Redelings Nachspielzeit

Lügen und "gequirlte Kacke" Wie die Liga die Fans für dumm verkauft

imago0010026358h.jpg

Uli Hoeneß gab gern Autogrammstunden - gegen Bezahlung.

(Foto: imago sportfotodienst)

Markus Babbel regt sich in dieser Woche darüber auf, dass er sich bei manchen Aussagen seiner heutigen Kollegen als Fußballfan "verarscht" vorkomme. Doch tatsächlich wird in der Bundesliga immer schon gerne gelogen. Das weiß nicht nur Uli Hoeneß.

"Ich habe im Fußballgeschäft so zu lügen gelernt, dass mich sogar meine Frau für einen Drecksack hält." Der Satz stammt von Dr. Peter Kunter - langjähriger Torwart und Präsidiumsmitglied bei der Frankfurter Eintracht und promovierter Zahnarzt. Deshalb der Doktor vor seinem Namen. Offensichtlich ein intelligenter Mensch, der wusste, wovon er sprach.

In dieser Woche haben die Worte von Markus Babbel über seine Trainerkollegen Hansi Flick, Friedhelm Funkel und Adi Hütter für Schlagzeilen gesorgt: "Mir geht da einiges auf den Zeiger. Mir fehlt die Ehrlichkeit, es wird nur noch rumgeeiert." Insbesondere das Verhalten des scheidenden Bayern-Trainers Hansi Flick hatte ihn irritiert. Ihm warf er vor, dass er "gequirlte Kacke" geredet hätte, etwas, das Flick "nicht gerecht" werde. Auch Hütter und Funkel kritisierte Babbel für ihre - vorsichtig ausgedrückt - "ungenauen" Äußerungen in der jüngeren Vergangenheit scharf.

ANZEIGE
Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs
19,90 €
Zum Angebot

Im Grunde aber prangerte Babbel nicht nur die Männer auf der Bank an, sondern die komplette Branche: "Dazu diese diplomatischen Aussagen, mit denen keiner was anfangen kann. Als Fußballfan fühle ich mich verarscht, ich kann ja nichts mehr glauben, was gesprochen wird." Natürlich hat der ehemalige Bundesliga-Coach mit seinen Worten recht. Doch in einem Punkt irrt Babbel sich: Dass die Fans häufig für dumm verkauft oder schlicht und einfach angelogen werden, ist keine ganz neue Entwicklung. Denn auch wenn man einmal die Meineide der Schalker im Zuge des Bundesliga-Skandals in den siebziger Jahren außer Acht lässt, dann wurden im Profifußball schon immer gerne falsche Versprechungen gemacht und es wurde trickreich geflunkert und bewusst die Unwahrheit gesagt.

Hoeneß schwänzt für Autogrammstunden

Dazu ein prominentes Beispiel aus der Saison 1974/75. Damals fehlte Weltmeister Uli Hoeneß unentschuldigt beim Training des FC Bayern und durfte deshalb am Samstag nicht mit zur Begegnung nach Bochum reisen. Der Presse und den Fans aber wurde erst einmal nichts von dem Vergehen Hoeneß' erzählt. Das Fehlen beim Training und Spiel wäre wegen einer Verletzung, so der Verein. Doch die Wahrheit kam schnell ans Licht. Der Brief eines Bayern-Anhängers löste die Geschichte auf. Während sich die Mitspieler von Hoeneß in München zum Training einfanden, schrieb sich der geschäftstüchtige Bayern-Star die Finger in Frankfurt bei drei (!) Autogrammstunden wund. Den Beweis dafür lieferte der Bayern-Fan gleich mit: Das Zeitungsinserat, das die Veranstaltungen schwarz auf weiß bewarb. Dumm gelaufen!

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Doch obwohl diese kleinen Lügen zum Tagesgeschäft in der Bundesliga gehörten, waren sie in der Regel eines nicht: koordiniert und von langer Hand geplant. Meist entstanden sie aus der Situation heraus. Das änderte sich erst im Jahr 1987. Damals begann mit Andreas Möller eine neue Ära im deutschen Profifußball, die das Geschäft komplett verändern sollte. Seit diesen Tagen wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Falsche Versprechungen und große wie kleine Unwahrheiten wurden zum System, da Spieler und Funktionäre seitdem extra für den Umgang mit den Medien geschult werden.

Und tatsächlich war Andreas Möller damals der erste Profi, der speziell gebrieft wurde. Sein Beraterteam rund um seinen Ziehvater Klaus Gerster erarbeitete zusammen mit einem Rechtsanwalt ein Papier, das den Namen trug: "Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit". Darin standen so schlaue Allgemeinplätze wie: "Ich spiele seit meinem … Lebensjahr für Eintracht Frankfurt. Ich bin Frankfurter und Eintrachtler. Ich fühle mich Eintracht Frankfurt und seinen Anhängern sehr eng verbunden."

"Geld ist für mich nebensächlich"

Einige der damals kreierten Plattitüden, hat man danach im Profifußball immer wieder gehört. Wie diese zum Thema Geld: "Entscheidend ist für mich die sportliche Fürsorge durch meinen Verein. Geld ist für mich nebensächlich." Nach Meinung des Rechtsanwalts sollte Möller bei "Fragen zu Verhandlungen mit anderen Vereinen" am besten mit dieser Floskel antworten: "Ich will in Frankfurt bleiben. Ich möchte meinen Vertrag mit Eintracht Frankfurt um mehrere Jahre verlängern." Es sind genau diese "diplomatischen Aussagen", die Markus Babbel dreißig Jahre später immer noch auf die Palme bringen.

ANZEIGE
Zwischen Puff und Barcelona: Bens beste Fußball-Kolumnen
14,90 €
Zum Angebot

Möllers Mitspieler Axel Kruse nannte das Papier, das bis heute die Blaupause für die wachsweichen Äußerungen am Rande der Wahrheit der Bundesliga-Akteure ist, damals übrigens "Lügenfibel". Ein treffender Begriff! Denn es ist unbestritten, dass Spieler, Trainer, Manager und Funktionäre in manchen Augenblicken, in denen sie den Mund zu bestimmten Themen aufmachen, bereits wissen, dass sie im günstigsten Falle nicht die volle Wahrheit sagen. In weniger guten Momente sind sie sich sogar bewusst, dass nur eine Lüge hilft.

Gladbachs Manager Max Eberl, der häufiger angenehm durch seine offenen und geradlinigen Worte auffällt, hat zu diesem Thema mal etwas sehr Spitzfindiges geäußert: "Es ist so, dass wir nicht immer die Wahrheit sagen. Das ist jetzt keine Lüge." Besser kann man die zweifelhaften Mechanismen des Geschäftsbetriebs Profifußball nicht auf den Punkt bringen. Doch vermutlich haben sich die Fans in all den Jahren an diese "gequirlte Kacke", und dass sie gerne einmal für dumm verkauft werden, gewöhnt. Und damit ist der Plan des dreißig Jahre alten Papiers "Vorschläge für Antworten gegenüber der Öffentlichkeit" von Andreas Möller offensichtlich aufgegangen - auch wenn sich die Fußball-Anhänger, wie aktuell Markus Babbel, von Zeit zu Zeit einmal an der einen oder anderen Spitze des Eisbergs stoßen mögen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.