Olympia

Biles ist längst eine Revolution Die Grenzenverschieberin

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Simone Biles in ihrem Element.

(Foto: imago images/Michael Weber)

Nicht mal Fliegen ist schöner: Simone Biles turnt, wie andere träumen. Die 24-jährige US-Amerikanerin revolutioniert ihren Sport. Doch längst ist Biles auch eine Stimme der Stärke und Hoffnung für Mädchen und Frauen - und kämpft gegen sexuellen Missbrauch.

Mit ebenso schnellen wie kräftigen Schritten rast Simone Biles auf das Sprungbrett zu. Der Blick absolut fokussiert, der Mund geschlossen. Was dann passiert, ist für den Ottonormalbeobachter schwer zu begreifen. Mit einer Radwende setzt die 24-Jährige im Vollspeed auf dem Sprungbrett auf, segelt im Flickflack - den kompletten Körper perfekt angespannt und durchgestreckt - auf das Podest vor ihr und touchiert dessen Oberfläche, so erscheint es, nur leicht mit ihren Händen. Dank enorm viel Tempo, Kraft und Schwung und einer perfekten Ausführung katapultiert sich Biles meterweit in die Höhe - und für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Nur Fliegen ist schöner? Ach Quatsch: Biles fliegt!

Die nur 142 Zentimeter große Boden- und Geräteturnerin gleitet mit zwei gestreckten Rückwärtsalti durch die Luft. Die Arme eng angelegt rotiert Biles in atemberaubendem Tempo, als wäre sie ein einziger muskulöser Flummi, um nur Sekunden später - für den staunenden Beobachter ist es eine gefühlte Ewigkeit - perfekt auf der Matte zum Stehen zu kommen. Der "New Yorker" schrieb, sie müsse bei ihren Landungen die Kraft zweier ineinander krachender Football-Profis wegstecken. Was tut diese Frau? Wie perfekt kann jemand Ästhetik, Kraft und Geschwindigkeit in Einklang bringen?

Ihr Doppel-Salto-Sprung mit der höchsten Schwierigkeitsstufe heißt "Yurchenko double pike" und gilt als äußerst gefährlich. Biles, die einzige, die den Sprung jemals in einem Wettkampf hinlegte, turnt ihn mal eben im Training in Tokio. Auch um der Welt zu zeigen: Nach langer Wettkampfpause bin ich wieder in Topform, bin ich wieder da! Die 24-Jährige ist das Aushängeschild des US-Turnteams. Und mittlerweile eine der bekanntesten Athletinnen des Landes - und eine der besten der Welt. Alles andere als mehrere Goldmedaillen wären nach vier ersten Rängen bei den Spielen in Rio 2016 eine Überraschung. Es könnten sogar sechs werden. Heute beginnt ihre Mission mit der Mannschafts-Qualifikation im Mehrkampf.

Ein Leben in der Turnhalle

Seit ihrem Durchbruch als 16-Jährige lässt die US-Amerikanerin regelmäßig Kinnladen herunterklappen, wird zur erfolgreichsten Turnerin des Landes bisher. Und zwar in allen Disziplinen, denn die Topathletin kann alles. Was sie auf die Matte und an die Geräte bringt, ist das Ergebnis härtester und fokussierter Arbeit. Es wird Biles nachgesagt, dass sie quasi in der Turnhalle lebe. In ihrer eigenen mittlerweile, wohlgemerkt. Längst hat sie auch vier eigens nach ihr benannte Sprung- und Turnelemente.

Spätestens seit Rio 2016 revolutioniert die Olympionikin ihre Sportart mit ihrer Power und ihren Rekorden. Denn Biles verschiebt Grenzen. Sie definiert neu, was im Turnen möglich ist und macht Dinge, von denen selbst Kolleginnen oft nur träumen können. Sie ist die Ausnahmekönnerin unter lauter Ausnahmekönnerinnen. Eine wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, eine, die jede Sportart nur ganz selten mal hervorbringt und die eine Ära prägt. Ein "generational talent", wie man in den Vereinigten Staaten sagt. Ihre Siege und Trophäen sind kaum noch zählbar, "$imoney" wird sie dank ihrer vielen Preisgelder getauft. Gleich fünf Goldmedaillen gewinnt sie bei den Weltmeisterschaften 2019. Für ihre Konkurrentinnen geht es meist nur um Platz zwei.

Neben all ihren Erfolgen durchlebt Biles auch schwierige Episoden. Sie hat eine Geschichte, wie sie die Amis lieben. Die Mutter verfällt Drogen und Alkohol, bekommt die Erziehung von Simone und ihrer Schwester nicht gestemmt. Die Turnerin wächst in Pflegeheimen auf - bis ihr Großvater sie im Alter von sechs Jahren adoptiert. In einer Sporthalle wird sie von einem Trainer entdeckt, als die damals erst sechsjährige Biles Turnerinnen imitiert. Dann wird sie gefördert und wächst zu der Weltklasseturnerin heran, die sie heute ist.

"Es ist nur krank"

Aber auch Biles' sportliche Anfänge verlaufen dramatisch und sind geprägt von schlimmen Schicksalsschlägen. Im Januar 2018 macht sie öffentlich, dass sie als Teenager von Teamarzt Larry Nassar sexuell missbraucht wurde. Mehr als 350 andere Athletinnen sagen ebenfalls aus, Nassar wird zu 175 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch Biles greift auch ihren Turnverband "USA Gymnastics" für eine Mittäterrolle an - und lässt nicht locker. Sie will, dass auch Hintermänner zur Rechenschaft gezogen werden. Der größte Star des Turnverbandes wird auch seine größte Kritikerin.

Ihre Leistung wird zum Widerstand gegen den Verband: "Oh, es ist noch lange nicht vorbei", sagt Biles im Februar dem TV-Sender CBS. "Wer wusste was wann?", fragt sie und sucht nach Antworten auf viele ungeklärte Fragen. Ihr Turnverband habe zu wenig für die Aufklärung der hunderten Missbrauchsfälle getan, klagt sie an. Sie habe das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein: "Wir bringen ihnen Medaillen. Wir leisten unseren Beitrag. Sie können ihren verdammten Teil nicht dafür tun? Ihr hattet buchstäblich einen Job und konntet uns nicht beschützen. Es ist nur krank." Ein Teil von ihr tritt in Tokio auch an, damit sie weiter im Rampenlicht steht und dafür sorgen kann, dass der gesamte Missbrauchsskandal nicht unter den Teppich gekehrt wird.

Als Biles Geburtstag hat, wünscht "USA Gymnastics" ihr auf Twitter alles Gute. "Wir wissen, dass du uns nur weiterhin in Erstaunen versetzen und Geschichte schreiben wirst", schreibt der Verband. Die Turnerin antwortet prompt: "Wie wäre es, wenn ihr mich überrascht und das Richtige tut und eine unabhängige Untersuchung durchführen lasst." Biles, die offen über ihre Psychotherapie spricht, ist mittlerweile ein Profi darin geworden, ihre Liebe zum Turnen vom Missbrauch und ihrer Wut auf diejenigen zu trennen, die ihn nicht aufhielten.

Personifiziertes "female Empowerment"

Weil sie offen, lautstark und konsequent Missstände anspricht, wird Biles ein Vorbild für viele. Gerade für junge Schwarze, insbesondere Frauen. Denn auch abseits der Turnhalle ist Biles eine Revolution. Die personifizierte "female Empowerment", also die weibliche Ermächtigung. Ihren Sponsor Nike setzt sie im April vor die Tür und schließt sich Athleta an, ein Teil des größten US-amerikanische Bekleidungseinzelhändler Gap, weil dieser frauenorientierte Ausrüster mehr zu ihrer Vision und Werte passe. "Sie helfen mir, meine Stimme zu nutzen und auch eine Stimme für Frauen und Kinder zu sein", sagt Biles. Sie würde nun auch als Individuum außerhalb der Turnhalle, das etwas in der Welt verändern wolle, unterstützt.

Unüberhörbar kämpft Biles für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung von und Rassismus gegenüber People of Color. In einer Gesellschaft, die sich immer noch weigert, den vollen Wert Schwarzer Frauen anzuerkennen, ist sie stark und selbstbewusst und hat keine Scheu, sich für sich selbst einzusetzen. Der Erfolg und die Haltung der Olympiasiegerin erhöhen das Interesse am Turnen in schwarzen Gemeinden in den USA nachweislich.

Biles möchte Mut und Selbstbewusstsein in Mädchen und jungen Frauen in einer immer noch männerdominierten Gesellschaft und Sportwelt etablieren. "Es ist wichtig, unserer weiblichen Jugend beizubringen, dass es in Ordnung ist, zu sagen 'Ja, das kann ich gut' und du hältst dich nicht zurück", sagt sie 2019. Kein Mädchen, keine Frau, - so ihr Motto - soll sich kleiner machen müssen und ihre eigene Stimme Senken müssen. Aber auch über schlechte Tage und Phasen des Selbstzweifels spricht die Ausnahmesportlerin offen.

Biles' Vermächtnis lebt

Die Anzahl ihrer Goldmedaillen wird irgendwann vergessen werden. Es sind schlichtweg zu viele. Aber die Botschaft und Haltung von Simone Biles werden für immer wirken. So beeindruckend ihre beständige Dominanz auch ist, was die Turnerin für die schwarze Kultur, für Frauen und insbesondere für Schwarze Frauen bedeutet, ist größer als ihr Sturm in die Rekordbücher.

In US-amerikanischer Tradition von Bürgerrechtler-Sportlern (Muhammad Ali, Bill Russell, Kareem, Billie Jean King oder Serena Williams sind hier zu erwähnen) brennt sich Biles in das kollektive Bewusstsein durch weit mehr als das, was sie als Turnerin geleistet hat. Sie ist zu einer Stimme für diejenigen im Sport und in der US-Gesellschaft geworden, die keine haben. Ein Vorbild, das Mädchen und jungen Frauen Mut macht, zu sich zu stehen, lautstark voranzugehen und stolze Frauen und/oder Frauen of Color zu sein.

Ihr Vermächtnis lebt bereits und entfaltet sich stetig weiter. Schon bevor sie ihren ersten Fuß auf eine Turnmatte in Tokio setzt und wohl zum größten Star der Olympischen Spiele wird, hat Simone Biles damit gewonnen. Ab jetzt wird nur noch geflogen.

Quelle: ntv.de

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