Wirtschaft

Fliegen nach langer Corona-Pause Eingerostete Piloten berichten von Fehlern

imago0114253314h.jpg

Geparkt statt in der Luft: Lufthansa-Jets am Flughafen BER in Berlin.

(Foto: imago images/CHROMORANGE)

Während des Corona-Lockdowns waren nur wenige Flugzeuge in der Luft. Urlaubsreisen und Geschäftstrips gab es kaum, Tausende Piloten verbrachten viele Monate am Boden. Nun dürfen sie wieder ins Cockpit. Wie sicher ist das Fliegen nach der Zwangspause?

Leila Belaasri hat einen der schönsten Arbeitsplätze weltweit. Das sagt die Pilotin einer großen deutschen Airline selbst über ihre Arbeit hoch über den Wolken. Während des Corona-Lockdowns durfte sie sechs Monate lang nicht abheben. Manche Flieger-Kollegen von ihr saßen sogar ein ganzes Jahr lang nicht im Cockpit. Eine lange Zwangspause, die nicht spurlos an den Pilotinnen und Piloten vorübergegangen ist. Dutzende Flugzeugführer haben der US-Luftfahrtbehörde FAA anonym berichtet, dass sie durch die lange Zeit zu Hause "eingerostet" sind und deshalb in der Luft Fehler gemacht haben, ist bei einer Analyse der Versicherung Allianz Global Corporate & Specialty herausgekommen. Sie haben zum Beispiel vergessen, beim Starten die Bremsen zu lösen, sind auf der falschen Rollbahn gelandet oder haben es verschwitzt, den Enteisungsmechanismus anzuschalten. Passiert ist zum Glück nichts.

Solche Fälle sind Leila Belaasri, Sprecherin der Vereinigung Cockpit, zwar für Deutschland nicht bekannt. Aber sie sagt im Podcast "Wieder was gelernt" auch, dass Fehler im Fliegeralltag dazugehören. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass den Kollegen da draußen Fehler passieren, und zwar täglich. Die Frage ist, wie wird das thematisiert und wie ist die Reaktionszeit der Kollegen", berichtet die Pilotin. Der perfekte Flug sei nicht das Ziel. "Die Frage ist, wann wird der Fehler erkannt und wie wird damit umgegangen. Darauf werden wir trainiert. Das Wort Fehler ist in unserer Welt nicht negativ behaftet. Der Fehler führt nicht unmittelbar zu einem Vorfall."

Die fliegerischen Fertigkeiten könne man relativ schnell wieder aktivieren, erzählt Leila Belaasri. "Wir als Piloten haben uns ja auch dafür entschieden, dass wir mit unserem Job Prüfungen lebenslänglich buchen. Und aufgrund der regelmäßigen Überprüfungen und Simulatortrainings, die wir absolvieren, haben wir alle eine gute, eine gefestigte Grundlage an fliegerischen Skills."

Airlines haben unterschiedlich viele Trainings angeboten

Während der Pandemie und des Lockdowns im Winter und Frühling waren Urlaubsreisen wegen der Reisewarnungen für etliche Länder praktisch nicht möglich. 2020 gab es weltweit 73 Prozent weniger Touristen als noch im Jahr davor. Es wurden weniger Flüge angeboten, der Luftverkehr ist um zwei Drittel eingebrochen. Erst seit Juni heben allmählich wieder mehr Passagierflugzeuge ab. Ganz erholt hat sich die Branche bis heute nicht. Die Piloten wurden zurückgeholt, teils aus der Kurzarbeit. "Ein unvergesslicher Moment, wieder dort zu sein, wo man hingehört. Nicht an den Schreibtisch, sondern ins Cockpit", sagt Leila Belaasri.

Dass die Piloten und Pilotinnen nach dem monatelangen Zwangsurlaub all die Technik in den Passagierjets problemlos bedienen konnten, hat nur mit regelmäßigen Trainings geklappt. Leila Belaasri berichtet von unterschiedlichen Techniken, beispielsweise habe sie mithilfe von Chair Flying zu Hause Abläufe wiederholt. "Das heißt nichts anderes, als sich eine bequeme Sitzposition auszusuchen, vor dem Schreibtisch, auf dem Sofa, optimal mit geschlossenen Augen, sich das Cockpitumfeld vorzustellen und dann Verfahren durchzugehen. Je mehr Flugerfahrung man hat, desto schwierigere Verfahren geht man gedanklich durch." Zudem hätten sie und ihre Kollegen und Kolleginnen mit Lernsoftware und Handbüchern trainiert.

Die Airlines haben ihre Pilotinnen und Piloten auch in Flugsimulatoren geschickt. Das sind Maschinen, die von innen aussehen wie echte Cockpits. Dort kann der komplette Flugbetrieb durchgespielt werden, auch brenzlige Situationen wie ein Triebwerksausfall. Die Lufthansa zum Beispiel bietet ihren Flugzeugführern pro Jahr mindestens fünf bis sechs Simulatortrainings an. Einige Airlines haben während des Lockdowns nur das Minimum angeboten - andere immerhin bis zu vier Trainingseinheiten, berichtet Leila Belaasri. "Eine gültige Fluglizenz impliziert mindestens einen lizenzerhaltenden Checkflug im Simulator einmal pro Jahr. Und alles darüber hinaus, also Trainingsflüge, liegen im Ermessen der Trainingsabteilung der Fluggesellschaften und die haben das unterschiedlich gehandhabt. De facto hat jede Fluggesellschaft Interesse daran, dass die Piloten entsprechende Lizenzcheckflüge bestehen."

Die Trainings in Flugsimulatoren seien für die Airlines nicht günstig, berichtet Leila Belaasri im Podcast. Und die Trainer, die meist aktive Piloten sind, müssten auch bezahlt werden. Kosten, die die Airlines möglicherweise nur schwer stemmen können, wenn sie wegen der Corona-Krise finanzielle Probleme haben. Normalerweise müssten die Piloten und Pilotinnen innerhalb von 90 Tagen drei Starts und Landungen in einem echten Jet absolvieren, sagt Belaasri. Während des Lockdowns durften die in einen Flugsimulator verlagert werden.

Teamwork macht Fliegen sicherer

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Neben den technischen Trainings wird auch das Teamwork im Flugzeug regelmäßig durchgespielt. Bei sogenannten Crew-Resource-Management-Trainings übt die Besatzung, wie sie besser kommuniziert und kooperiert - und wie sie in Ausnahmesituationen effektiv und besonnen reagiert. Dieses System soll helfen, Flugunfälle zu verhindern. In den 1970er-Jahren hatte die US-Luftfahrtbehörde NASA herausgefunden, dass 60 bis 80 Prozent der Flugunfälle durch menschliches Versagen verursacht wurden - und zwar nicht durch Fehler beim Bedienen der Technik im Cockpit, sondern durch mangelhafte Zusammenarbeit der Crew. Deshalb hat sie 1979 das Crew Resource Management eingeführt.

Dieses Arbeitsmodell der Luftfahrt wird mittlerweile auch in anderen Branchen genutzt, unter anderem in der Medizin. Das System hat sich bewährt. Und das Fliegen sicherer gemacht. Die Zahl der Flugunfälle sinkt. Das Flugzeug ist das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel. Die Unfallrate in der Luftfahrt ist im Vergleich zum Autofahren gering. Und das wird sich auch jetzt, nach Monaten des Fast-Stillstands in der Luftfahrt, nicht ändern, beruhigt Leila Belaasri. Die Piloten seien kein Risiko für die Passagiere. "Zum Glück gibt es das Luftfahrtbundesamt in Deutschland. Zum Glück gibt es die EASA [Anm. d. Red.: European Union Aviation Safety Agency], eine Behörde, die alle Prozesse überwacht. Alle Fluggäste können beruhigt sein. Es ist unmöglich für uns, völlig ohne Training, ohne Lizenz fliegen zu gehen. Geht einfach nicht."

Mehr zum Thema

Die häufigen Trainings nehmen Pilotinnen und Piloten gern in Kauf, um weiterhin im Cockpit sitzen zu dürfen. Doch der Traumberuf ist gefährdet. Die Corona-Pandemie hat dem globalen Luftverkehr wirtschaftlich extrem geschadet. Allein in Europa dürften von 65.000 Pilotenjobs 18.000 dauerhaft wegfallen, schätzt die europäische Pilotenvereinigung EPA. Für viele heißt das, sie müssen sich einen ganz neuen Job suchen. Einige ehemalige Piloten haben sich mittlerweile schon zu Lokführern umschulen lassen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.