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Ratlosigkeit prägte die WM bei den deutschen Nationalspielern und bei Bundestrainer Joachim Löw.
Ratlosigkeit prägte die WM bei den deutschen Nationalspielern und bei Bundestrainer Joachim Löw.(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)
Sonntag, 15. Juli 2018

Überheblich, überfordert - raus: Die große deutsche WM-Illusion

Von Christoph Wolf, Moskau

Fußball-WM 2018, das heißt Deutschland: spielerischer Kollaps, Vorrunden-Aus, historischer Bankrott - und keiner weiß warum. In der Krise steckt der deutsche Fußball noch nicht. Die droht aber, denn die WM-Aufarbeitung ist bislang ein Desaster.

Selbstverständlich ist der deutsche Fußball im WM-Finale vertreten. Philipp Lahm wird dem Pokal im Moskauer Luschniki-Stadion ganz nahe kommen. Er darf ihn hineintragen und wird das als amtierender Weltmeister tun, bevor spätestens gegen 20 Uhr Ortszeit ein kroatischer oder französischer Fußballer die Trophäe ins Blitzlichtgewitter recken wird. Denn sportlich haben sich die Titelverteidiger von Bundestrainer Joachim Löw längst aus dem Turnier verabschiedet, erstmals überhaupt scheiterte ein DFB-Team in der WM-Vorrunde. Deutsche Fußballgeschichte 2018.

Lahms kleiner Auftritt im großen Endspiel war der Social-Media-Abteilung der "Die Mannschaft"™ anders als sein jüngster Debattenbeitrag zum WM-Fiasko einen Retweet wert, Erfreulicheres gab es vor dem WM-Finale (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) halt nicht herauszutwittern an Fußball-Deutschland. Für das WM-Fazit genügen auch zwei Wochen nach dem in jeder Hinsicht desaströsen #zsmmnbrch im Weltmeistergrab von Kasan zwei Worte: Titelverteidigung? Tristesse.

Woran genau die deutsche Mission schon in der Gruppenphase historisch gescheitert ist - an der Scheindebatte um Oliver Bierhoffs Watutinki, an Selbstherrlichkeit der Spieler, wie Löw formulierte, an Selbstherrlichkeitsverkennung allerorten, an Rissen und Grüppchen, am WM-Fluch, an Mesut Özil - darüber ist seit Kasan viel geredet, gerätselt, geschrieben worden. Im Nachgang lesen sich Turnier und Vorbereitung plötzlich als Chronik eines angekündigten WM-Scheiterns. Da steht zwischen den Zeilen in Goldgravur: Musste einfach so kommen!

Nur: Musste es wirklich? Wie in den großen deutschen Rumpelfußballkrisenjahren zwischen 1998 und 2004 mangelte es bei der WM in Russland an vielem, vor allen an Bescheidenheit. Aber es mangelte nicht an Qualität. Und: Vor der WM konnte Fußball-Deutschland dieses "Musste ja so kommen" in dieser Klarheit nirgends hören und lesen, auch nicht auf n-tv.de. Der großen WM-Illusion sind nicht nur Löw, Bierhoff und der dem Duo ergebene DFB erlegen. Teil dieser Illusion ist ja eine gefühlte mediale Nähe zum DFB-Team, die nicht existiert. Aber: Wenn es jemand hätte ahnen können und spüren müssen, dann doch wohl Löw.

Ultimative WM-Bankrott-Erklärung

Manuel Neuer brachte es auf den Punkt: "Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt."
Manuel Neuer brachte es auf den Punkt: "Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt."(Foto: imago/Eibner)

Wie hilflos und überrascht der Bundestrainer nach dem WM-Aus gegen Südkorea war, gegen das schon ein kümmerliches 1:0 zum Achtelfinale gereicht hätte, war noch erschütternder als die sportliche Kapitulation in Kasan. Und die hatte Torhüter Manuel Neuer mit dem deutschen Satz des Turniers zusammengefasst: "Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt." Zwölf Wörter genügten dem DFB-Kapitän für die ultimative WM-Bankrott-Erklärung.

Um die spielerische Verarmung und Verzweiflung des Weltmeister-Fußballs in Russland zu beschreiben, genügt eine Zahl: 109. So viele Flanken schlug die auf Spielfreude und dominanten Ballbesitzbesitzfußball mit schnellen Kombinationen in die Tiefe getrimmte Elf von Weltmeistertrainer Löw in drei Vorrundenkrämpfen. Das war auch vor den Halbfinals noch mit Abstand der WM-Bestwert und wird nach dem Turnier allenfalls von Teams übertroffen werden, die in Russland vier Spiele mehr absolviert haben. Zählt man die Verlängerungen zusammen, sind es bei England und Kroatien gar fünf. Nur: Warum die deutsche Mannschaft spielte wie sie spielte, bleibt für Außenstehende ein Rätsel. Dumm nur: Auch beim DFB scheinen es nicht alle zu verstehen.

Anders als vor der um die Jahrtausendwende eingeleiteten deutschen Fußball-Revolution mit Professionalisierung von Strukturen und Nachwuchsarbeit gibt es keine offensichtlichen Gründe für das Scheitern und damit auch keine offenkundige Lösung. Nicht einmal die Nominierung des WM-Kaders taugte wie üblicherweise zur ganz großen Debatte, von Leroy Sané abgesehen. Löw hatte ansonsten die besten Spieler mit nach Russland genommen, darüber herrscht immer noch Konsens. Trotz des historischen WM-K.-o. gilt: Es gibt keine akute Krise. Die sportliche Zukunft hat schon begonnen, in Russland hörte sie auf Namen wie Kimmich, Werner, Goretzka, Süle, Brandt. Man sollte zwar nicht blind darauf vertrauen, dass Löw sich und die DFB-Elf noch einmal neu erfinden kann. Zutrauen darf man es ihm aber schon. Mit der nach ewigem Theater im Bau befindlichen DFB-Nachwuchsakademie ist auch das 150 Millionen Euro teure Fundament gelegt, auf der diese Zukunft stehen könnte.

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Akut werden könnte eine Krise trotzdem. Die Gründe dafür liegen beim DFB, der sich in der Aufarbeitung des WM-Debakels kläglich präsentiert. Erst stellte Manager Oliver Bierhoff Mittelfeldspieler Mesut Özil an den Pranger und bediente Ressentiments, gegen deren Bekämpfung die DFB-Elf als multikultureller Schmelztiegel prädestiniert wäre. Dann legte Präsident Reinhard Grindel nach, der vor der WM noch gesagt hatte: Wenn er nicht schon in Interviews Antworten geben wolle, "dann vielleicht auf dem Platz". Obwohl Özil das durchaus getan hat, forderte Grindel nun plötzlich und viel zu spät, der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Eltern solle sich zur Foto-Affäre mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan erklären.

Ungefähr keinen Fehler vermieden

Die Nach-WM-Bilanz des Verbandes liest sich so: Von allen Fehlern, die der DFB unbedingt hätte vermeiden sollen, hat er ungefähr jeden gemacht. Das wird auch nicht besser durch das nicht falsche Eigenlob, dass man in den 14 Jahren zuvor ziemlich viel richtig gemacht haben muss. Denn der Kern des Problems ist ein anderer: Ohne auch nur ansatzweise in die sportliche Analyse zu gehen, hatte Grindel noch in Kasan versichert, auf jeden Fall mit Löw weitermachen zu wollen. Dann wartete der DFB nur darauf, dass der laut "Süddeutscher Zeitung" zunächst durchaus rücktrittswillige Bundestrainer sein Ja-Wort gab. Damit hat sich der Verband in eine noch erdrückendere Abhängigkeit von Trainer und Manager begeben, als sie ohnehin schon bestand. Denn über Bierhoff haben sie gar nicht erst diskutiert.

Seit Bierhoffs Amtsantritt 2004 hat sich die Nationalmannschaft professionalisiert, der 50-Jährige war ein entscheidendes Puzzleteil der Fußball-Revolution. Er ist aber auch hauptverantwortlich dafür, dass der DFB und sein Vorzeigeprodukt in zwei parallelen Fußballwelten existieren. Hier der Verband mit seinen Millionen Mitgliedern und Fans. Dort "Die Mannschaft"™ als (ab-)gehobene Marke mit sinn- und bescheidenheitsfreien Werbehashtags, mit Botschaften ohne Botschaft. Ein verkaufsoptimiertes Fußballprodukt, dem die Kanzlerin am Tag vor der Kadernominierung die Aufwartung macht - was Bundestrainer und Spieler mindestens irritiert haben soll.

Weit fataler ist aber: Bierhoffs DFB-Team sind Empathie und Verständnis für die eigenen Anhänger abhanden gekommen. Länderspiele in Deutschland sind seit Jahren zu teuer, zu oft nicht ausverkauft, viel zu oft Stimmungs-Trauerspiele. Die Entfremdung zwischen Mannschaft und Heimat war auch in Russland zu beobachten. "Man hatte das Gefühl, viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir ausgeschieden wären", polterte Toni Kroos in der Euphorie nach dem Schwedenkrimi gegen die Kritiker und meinte damit vor allem pauschal die Medien. Zwei Tage später outete er sich - natürlich - im Bündnis mit der "Bild"-Zeitung als Medienamateur. Damit immerhin steht er in einer Reihe mit DFB-Boss Grindel.

Scherben vs. Einhörner

Durch die WM ist einiges zerbrochen beim DFB-Team. Bis Ende August sollen alle Scherben zusammengekehrt sein und möglichst nicht noch mehr hinzukommen. Erst dann soll die "ehrliche Analyse" des Bundestrainers vorliegen. Was diese Formulierung über die bisherigen DFB-Analysen vor Löws Ja zum Weitermachen aussagt? Die Frage ist auch die Antwort.

Womöglich tut dem orientierungslosen DFB ein unaufgeregter Blick nach England gut, dessen Nationalmannschaftsfußball in den letzten Jahren zurecht belächelt worden war - und nun in Russland völlig unerwartet eine WM-Überraschung schaffte. Das lag vor allem daran, dass sich die junge Mannschaft und ihr Trainer Gareth Southgate auch dank aufblasbarer Einhörner statt aufgeblasener Egos auf sympathische Weise nahbar präsentierten für Fans und Medien. Dass sie ihrer zerrissenen Heimat in wie auch hierzulande politisch vergifteten Zeiten durch ihr gelebtes und fußballerisches Miteinander Hoffnung schenkten, es #zsmmn träumen ließen und stolz machten. Auch ohne WM-Pokal.

Gut 70 Minuten nach dem Halbfinal-Aus gegen Kroatien war Southgate noch einmal auf den Rasen des Moskauer Luschniki-Stadions zurückgekehrt. Er hatte den englischen Fans gewunken, die ihr Team trotz des verpassten Endspiels immer noch singend feierten. Von Joachim Löw ist derlei aus Kasan nichts überliefert. Es wäre auch niemand mehr da gewesen.

Quelle: n-tv.de