Fußball

Lange Sperren, Frisur-Vorschrift Wie China seine Fußballer drangsaliert

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Ehre, wem Ehre gebührt: Wu Lei bekommt am 21. November einen Preis dafür, dass er so viele Tore für Chinas Fußballmeister Shanghai SIPG geschossen hat.

(Foto: imago/Imaginechina)

Geht es nach Chinas Staatspräsident, gewinnt sein Land den Weltmeistertitel im Fußball. Doch die Liga kann nicht professionell agieren - auch weil staatlich gelenkte Projekte vorgehen. Zudem werden die Profis mit absurden Vorschriften drangsaliert - etwa, wie ihre Frisur auszusehen hat.

Es gab Momente in diesem Jahr, die waren wie geschaffen dafür, das angekratzte Image des chinesischen Fußballs international aufzupolieren. Der 5:4-Sieg von Shanghai SIPG beim Serienmeister Guangzhou Evergrande drei Spieltage vor Saisonende setzte einem spannenden Zweikampf in der Super League die Krone auf. Eine Runde später stand Anfang November fest: Die beste Mannschaft des Landes kommt zum ersten Mal seit 2010 nicht aus Guangzhou, sondern aus Shanghai. Das prestigereiche Beijing Guo'an gewann mit dem deutschen Trainer Roger Schmidt in zwei packenden Finalspielen gegen Shandong Luneng den Pokal und kehrte direkt zurück in die asiatische Champions League. Und Chinas Vollstrecker vom Dienst, Wu Lei von Meister Shanghai, stellte alle hochbezahlten Topstars aus dem Ausland mit seinen 27 Saisontoren weit in den Schatten.

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Pokalsieger mit Beijing Guo'an: Roger Schmidt, der von 2014 bis 2017 Bayer Leverkusen trainierte.

(Foto: imago/VCG)

Das sind gute Nachrichten für eine Liga, die nach oben will, in einem Land, das nach oben will. Zur Erinnerung: China ist das Land, dessen Staatspräsident sich den Gewinn des Weltmeistertitels gewünscht hat. Das Ziel ist aber auch nur annähernd realistisch, wenn es gelingt, die heimische Profiliga auf ein Niveau zu heben, auf dem junge Talente internationale Klasse entwickeln können. Was die Liga benötigt, ist ein Verband, der hinter den Kulissen die Fäden zieht, damit die Klubs in Ruhe arbeiten können.

Doch das Gegenteil ist der Fall. 2018 geht als das Jahr in Chinas Fußballgeschichte ein, das den Glauben an die Professionalität der Branche zunichtemachte. Denn stattseiten dass die Funktionäre versucht hätten, den Weg zu ebnen für Kreativität und ein ausreichendes Maß an Individualität als Quellen fußballerischer Extraklasse, griffen sie zu altmaoistischen Traditionen und versammelten ihre Hoffnungsträger in einem mehrmonatigen Militärcamp. Anfang Oktober rekrutierte der Verband 55 chinesische Spieler unter 25 Jahren aus der ersten und zweiten Liga. Ohne Rücksicht auf die laufende Saison in der Chinese Super League mussten die Klubs ihre Spieler zur Verfügung stellen und weiter bezahlen. Mehrere Wochen lang sahen die Jungprofis dafür keinen Ball. Stattdessen sah man sie auf Fotos mit nacktem Oberkörper in den Schnee springen.

"Gesunde kulturelle Erziehung"

Militärcamps für chinesische Fußballer haben zwar seit den 1950er-Jahren Tradition in China, allein der Durchbruch in die Weltspitze blieb aus. Einen vergleichbaren Drill gab es zuletzt 2007. Die Nationalmannschaft scheiterte dennoch in der ersehnten Qualifikation für die WM 2010. Es heißt, die 55 Profis sollen im kommenden Jahr in zwei Kader aufgeteilt werden und gegen die Klubs der ersten und zweiten Liga antreten. Ihre Gegner sollen dabei auf ihre ausländischen Stars verzichten. Die Sinnhaftigkeit des Projekts wird seitdem diskutiert, aber es gibt seitens des Verbandes CFA keine öffentliche, plausible Strategie.

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Keine Ahnung von Fußball? Reinhard Grindel.

(Foto: dpa)

"Wann hört die CFA endlich auf, sich in den eigenen Fuß zu schießen?", fragt Jonathan White von der in Hongkong publizierten "South China Morning Post". "Sie ist ganz sicher das am wenigsten vorhersehbare Organ im gesamten Sport." Vermutet wird, dass auch die Politik eine große Rolle im Hintergrund spielt. Das Sportministerium stellt fachfremde Funktionäre wie zuletzt den ehemaligen Tischtennisspieler Cai Zhenhua an die Spitzedavonkommendes Verbandes und künftig möglicherweise den Ex-Basketballhelden Yao Ming. Zwar gilt Reinhard Grindel vom Deutschen Fußball-Bund auch als wenig fachkenntnisreich. Aber ihm stehen Experten zur Seite, die beraten und auch eigene Entscheidungen treffen dürfen. Die CFA dagegen gilt als streng hierarchisches Konstrukt, das sich den Anweisungen des Ministeriums beugen muss.

So sind es denn wohl auch politische Funktionäre, die den Nationalspielern vorschreiben, wie sie auszusehen haben, wenn sie für China auflaufen wollen. Tätowierungen müssen mit hautfarbenen Armstrümpfen abgedeckt und Haare kurz und schwarz getragen werden. Blonde Strähnchen oder Zöpfchen werden nicht mehr geduldet. Chinesische Medien bezeichneten die Anweisung als Maßnahme im Rahmen einer "gesunden kulturellen Erziehung". Mit der Holzhammer-Methode knüppelt die CFA alles nieder, was nicht der Norm entspricht.

Exempel am "chinesischen Ribéry" statuiert

Leidtragende waren vor allem die eigenen Nationalspieler. Kürzlich erwischte es den hochtalentierten U19-Nationalspieler Zhou Junchen. Die CFA sperrte den "chinesischen Ribéry", wie manche Experten ihnen nennen, für zwölf Monate. Er darf in dieser Zeit weder für das Nationalteam auflaufen, noch für seinen Erstligaklub Shanghai Shenhua. Sein Vergehen war vergleichsweise harmlos. Zhou hatte mit einigen Mitspielern nach einem verlorenen Länderspiel gegen Jordanien (0:2) in Thailand ohne Rücksprache mit dem Trainerteam das Mannschaftshotel verlassen. Doch während die anderen Übeltäter mit erheblich kürzeren Sperren davonkamen, traf Zhou die volle Wucht der Autoritäten. Er sei uneinsichtig gewesen, heißt es aus Verbandskreisen.

"Die CFA befindet sich offenbar auf einem neuen Feldzug. Eine solche Strafe ist völlig überzogen und sie schadet der Entwicklung des Spielers", sagt Brandon Chemers aus Peking, der seit vielen Jahren über den chinesischen Fußball berichtet. Der US-Amerikaner glaubt, Zhou sei deshalb so hart bestraft worden, um ein Exempel an ihm zu statuieren. Die Funktionäre nehmen dabei billigend in Kauf, dass eines ihrer größten Talente den Anschluss verliert, wenn ihm über einen so langen Zeitraum Wettkampfpraxis versagt bleibt.

Halskettchen? Zwölfmonatige Sperre!

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Halskettchen beim Länderspiel: Wang Shenchao.

(Foto: imago/VCG)

Ebenso hart hatte es zuvor schon einen Nationalspieler erwischt. Wang Shenchao war im Länderspiel gegen Myanmar eingewechselt worden. Auf dem Feld legte er sich ein Halskettchen an und verstieß damit gegen Fifa-Regularien. Der nationale Verband sprach auch in diesem Fall ohne Not eine zwölfmonatige Sperre aus und schadete damit vor allem der eigenen Auswahl. Denn Wang muss deshalb bei der Asienmeisterschaft Anfang nächsten Jahres zuschauen.

Die Disziplinierung erwischte aber auch Ausländer. Der Brasilianer Diego Tardelli von Shandong Luneng wurde für ein Spiel gesperrt, weil er sich während der Nationalhymne durchs Gesicht fasste. Eine Geste, die irgendjemand als respektlos der chinesischen Hymne gegenüber wertete. In einer Stellungnahme, die in Tardellis Namen auf Mandarin veröffentlicht wurde, hieß es: "Ich entschuldige mich für mein respektloses Verhalten China gegenüber. Das hatte ich nicht beabsichtigt. Ich lebe und arbeite seit vier Jahren in China und liebe und respektiere dieses Land zutiefst."

Die Vereinheitlichung und Disziplinierung von allen Fußballern des Landes scheint mit dem Traum vom WM-Titel wenig vereinbar zu sein. Spiellust und Exzellenz haben die Weltmeister seit 1930 nicht dadurch entwickelt, dass sie alle gleich aussahen und Entscheidungen von Trainern und Verbänden ausnahmslos brav abnickten. Doch China betont stets, seinen eigenen Weg gehen zu wollen, gesellschaftlich, politisch, kulturell. 2018 hat der Fußball des Landes diesen Pfad konsequent beschritten.

Quelle: ntv.de