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Mit seinen Worten über Mesut Özil könnte Oliver Bierhoff eine fatale Signalwirkung entfachen.
Mit seinen Worten über Mesut Özil könnte Oliver Bierhoff eine fatale Signalwirkung entfachen.(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)
Freitag, 06. Juli 2018

Was soll das?: Bierhoff stellt Özil an den Pranger

Ein Kommentar von Stefan Giannakoulis, Nischni Nowgorod

Nach dem Aus bei der Fußball-WM spricht Manager Bierhoff über die Gründe. Konkrete Konsequenzen kündigt er nicht an. Dafür knöpft er sich Özil vor. Das ist billig, populistisch - und gefährlich.

Was hat er sich nur dabei gedacht? Oliver Bierhoff hat mit der Tageszeitung "Die Welt" darüber gesprochen, warum die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland bereits in der Vorrunde gescheitert ist - als Tabellenletzter hinter Schweden, Mexiko und Südkorea. Das ist an sich eine gute Idee des Managers, schließlich steht auch neun Tage nach dem Debakel im letzten Gruppenspiel in Kasan die Frage im Raum, wie dem immer noch amtierenden Weltmeister das passieren konnte. Der DFB hat bisher nichts getan - außer darauf zu warten, dass Joachim Löw sein Jawort gibt und Bundestrainer bleibt. Das ist geklärt, nun die Analyse - auch wenn es umgekehrt sinnvoller gewesen wäre. Doch was macht Bierhoff? Er stellt Mesut Özil an den Pranger.

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Es ging um die unseligen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Und darum, dass Özil, anders als İlkay Gündoğan, dazu seitdem nichts gesagt hat, auch bei den Medienterminen vor und während der WM nicht. Die Frage an Bierhoff lautete, warum der DFB das zugelassen hat. Und Bierhoff sagte daraufhin: "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Warum er das gesagt hat, wissen wir nicht. Aber es ist billig, populistisch - und gefährlich.

Wem will er damit das Wort reden? Den Rassisten, die nicht erst jetzt fordern, dass Spieler, deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind, nicht für die Auswahl des DFB spielen sollten? Frei nach dem dumpfbackigen Motto: Mit den beiden Türken ist eh nichts zu holen. Denen, die nicht begreifen, was die Nationalmannschaft seit Jahren auszeichnet? Nämlich ein erfolgreiches Miteinander von Fußballern mit und ohne Migrationshintergrund, das sie 2014 in Brasilien zu Weltmeistern gemacht hatte. Denen, die sich darüber aufregen, wenn einer vor dem Anpfiff die Hymne nicht mitsingt?

Denen, die von der zu laschen Körpersprache eines der besten deutschen Fußballer unserer Zeit faseln? Denen, die ignorieren, dass es elf deutsche Spieler gegen Südkorea verbockt haben? Denen, die übersehen, dass Mesut Özil bei diesem armseligen Auftritt noch einer der Besten war, dass er die meisten gefährlichen Pässe gespielt, die meisten Torchancen vorbereitet und auch bei seinen defensiven Zweikämpfen überdurchschnittliche Werte hatte? Denen, die ihn nach dem 0:2 in der Kasan-Arena beschimpften? Es ist nicht zu glauben.

Immer schön draufhauen, Özil raus

Noch einmal: Das ausführliche Interview mit der "Welt" enthält weit mehr als das genannte Zitat. Aber Bierhoff als Medienprofi muss bewusst gewesen sein, dass selbstverständlich diese Passage auf besondere Aufmerksamkeit stoßen würde. Nun steht der Satz in der Welt und könnte eine fatale Signalwirkung entfalten. Auch wenn Bierhoff gar nicht so lange in Russland war, wie er sich das erhofft hatte, muss er doch mitbekommen haben, aus welcher Richtung der Wind in der Heimat weht. Warum vermischt er die Affäre um Erdoğan mit der sportlichen Leistung? Es gibt nur einen Grund, einen Spieler nicht mit zu einem Turnier zu nehmen - wenn er nicht gut genug Fußball spielt.

Und warum hat sich niemand vom DFB gegen die rassistischen Beschimpfungen gestellt? Warum hat Bierhoff nichts zu dieser Hetzjagd gesagt, die sich von den sozialen Medien bis in die Kommentare der Nachrichtenseiten und Zeitungen erstreckt? Immer schön draufhauen, Özil raus. Dabei haben die Schweden es doch vorgemacht, wie einfach es ist, angemessen zu reagieren. Nach den rassistischen Angriffen auf ihren türkischstämmigen Mitspieler Jimmy Durmaz - er hatte beim 1:2 in Sotschi gegen Deutschland das Foul begangen, das zum Freistoß führte, den Toni Kross ins Tor schoss - haben sie ein Video gedreht. Durmaz las eine Erklärung vor, dann riefen alle in die Kamera: "Fuck racism!"

Ja, Mesut Özil hätte sich wie İlkay Gündoğan zu den Fotos äußern sollen. Das war ein Fehler, vor dem seine Berater und der DFB ihn hätten bewahren müssen. Özil sollte das nachholen. Und dann machen sie es alle gemeinsam wie die Schweden. Das wäre doch mal eine gute Idee. Sich aber im Nachhinein Özil vorzuknöpfen, ist unsäglich. Und es ist lächerlich, wenn Bierhoff nun sagt: "Im Rückblick würde ich versuchen, das Thema noch klarer zu regeln." Noch klarer? Der Manager war es doch, der im Stile einer Verfügung versucht hatte, die Debatte zu beenden.

Bierhoff hat in dem Interview auch noch gesagt, er werde "nicht einzelne Spieler oder Mitarbeiter an den Pranger stellen. Das ist nicht unsere Art mit Menschen, die über Jahre viel für uns geleistet haben, umzugehen". Genau das aber hat er getan. Und das ist schäbig.

Quelle: n-tv.de