Redelings Nachspielzeit

Fußball-Zeitreise, 30. Juni 1996 Klinsmanns Wunderheilung wird zur Legende

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Über Klinsmanns Jubel freut sich sogar die Queen.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Vor 24 Jahren holt die deutsche Nationalelf den EM-Titel in England im Finale gegen Tschechien - weil sie als Team auftritt. "Einer für alle, alle für einen" ist das Motto dieser Gute-Laune-Truppe, die mit ein paar echten Typen Geschichte und Geschichten schreibt.

Mehmet Scholl lachte. Gerade hatte ihn ein Reporter gefragt, wie es denn zusammen mit dem massigen Bundeskanzler Helmut Kohl und der kompletten feiernden Nationalmannschaft in der Kabine gewesen sei. Der frisch gebackene Europameister grinste nur schelmisch und zögerte keine Sekunde mit seiner Antwort: "Eng!"

Später sagte der BTT (Bundes-Torwart-Trainer) Sepp Maier, dass Scholl zwar häufig ein- und denselben Witz mehrmals gemacht habe, er aber durch seine ganz eigene, immens positive Art so unglaublich gut und wichtig für die Stimmung im Nationalteam gewesen sei. Zwei Jahre zuvor bei der WM in den USA habe genau so ein Typ gefehlt. Letztendlich sei es deshalb wohl auch zum vorzeitigen Ausscheiden im Viertelfinale gegen die Bulgaren gekommen, so Maier, der selbst nie um einen Spaß verlegen ist.

In England stand bei der Europameisterschaft 1996 endlich wieder eine deutsche Mannschaft auf dem Platz. Ein Team von vielen kleinen Stars in ihren Heimatvereinen, die ohne den Übervater Lothar Matthäus - der kurz vor der EM von Bundestrainer Berti Vogts endgültig ausgebootet worden war - befreit aufspielte. Eine fast perfekte Mischung aus ehrlichen Arbeitern wie Dieter Eilts, Markus Babbel und Thomas Helmer, aufblühenden Kreativkräften wie Thomas Häßler, Mehmet Scholl und Andreas Möller, fleißigen Stürmern wie Stefan Kuntz, Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff und einem neuen Leitwolf, Matthias Sammer, der insbesondere im Viertelfinalspiel gegen Kroatien mit einer beeindruckenden Energieleistung über sich selbst hinauswuchs.

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Ein Team von Typen - mit Bierhoff und Sammer.

(Foto: imago/Kosecki)

Stefan Kuntz sprach im Nachhinein davon, dass dieses Team eine "Gute-Laune-Truppe" gewesen sei. Und tatsächlich: Das Motto dieser Mannschaft ("Einer für alle, alle für einen") wurde mit Leben gefüllt. Nachdem der Kapitän der Truppe, Jürgen Kohler, bereits im ersten Gruppenspiel gegen Tschechien nach 14 Minuten den Platz mit einer schweren Knie-Blessur verlassen musste, schwor das Team, sich für ihren verletzten Anführer zu zerreißen. Kohlers sehnlichster Wunsch, im Finale in Wembley zusammen mit seinen Kameraden den Gewinn des EM-Titels zu feiern, schwebte fortan als unsichtbarer Geist über der Truppe.

Physiotherapeut macht Klinsmann glücklich

Der innige Zusammenhalt in diesen besonderen Tagen auf der Insel zeigte sich auch in einer anderen, legendären Aktion. Jürgen Klinsmann hatte sich am 23. Juni im Viertelfinale gegen Kroatien einen Muskelfaserriss zugezogen. Für die medizinische Abteilung des DFB gab es nach dieser niederschmetternden Diagnose folgerichtig nur eins zu tun: Sie musste dem Schwaben schonend beibringen, dass die Europameisterschaft für ihn an dieser Stelle beendet sei. Doch Klinsmann wollte dies nicht wahrhaben und bat Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und den Masseur des Teams, Hans Montag, darum, alles Menschenmögliche zu versuchen, um vielleicht doch noch bei einem denkbaren Finale auflaufen zu können.

Auch wenn der DFB-Arzt selbst wenig Hoffnung hatte, dass dieses Unterfangen am Ende von Erfolg gekrönt sein könnte, wollte er dem Wunsch Klinsmanns nicht entgegenstehen. Und so wurde in der Folge - es waren nur noch 148 Stunden bis zum möglichen Endspiel in London - Tag und Nacht in 8-Stunden-Schichten mit dem Stürmer gearbeitet. Alle medizinischen Tricks und Kniffe wurden dabei in die Waagschale geworfen. Besonders Masseur Hans Montag wuchs über sich hinaus und arbeitete unermüdlich mit Klinsmann zusammen. Nach der Europameisterschaft bedankte sich der Schwabe bei dem Physiotherapeuten mit einem Foto von sich, der EM-Trophäe und der Queen mit den Worten: "Lieber Hans, ohne Deine Hilfe hätte ich das nicht geschafft." Leider verstarb nur ein Jahr nach der EM Hans Montag nach einer kurzen, schweren Krankheit.

Erst einen Tag vor dem Finale joggte Klinsmann damals schließlich zusammen mit Doc Müller-Wohlfahrt inkognito durch einen Park vor dem Hotel. Als dieser Belastungstest erfolgreich bestanden war, durfte Klinsmann unmittelbar vor dem Endspiel auf dem Rasen des Wembley-Stadions zum ersten Mal seit einer Woche wieder sprinten. Und als auch das reibungslos geklappt hatte, schoss der damalige Spieler des FC Bayern München einige Bälle mit Karacho aufs Tor. Dann hielt Klinsmann inne und rief freudestrahlend in Richtung seines Arztes: "Doc, ich spür' nichts. Ich spür' nichts!" Und so stand seinem Einsatz im Endspiel nichts mehr im Wege.

Den Sieg eingewechselt

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Dass die deutsche Elf es bis dahin geschafft hatte, lag auch an einem fast schon heroischen Kraftakt im Halbfinalspiel gegen den Gastgeber England. Vor der Partie hatte die heimische, britische Boulevardpresse mal wieder mit schwerem Geschütz gegen die Deutschen geschossen: "Wir erklären den Krauts den Krieg. Schießt sie in Fetzen." Doch nach dem unerfreulichen Vorgeplänkel bot sich den Zuschauern auf dem Platz ein echtes Spektakel bis hin zum unvermeidlichen Elfmeterschießen. Nachdem der Engländer Gareth Southgate beim Stand von 5:5 verschossen hatte, verwandelte Andreas Möller, dem TV-Moderator Günther Jauch zuvor noch den Beinamen "Weichei" verpasste hatte, souverän zum 6:5-Endstand. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb nach diesem beeindruckenden Spiel: "Die Nacht von Wembley hat sämtliche erregende Facetten dieses Sports hervorgebracht. Es gibt in der Geschichte des Balles nur wenige solcher Perlen, selten wie die Blaue Mauritius."

Und dann stand am 30. Juni 1996 das Finale an, bei dem die Tschechen durch einen umstrittenen Elfmeter durch Patrik Berger in der 59. Spielminute in Führung gingen. In der 69. Spielminute wechselte Berti Vogts schließlich zum zweiten Mal aus. Doch er nahm nicht, wie allgemein erwartet, Klinsmann vom Platz, sondern Scholl. Eine echte Überraschung! Und auch die Person, die für Scholl kam, hatte nicht jeder auf dem Zettel. Eine Frau jedoch schon: Monika Vogts, die Frau von Berti. Sie hatte ihrem Mann geraten, dem Italien-Legionär Oliver Bierhoff zu vertrauen. Und tatsächlich: Monika Vogts sollte Recht behalten. Nur vier Minuten nach seiner Einwechslung schoss Bierhoff den 1:1-Ausgleich und in der 95. Minute erlöste er Millionen deutscher Fußballfans mit seinem Golden Goal zum 2:1 endgültig. Wieder einmal hatte sich etwas gezeigt, das Thomas Helmer so umschrieb: "Wenn es heißt, der Deutsche liegt am Boden, dann gibt er alles."

Knapp drei Wochen nach dem ersten Anpfiff bei dieser Europameisterschaft in England verließ Deutschland den Rasen des Wembley Stadions mit der EM-Trophäe in der Hand. Die hervorragende Kameradschaft hatte die Titelträume wahr werden lassen. Hinterher war der Abschiedsschmerz verständlicherweise besonders groß. Torwart Andi Köpke meinte zu seinen Mitspielern: "Mit euch möchte ich jetzt am liebsten 14 Tage Urlaub machen." Doch daraus wurde (leider) nichts. Nach der Feier auf dem Frankfurter Römer verstreute sich das Team in alle Winde. Das gemeinsame Abenteuer war erst einmal vorbei.

Quelle: ntv.de