Fußball-WM 2018

Erklärung als Ultimatum Was will der DFB von Mesut Özil?

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Der Druck auf Mesut Özil steigt.

(Foto: REUTERS)

Der Deutsche Fußball-Bund spitzt das Thema Mesut Özil zu. Nach der später als Missverständnis deklarierten Kritik durch Manager Oliver Bierhoff, legt nun der Präsident nach und fordert eine Erklärung des Spielmachers. Vermutlich vergebens.

Sie widersprechen sich beim Deutschen Fußball-Bund. Oder ist es nur das nächste Missverständnis? Die neue, vehemente Linie im Umgang mit Nationalspieler Mesut Özil jedenfalls wirft die Frage auf: Was will der DFB von seinem Spielmacher eigentlich? Die Antwort gibt Verbandspräsident Reinhard Grindel in einem Interview mit dem "Kicker". Er fordert eine Erklärung des schweigenden Spielers zu der noch heftig wirkenden Erdoğan-Affäre: "Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem Interesse öffentlich äußern sollte." Grindel hofft sogar, "dass Özils Stellungnahme so eindeutig ist, dass die Fragen der Fans und des Verbandes beantwortet sind". Ein Ultimatum? So kann es verstanden werden.

Und wenn es so verstanden wird, dann ist der Ausgang der Affäre für Özil klar: Der 29-Jährige hat keine Zukunft mehr in Nationalmannschaft. Der angekündigte Neuaufbau des Teams nach dem Desaster bei der Weltmeisterschaft in Russland soll, so scheint es, ohne den Spielmacher stattfinden. Denn dass er der Forderung nachkommt, sich öffentlich zu erklären, hatte Manager Oliver Bierhoff bereits in seinem beachteten und heftig kritisierten Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" ausgeschlossen. Neben seinem später als Missverständnis revidierten "Verzicht"-Satz hatte er gesagt: "Aber man muss eben auch mal festhalten, dass Mesut das, was von ihm erwartet wurde, aus bestimmten und offensichtlichen Gründen so hätte nicht sagen können." Warum? Von möglichem Druck auf seine Familie hatten mehrere Medien berichtet. Spekulation. Mehr nicht. Özil schweigt. Und er wird es weiter tun.

Davon ist auch Harald Stenger überzeugt. Im Fußball-Talk "Doppelpass" sagte er ehemalige Sprecher der Nationalmannschaft: "Mesut ist stur." Seine Haltung werde er nicht ändern. Dass dies in der mittlerweile aufs gesellschaftspolitische Terrain verlegten Foto-Affäre mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fatal ist, ist das Einzige was in der hitzigen Debatte noch einen Konsens findet. Eine Lösung? Sie ist weit entfernt. Auf genau die aber dringt nun der DFB. Und die Vehemenz, mit der der Verband das tut, steht im krassen Gegensatz zur angekündigten tiefgreifenden Fehleranalyse des WM-Aus'. Die wurde bisher im Eiltempo darauf reduziert, dass Bundestrainer Joachim Löw weitermacht. Die Verantwortlichen verkündeten nach eher höflichem denn ehrlichem Nachdenkens, dass der Coach noch die nötige Energie hat. Auch Bierhoff behält seinen Job. Aber haben sie auch die Kraft und den Mut die Özil-Debatte auszuhalten? Offensichtlich nicht.

Den richtigen Moment verpasst

Bierhoffs Geschlinger, Grindels Kurswechsel vom "maßvollen Umgang" hin zum öffentlichen Druck und Löws Abhaken, Schweigen und Zurückziehen in den Urlaub passen nicht zum "klugen Krisenmanagement", das der DFB-Präsident bei aller Einsicht der Versäumnisse nun im "Kicker" fordert. Fehler hat nicht nur der DFB gemacht. Aber der Verband hat die Debatte - wie zugegeben - unterschätzt, sie schlecht moderiert, und die Pfiffe bei den Testspielen gegen Özil und auch Ilkay Gündogan, der immerhin mit ausgewählten Journalisten über die Fotos mit Erdoğan gesprochen hatte, bloß als Enttäuschung kommentiert. Dabei hätte der DFB die Affäre spätestens im Trainingslager in Eppan beenden und sich selbst korrigieren können, als sich der Arsenal-Spielmacher auch am Medientag weigerte zu reden.

Es wäre ein starkes Zeichen gewesen, das dem Populismus und Rassismus die Wucht genommen hätte. Es wäre in gesamten Affäre der beste Moment gewesen, sich von der Last zu befreien, die Sache zu klären und Özil in die Verantwortung zu drängen. Das der Spieler sie womöglich nicht wahrgenommen hätte, es wäre dem Verband nicht anzukreiden gewesen. Der DFB hätte eine angemessene Härte gezeigt. So wäre der Königsweg gewesen. Ihn nun aufzuzeichnen ist leicht, aber nicht fair. Denn selten zuvor hatte sich der Verband der Kraft einer gesellschaftlichen Diskussion mit so viel Sprengkraft auf dem sensibelsten politischen Feld in Deutschland aussetzen müssen. Er versuchte sich an der Balance zwischen Schutz des Spielers, zwischen Sensibilität und weicher Härte. Auf dem Grat gerieten Verband und Mannschaft historisch ins Straucheln. Und sehen anscheinend in der ungeklärten Affäre die Ursache.

Das ist sicher ein Teil der Wahrheit. Aber eben nur ein Teil. Deswegen sollte ja jetzt die Fehleranalyse folgen. Zur ihr gehört auch der Umgang mit Özil, das persönliche Gespräch und nicht das wirre Agieren in der Öffentlichkeit über Interviews mit Zeitungen und Zeitschriften. Mehr Besonnenheit ist gefragt, das hat Grindel im Gespräch mit dem "Kicker" selbst gefordert: "Es heißt jetzt kühlen Kopf bewahren und nicht jedem Druck nachgeben." Leere Worte. Denn genau das tut der DFB gerade.

Quelle: n-tv.de

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