen Deutschland, das hatte in den letzten Jahren immer auch die Anmutung von Original gegen Kopie. Zu gern und oft hatte Joachim Löw die Titelhamster für ihren Spielstil gelobt und zum Vorbild erhoben. In Vigo hat sich der Bundestrainer im Vorfeld des direkten Duells bemüht, diesen Eindruck zu zerstreuen. Inspiration ja, Plagiat nein, so beschrieb er den spanischen Einfluss auf seine Arbeit. Es wird ihn beruhigen, dass er in Spanien keineswegs als fußballernder Guttenberg wahrgenommen wird. Die "FAZ" erinnerte an einen Bericht aus dem Jahr 2013, in dem es hieß: "Die deutschen Fußballer sind keine Panzer mehr, sondern Porsches." Deutsche Teams, folgerte die Zeitung "El País" nach den spanischen Debakels im Champions-League-Halbfinale gegen Bayern und Dortmund weiter, "gewinnen wie immer, doch diesmal durch Taktik und Technik, nicht durch erdrückende körperliche und mentale Überlegenheit". So klingt Bewunderung, und die Wegbereiter des Aufschwungs waren nicht Jupp Heynckes und Jürgen Klopp, sondern Löw und sein DFB-Team. Der titanische Sieg im widrigen Vigo hat Spanien nun daran erinnert, wie variabel die deutschen Weltmeister inzwischen zum Erfolg kommen können. Wie Porsches mit der feinen Klinge Tempo- und Kombinationsfußball, zelebriert im Halbfinale gegen Brasilien. Oder wenn nötig wie ein Traktor, mit Robustheit, Einsatzbereitschaft, Wollen, nicht unbedingt verdient, aber mit dem nötigen Punch - wie "ABC" anerkannte: "Kroos knockt Spanien aus."

3. Götze profitiert vom Tor seines Lebens

Als Mario Götze am 13. Juli in Rio de Janeiro die deutsche Mannschaft mit seinem Tor im Endspiel gegen Argentinien zum Weltmeister machte, lag noch im Maracanã ein Gedanke nahe: Was soll jetzt noch kommen? Der Mann ist schließlich erst 22 Jahre alt und hat schon einen Platz in der Ahnengalerie des deutschen Fußballs, steht in einer Reihe mit Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme.

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Beflügelt: Mario Götze.

(Foto: imago/EQ Images)

Ist das nicht alles zu viel für einen, der Borussia Dortmund verlassen und beim FC Bayern noch nicht richtig Fuß gefasst hatte? Für einen, der bis zu diesem magischen Moment in der 113. Minute des Finales nicht gerade ein überragendes Turnier absolviert hatte, der beim 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich nur sieben Minuten gespielt hatte und beim 7:1-Spektakel gegen Brasilien im Halbfinale 90 Minuten auf der Bank saß? Für einen, der als Prototyp der Generation Playstation galt, ein bisschen arrogant, abgekapselt in seiner eigenen Welt? Vier Monate später ist es noch zu früh für ein Fazit, schließlich hat Götze, wenn alles gutgeht, noch ein langes Leben als Fußballprofi vor sich. Aber es lässt sich konstatieren: Er hat was draus gemacht. In der Bundesliga hat er beim FC Bayern einen Stammplatz und bereist sechs Tore erzielt. Und aus der DFB-Elf ist er nicht zurzeit nicht wegzudenken. Was zeigt er der Welt noch? Diese Frage ist weniger von Skepsis getragen, sondern viel mehr Ausdruck freudiger Erwartung. Das Tor in Rio hat ihn beflügelt.

4. Die (R)Evolution geht weiter

Vor dem Spiel in Vigo hatte der Bundestrainer gesagt: "Klar, es wäre nicht schön, am Ende mit einer Niederlage aus dem Jahr zu gehen. Aber es würde keine Rolle für das kommende Jahr und schon gar nicht für die EM 2016 spielen." Zum Abschluss des WM-Jahres 2014 fand er es dann aber schon schön, wie seine titanischen Traktoren in Vigo taktisch zum Sieg rumpelten - "weil es auch eine gute Vorlage ist fürs nächste Jahr". Und weil es für vier Monate der letzte Eindruck ist, den das DFB-Team hinterlässt. Erst Ende März 2015 spielen die Weltmeister wieder. Erst, am 25., ein Freudschaftsspiel in Kaiserslautern gegen Australien, dann, am 29., EM-Qualifikation in Georgien. Bis dahin bleiben sie den Fans als Sieger in Erinnerung und sorgten für ein Novum in der Ära Löw: Erstmals gewann das DFB-Team zwei Jahresendspiele in Folge. Die (R)Evolution unter dem Weltmeistertrainer treibt immer neue Blüten.

5. Der nächste Weltfußballer kommt aus Deutschland

Glaubt zumindest der Bundestrainer. "Ich glaube, dass es schon eine enge Geschichte wird, wer von den Spielern diese Auszeichnung bekommen wird. Aber ich denke, es wird einer von den Deutschen sein." In der Tat. Sie sind ja schließlich Weltmeister. Gleich sechs von ihnen dürfen sich bei der Gala am 12. Januar 2015 in Zürich Hoffnungen auf die Auszeichnung machen. Der emeritierte und seit gestern verletzte Kapitän Philipp Lahm, der neue Kapitän Bastian Schweinsteiger, Torwart Manuel Neuer, Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos stehen auf der Ende Oktober veröffentlichten vorläufigen Auswahlliste der Fifa.

Ronaldo allerdings, also der brasilianische, "der richtige Ronaldo", wie Lukas Podolski immer sagt, ist da allerdings etwas anderer Meinung als Löw. Ronaldo, lobt zwar: "Ich liebe es, Deutschland spielen zu sehen. Sie haben bei der WM alle Matches kontrolliert, sie waren sehr gut organisiert und standen kompakt." Aber Weltfußballer? "Ich glaube, es wird keine Überraschungen geben", sagt der zweimalige Weltmeister und verweist auf die üblichen Verdächtigen: Cristiano Ronaldo schieße jedes Jahr viele Tore und spiele fantastisch. "Wenn auch eher in der Liga als bei der WM. Und auch Lionel Messi ist großartig. Er spielt zwar nicht so, wie wir es eigentlich von ihm gewohnt sind, aber trotzdem gut." Wie dem auch sei: Am 1. Dezember wird die Liste auf drei Namen reduziert. Dann wissen wir mehr. Wird bestimmt eine enge Geschichte. Und vielleicht räumt Löw ja den Titel als Trainer des Jahres ab.

6. Nach der WM ist vor der EM

Es wäre einfach, die aktuelle Krise der Spanier zum Anlass zu nehmen, sie als warnendes Beispiel heranzuführen. Dafür, was passiert, wenn man sich auf seinem Erfolg ausruht. Wie man die Spannung verliert, nachlässig wird, und dann nach 34 Heimspielen ohne Niederlage plötzlich daheim gegen eine deutsche B-Elf verliert. Die Spanier sind tatsächlich beispielgebend im Weltfußball, allerdings positiv. Drei große internationale Titel in Folge waren unerreicht, bis die Selección nach dem EM-Triumph 2008 auch noch die Weltmeisterschaft gewann und die Europameister-Krone 2012 mit einem brillanten Finale gegen Italien verteidigte. 2016 möchte nicht nur Lukas Podolski diesen Titel mit Deutschland ganz gern gewinnen, sondern auch Joachim Löw. Weil dem Bundestrainer nach dem WM-Triumph in Brasilien aber zentrale Spieler wie Philipp Lahm und Miroslav Klose verloren gegangen sind und der Spannungsabfall in seinem Team dramatischer war als erhofft, hat er 2015 zum Übergangsjahr ausgerufen. In Vigo deutete Löw an, wie er sein Team hungrig halten will: Mit intensiven Einzelgesprächen, personellen Impulsen, einer Erweiterung des "taktischen Horizonts" durch Instrumente wie eine variable Dreier-Fünfer-Abwehr. "Stillstand ist gleichzeitig Rückstand", hat Toni Kroos in Vigo gesagt. Der Satz hätte von Löw stammen können.

Quelle: n-tv.de

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