Fußball

Doch kein Rassismus-Skandal? Schwere Vorwürfe gegen Hertha-Bubis

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Hertha BSC kämpft gegen Rassismus. Ein Vorfall ist umstritten, einer unbestritten.

(Foto: imago/Picture Point)

Die U16 von Fußball-Bundesligist Hertha BSC verlässt als Zeichen gegen Rassismus bei einem Jugendspiel den Platz, für sein entschlossenes Eintreten soll das Team danach geehrt werden. Neue Aussagen deuten aber an: Lob und Auszeichnung könnten zu früh gekommen sein.

Alles doch ein bisschen anders, oder sogar ganz anders? Nachdem die U16 von Hertha BSC am vergangenen Samstag unter Hinweis auf rassistische Beleidigungen zehn Minuten vor dem Ende der Regionalliga-Partie beim VfB Auerbach den Platz verlassen hatte und das Spiel daraufhin beim Stand von 2:0 für die Berliner abgebrochen wurde, hagelte Empörung auf die Gastgeber herab. Die mutige Entscheidung des Bundesliga-Nachwuchses wurde hingegen gelobt. Ja, der Mannschaft von Trainer und Ex-Hertha-Profi Sofian Chahed wurden sogar Blitz-Ehrungen angetragen.

"Es ist wahrlich ungewöhnlich, dass ein Team nach rassistischen Beleidigungen so reagiert. Aber es ist konsequent und deshalb vorbildlich", hatte Richard Meng, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) noch am Montag in Berlin gesagt: "Zum Fair-Play gehört auch der Mut, unfaires Verhalten publik zu machen, und es keinesfalls unter den Teppich zu kehren. Die DOG wird das U16-Team von Hertha BSC deshalb mit einer Fair-Play-Medaille auszeichnen."

Herthas U16-Coach Sofian Chahed hatte der "Bild"-Zeitung erklärt: "Ich hörte, wie unser Spieler laut rief: 'Ey, wir wollen doch einfach nur Fußball spielen'. Es kam zur Rudelbildung. Als ich mir meinen Spieler an die Seite rief, berichtete er mir, dass die Sätze 'Wer ist hier im richtigen Land? Verschwinde aus unserem Land' gefallen sein sollen. Daraufhin sind wir vom Platz gegangen."

Der Schiedsrichter hat nichts gehört

Er hoffe, dass die Maßnahme ein Weckruf sei, "dass wir alle gemeinsam - Spieler, Vereine, Verbände und Fans - endgültig diesem Problem Herr werden. In einer solchen Situation sind uns Werte und eine klare Haltung wichtiger als ein Sieg oder eine Niederlage auf dem Platz", sagte Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung von Hertha BSC.

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Volkhardt Kramer widerspricht der Berliner Darstellung.

(Foto: imago/Picture Point)

Nach einem Bericht des MDR stellt sich die Situation inzwischen nicht mehr ganz so einseitig da. So gibt es zumindest Hinweise darauf, dass die gelobte Mannschaft ihrerseits einen Teil zur Eskalation beigetragen hat. Der VfB Auerbach hatte sich schon in einer ersten Stellungnahme betroffen gezeigt, sich aber gegen die Vorwürfe verwahrt und festgestellt, "dass weder der Schiedsrichter noch die Schiedsrichter-Assistenten eine rassistische Äußerung wahrgenommen haben. Dies hat das Schiedsrichter-Gespann dem VfB Auerbach im Anschluss an das Spiel bestätigt."

Auerbachs Manager Volkhardt Kramer berichtete dem MDR, es seien von den Hertha-Spielern "Worte und Sätze gefallen, das war einfach nur unterirdisch. 'Du bist eine Missgeburt', 'Ich ficke deine Mutter', 'Ich töte deinen Vater'." Beim Abschied seien "Eltern und Großeltern, die unsere rund 25 Zuschauer bildeten, von einigen Berlinern als Nazis betitelt" worden. Auch Patrick Müller, Kreisrat der Partei Die Linke, der bei der Partie vor Ort war, dementierte die Rassismus-Vorwürfe und schreibt stattdessen in einer Stellungnahme: "Hertha-Spieler betitelten während der Partie ihre Gegenspieler und Zuschauer permanent mit Worten wie 'Nazi', 'Hurensohn' und 'Schwuchteln'. Im Gegenzug gab es dann auch Mal ein 'Spinner' zurück. Rassistische Beleidigungen konnte ich nicht feststellen."

Die Entwicklung sei "ein Arschtritt für alle, die sich tatsächlich gegen Rassismus und Homophobie einsetzen". Müller hoffe, "dass Hertha schnellstens personelle Konsequenzen in betreffender Mannschaft beziehungsweise deren Trainerstab zieht". Die Tatsache, "dass von den Spielern, die hier als Opfer des Rassismus auftreten, noch sexistische und homophobe Äußerungen kommen", schlage dem Fass den Boden aus.

Medaille "unter Vorbehalt"

Diese Stimmen sind auch bei der DOG angekommen. "Die Vergabe der Medaille steht natürlich unter Vorbehalt. Die Sache schien uns eindeutig zu sein. Sollte es neue Fakten geben, werden wir uns das natürlich neu überlegen", sagte Meng nun dem MDR.

Auerbach-Funktionär Kramer hatte außerdem von einer Ausfälligkeit des Gästetrainers berichtet: "Als ich nach den Gründen für das Verlassen des Spielfeldes fragen wollte, entgegnete mir Trainer Chahed, ich sollte doch nach Hause auf meinen Bauernhof gehen." Chahed selbst hat die Wortwahl schon am Sonntag bestätigt, der Satz sei "aus der Emotion heraus" gefallen.

Der Nordostdeutsche Fußballverband hat eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet. Die Vereine sind aufgerufen, ihre Stellungnahmen abzugeben. Die DOG will vor der Verleihung der Medaille nun doch noch das Ergebnis des Sportgerichtsverfahrens abwarten.

Als Reaktion auf den Rassismus-Vorwurf hatte der VfB Auerbach bereits die Berliner zu einem Treffen nach Sachsen eingeladen. Die Nachwuchsspieler beider Teams sollten die Möglichkeit eines Austausches erhalten. Ob Hertha die Einladung annimmt, ließ der Klub zunächst offen.

Quelle: ntv.de, ter