Fußball-WM 2018

Trotz Debakel weiter im Amt Schwacher DFB liefert sich Löw aus

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Der DFB hat Löw völlig ohne Not in eine starke Position gebracht.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Noch bevor die Gründe für das desaströse Aus bei der Fußball-WM klar sind, klammert sich der DFB an Joachim Löw. Er macht weiter. Nun muss sich der Weltmeistertrainer neu erfinden. Aber kann er das?

Was hat der DFB für den deutschen Fußball getan? Er hat gewartet. Die Nationalelf war noch gar nicht in Russland als erste Auswahl in der Geschichte des Verbandes in der Vorrunde einer Weltmeisterschaft gescheitert, da hatte Präsident Reinhard Grindel bereits das verkündet, was nun offiziell ist: Bundestrainer Joachim Löw macht weiter. Schließlich hatte er vor dem Turnier den ohnehin bis 2020 laufenden Vertrag mit seinem obersten Trainer ohne Not um zwei Jahre bis nach der WM 2022 in Katar verlängert. Nicht erst nach dem 0:2 gegen Südkorea am vergangenen Mittwoch war klar: Löw kann sich nur selbst entlassen. Es hing alles also nur davon ab, wann und wie er sich positioniert. Und das war ein Fehler.

Der Mann, der für den kraftlosen, ideenarmen, also schlichtweg schlechten Auftritt seines Teams, das bei dieser WM nie eines war, verantwortlich zeigte, durfte selbst entscheiden, wie es weitergeht. Während den DFB offenbar die Panik umtrieb, plötzlich ganz ohne Trainer dazustehen, war und ist Löw trotz des Scheiterns plötzlich in einer starken Position. Dabei hätte es genau umgekehrt laufen müssen. Erst hätte der Bundestrainer erklären müssen, wie es so weit kommen konnte. Warum er und seine Spieler in bisweilen maßloser Sorglosigkeit und Selbstüberschätzung das Unternehmen Titelverteidigung derart in den Sand gesetzt haben. Er hätte Lösungen anbieten, zumindest einen Plan skizzieren und glaubhaft darlegen müssen, wie die "tiefgreifenden Maßnahmen", die er nach der Rückkehr nach Deutschland angekündigt hatte, konkret aussehen - und wie er eine neue, wieder wettbewerbsfähige Mannschaft zu entwickeln gedenkt. Doch was tat der DFB? Er wartete auf Löws Jawort.

Hat der noch die Kraft und den Elan?

Nun ist es nicht so, dass er zwingend der falsche Mann für diese Aufgabe ist. Aber die Frage stellt sich, ob er als sportlicher Chef dieser zuletzt doch sehr saturierten Mischpoke namens DFB die Kraft aufbringt, sich neu zu erfinden. Er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und bis zum Schluss daran geglaubt, dass die deutsche Mannschaft schon zu alter, weltmeisterlicher Stärke zurückfinde, wenn es bei der WM in Russland erst einmal richtig losgeht. Dass das eine fatale Fehleinschätzung war, hat er eingestanden. Im Nachhinein liegen die Anzeichen offen zu Tage.

So hatte Manager Oliver Bierhoff das ungeliebte Mannschaftsquartier in Watutinki gewählt, damit die Reisen zum Halbfinale und Finale im Moskauer Luschniki nicht allzu weit sind. Und vor dem völlig verpatzten WM-Start gegen Mexiko in eben jenem Stadion hatte der DFB einen Sponsor zu einer Pressekonferenz ins Hotel eingeladen, der ausführlich darlegen durfte, wie wichtig die Auswertung von allerlei Daten am Computer für die Taktikanalyse im modernen Fußball sei, und wie sehr das alles dazu beitragen habe, dass die DFB-Elf 2014 in Brasilien den Titel gewann. Am Ende verteilte der Sponsor dann noch Notizbücher an die Journalisten - inklusive eingestanztem fünften Stern. Zwei Tage später kamen dann die Mexikaner und überrumpelten die Deutschen auf dem Spielfeld.

Nun ist es also an Löw, die deutsche Mannschaft heraus aus dieser Scheinwelt und hinein in eine neue Zeit zu führen, die etwas mehr von Realismus und Demut geprägt ist - und einfach von besserem Fußball. Dass er das kann, hat er bewiesen. In den vergangen zwölf Jahren hatte die DFB-Elf bis zur Bankrotterklärung in Russland unter seiner Anleitung bei Europa- und Weltmeisterschaften stets mindestens das Halbfinale erreicht. Aber nicht nur das: Sie entdeckte und zelebrierte das schöne Spiel, von wegen Rumpelfußball. Das brachte ihr und ihrem einst visionären Trainer Lob und Anerkennung auf der ganzen Welt ein.

Fest steht: Der Bundestrainer hatte bis zu dieser WM sehr viel mehr richtig als falsch gemacht. Die Frage ist nur, wie zukunftsweisend diese Meriten von gestern sind. Die Antwort kann nur Joachim Löw geben. Er muss den Laden umkrempeln ("#zsmmn"), die Luft aus der aufgeblasenen und überhöhten Marketingmumpe ("Best neVer rest") lassen und ein neues Klima schaffen, das auch intern Kritik zulässt. Er muss sich und seinen Arbeitgeber hinterfragen. Das ist viel Arbeit für einen alleine. Aber den DFB hat das ja anscheinend nicht interessiert.

Quelle: n-tv.de

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