Fußball

Gegen die Totschlagargumente Warum Schürrles Entscheidung so wichtig ist

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André Schürrle kehrt der Fußballbranche den Rücken zu.

(Foto: imago images/T-F-Foto)

Mit nur 29 Jahren beendet der frühere Fußball-Weltmeister André Schürrle seine Karriere. Das Geschäft, das ihn groß und reich gemacht hat, hat ihn zermürbt. Seine harte Abrechnung mit der Branche ist ebenso bitter wie wichtig.

Am Tag, als André Schürrle seine Karriere beendet, bekommt Mario Götze wieder Einiges zu hören. Nicht mal einen Möbelwagen könne der 28-Jährige mittlerweile mehr umkurven, urteilt Michael Rummenigge in seiner Kolumne beim "Sportbuzzer". Ihm, dem jüngeren Bruder von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, tue diese Entwicklung sehr weh. Er hoffe sehr, dass Götze wieder den Biss früherer Tage entwickeln werde und nicht den Weg gehe, wie Schürrle. Sollte es so kommen, wäre das, so Rummenigge, hochbedenklich! Schließlich haben, beziehungsweise hatten, doch beide Weltmeistermacher "eigentlich den schönsten Job der Welt." Und gut bezahlt, sehr gut sogar, sei er schließlich auch noch.

Harte Fakten für harte Typen. Schürrle hat genug davon. Denn hinter Ruhm und Anerkennung, hinter sehr viel Geld, da ist kein Platz für Schwäche, für Gefühle gegen den schönen Schein. Wer im Fußball emotional überleben will, der muss all die öffentliche Härte ausblenden können, die auf einen einprasselt, in jenen Momenten, in denen es nicht gut läuft. Und je größer die Fallhöhe, umso härter die Attacken. Für Schürrle war und ist das besonders bitter. Mit 23 Jahren hatte er den größten Moment seiner Karriere. Er flankte in der magischen Nacht von Rio, am 13. Juli 2014, den Ball auf Mario Götze, Tor, Weltmeister. Euphorie und Bürde. Eine Bürde, die Schürrle und Götze seither mit sich rumschleppen. Die mehr Last als Lust ist. Die in der Öffentlichkeit nur eine Bewertung zwischen "Held und Depp" zuließ.

Dass Schürrle mit 29 Jahren den ehrlichen Weg geht, aufhört und nicht weitermacht und ohne jegliche Motivation abkassiert, dafür hat er Respekt verdient, keine Häme. Und die Abrechnung, die er mit dem Business betreibt, die verdient Aufmerksamkeit und keine "Weichei"-Diskussion. Nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern ganz besonders in der Branche, zu der neben Vereinen, auch Fans und wir Medien gehören. Selbstreflexion, sie ist im Fußball immer noch nicht gerne gesehen, selbst wenn überall beteuert wird, wie sehr man mündige Profis schätzt. Noch immer gilt: lieber funktionieren, Tore schießen, Titel gewinnen als die Brutalität der Branche zu entlarven. Über diese Kehrseite, die Schürrle mit seinem Abschied angreift, wird immer noch viel zu wenig und nicht ehrlich und offen genug gesprochen.

Egoismus, Geld- und Selbstsucht

Schließlich gibt es in der deutschen Leistungsgesellschaft kaum Platz für das, was deren "starke" Macher gerne als "Schwäche" bezeichnen. Im Fußball schon gar nicht. Dort regieren Egoismus, Geld- und Selbstsucht - und nur äußerst selten blitzt diese menschliche Seite der Fußballer hervor. Dabei ist das, was Schürrle mit seinen Äußerungen getan hat, vielleicht der stärkste Schritt seiner Karriere. Indem er Einsamkeit zugibt, in der Fußball-Welt, in der die Spieler von Hotel zu Hotel durchs Land und um den Erdball jetten, macht er einen Schritt der Stärke. In einer Welt, in der sie meist mehr Ware als Mensch sind. Der Wert für den Verein ist nur allzu oft die einzige Währung. Gegenbeispiele wie etwa das Festhalten des BVB an Götze während seiner Stoffwechselerkrankung - eine Seltenheit, eine sehr hoch einzuschätzende allerdings.

Schürrle zieht nun lieber die Notbremse, als dass er stumm weiter leidet. Wie er es schon über Jahre tat. Wie andere Fußballer, die daran zugrunde gingen. Robert Enke litt vor seinem Selbstmord jahrelang an Depressionen. Sebastian Deisler zog sich aus dem Fußballgeschäft zurück, weil ihm das alles - der Trubel, der Druck, die Anspannung - zu viel wurde. Und dennoch ist das Thema Depressionen und psychische Erkrankungen immer noch eine ungern geöffnete Tür. In der Gesellschaft, aber wieder auf stärkere Art und Weise im Fußball.

Schürrle gelingt mit seinem Karriereende doch noch ein Erfolg. Er regt einen Denkanstoß an. Darüber, wie man in der Gesellschaft und im Fußballgeschäft miteinander umgehen sollte. Welche Werte wichtiger sind, als die Tore, Punkte und Millionen des Fußballbusinesses. Und er zeigt auf, wie brutal dieser Mikrokosmos wirklich sein kann. Wenn ein Mensch sich nicht traut zuzugeben, dass es ihm schlecht geht, macht das Umfeld irgendwas falsch.

Ein wichtiger nächster Schritt, den Schürrle nicht gegangen ist, vielleicht nicht gehen konnte: Fußballer sollten über Probleme und Gefühle nicht erst sprechen, wenn sie ihre Karriere beenden. Sondern immer wieder. An Momenten, in denen sie an der Spitze stehen, genauso wie an Tagen der Trauer. Bei den Profis wie den Amateuren, bei den Frauen wie bei den Männern, bei den Erwachsenen wie bei den Kindern und Jugendlichen. Nur so kann das Tabu geknackt werden und die André Schürrles im Fußballgeschäft müssen ihre sie von innen zermarternden Gefühle nicht mehr herunterschlucken.

Quelle: ntv.de