Wirtschaft

Experte fordert mehr Preisdruck "Verbraucher sparen Gas, aber es reicht noch nicht aus"

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Kleiner Dreh, große Wirkung: Laut Verbraucherschützern gehen etwa 20 Prozent unseres Energieverbrauches für Warmwasser drauf.

(Foto: PantherMedia / Sascha Preußner)

Kalt duschen, Heizung runterdrehen und weniger produzieren: Den Gasverbrauch drastisch zu senken, ist zu einem Schlüsselfaktor für eine sichere Energieversorgung geworden. Forscher der Hertie School plädieren deshalb dafür, den Preisdruck auf die Verbraucher zu erhöhen. Je höher der Preis für alle, desto höher auch der Sparanreiz für alle, sagt Energieökonom Oliver Ruhnau von der Hertie School. Umverteilung ist notwendig, aber nicht über den Preis: "Das würde den Anreiz zu sparen kaputtmachen."

ntv.de: Angesichts der Gasknappheit ruft die Politik eindringlich dazu auf, Gas zu sparen. Wie reagieren die deutschen Haushalte und Firmen auf die Preisexplosion am Gasmarkt und solche Appelle?

Oliver Ruhnau: Die deutschen Firmen haben ihre Nachfrage tatsächlich sehr schnell angepasst, wie wir in einer Studie herausgefunden haben. Sie haben bereits im vergangenen September, als die Großhandelspreise gerade anfingen zu steigen, angefangen ihren Verbrauch signifikant zurückzufahren. Die Privathaushalte haben dagegen erst ab März, April, also mit der Invasion Russlands in der Ukraine, begonnen, ihren Verbrauch zu drosseln.

Und wer hat eiserner gespart - die privaten oder gewerblichen Verbraucher?

Die Industrie hat ihren Verbrauch seit September schätzungsweise um elf Prozent seit Beginn der Krise reduziert. Die Haushalte seit März um ungefähr sechs Prozent.

Hat das nicht mit dem Wetter zu tun?

Nein, das Wetter wurde bei unseren Berechnungen herausgerechnet.

Können Sie auf Grundlage Ihrer Studienergebnisse quantifizieren, wie viel mehr noch möglich ist?

Das ist sehr schwierig zu sagen, weil alle Angaben auf Umfragen basieren, bei denen wir nicht wissen, wie repräsentativ diese sind. Angesichts der noch mal gestiegenen Preise kann man jedoch erwarten, dass der Verbrauch weiter reduziert wird. Vor allem, weil von den Preiserhöhungen am Gasmarkt bei den Privathaushalten noch nicht viel angekommen ist. Die Einsparungen, die wir hier sehen, sind bislang eher politisch oder ethisch, aber nicht finanziell motiviert - sind also eher aus Empathie mit der Ukraine vorgenommen worden. Wenn die Preiserhöhungen ankommen, dürfte die Nachfrage wohl noch mal sinken. Ob jetzt im Sommer, wo nicht geheizt wird, so viel eingespart werden kann, ist allerdings die große Frage.

Der Energieverbrauch gilt als wenig preiselastisch, heißt: Preisveränderungen machen sich angeblich nicht im gleichen Maße bei der Nachfrage bemerkbar. Ihre Ergebnisse widerlegen das. Welche Schlüsse muss man daraus ziehen?

In der Tat widerspricht es der konventionellen Annahme, dass der Energieverbrauch sehr unelastisch ist. Aber wir haben auch eine sehr außergewöhnliche Situation. Die Preise sind um ein Sieben- oder Zehnfaches gestiegen. So etwas haben wir noch nicht gesehen. Eine Reduktion des Verbrauchs um zehn Prozent ist im Vergleich dazu aber immer noch unterproportional und nicht übermäßig elastisch. Dennoch ist es richtig: Da wir diese Reaktion der Verbraucher beobachten können, wären Subventionen zu diesem Zeitpunkt das falsche Mittel. Sie würde den Anreiz zu sparen kaputtmachen oder stören. Preisdruck hilft in der Gaskrise.

Wie es aussieht, stecken wir gerade wieder in einer Bail-Out-Situation. Dem größten deutschen Gaskonzern Uniper droht bereits die Pleite. Die Bundesregierung hat deshalb beschlossen, staatliche Hilfen für angeschlagene Energieunternehmen wie Uniper zu erleichtern. Ist das nicht kontraproduktiv, weil es den Spardruck mindert?

Uniper hat Gas in Russland bei Gazprom zu einem günstigen Preis eingekauft, das jetzt nicht geliefert wird. Dieses Gas muss am Markt teuer nachbeschafft werden, und das bricht dem Konzern das Genick. Einen so großen Konzern fallen zu lassen, kann für die ganze Energiewirtschaft ähnlich wie in der Finanzkrise gefährliche Domino-Effekte haben. Nicht nur Verbraucher, sondern auch andere Versorger sind Kunden von Uniper. Wenn Uniper pleitegeht, herrscht Chaos. Davon haben die Verbraucher gar nichts. Wenn Tausende Uniper-Kunden zu anderen Anbietern wechseln, macht das die Lage auch nicht besser. Denn die können die Gasversorgung ebenso wenig sichern. Das Problem ist und bleibt die Gasknappheit.

Die Bundesregierung hat auch die Änderung des Energiesicherheitsgesetzes beschlossen. Geplant ist ein Umlageverfahren der Preiserhöhungen auf die Schultern aller Kunden. Hilft das?

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Oliver Ruhnau, Energieökonom an der Hertie School und Co-Autor der Studie "Gas demand in times of crisis. The response of German households and industry to the 2021/22 energy crisis".

Die Idee dahinter ist, dass nicht nur ein einzelner Konzern, der in Schieflage geraten ist, wie Uniper, höhere Preise nur an seine eigenen Kunden weiterreichen kann, sondern dass die hohen Kosten der Neubeschaffung auf möglichst viele Verbraucher verteilt werden. Die Idee ist, dass der Sparanreiz nicht vom Energiekonzern abhängig sein soll, bei dem ein Kunde ist. Alle Verbraucher - möglichst neue Kunden und Bestandskunden - bekommen damit den gleichen Anreiz, Energie zu sparen.

Familien mit geringem Einkommen, Ruheständler mit niedrigen Renten oder Bezieher von Hartz IV könnten sich durch das Gießkannenprinzip verschlechtern. Vielleicht haben sie Verträge mit besser aufgestellten Energieanbietern. Die werden einem solchen Umlageverfahren nichts abgewinnen können.

Welchen Konzern und welche Kunden es trifft oder nicht, ist Glück oder Pech. Davon sollten die Maßnahmen, die getroffen werden, jetzt unabhängig sein. Uniper beispielsweise hat gut gehedgt, aber Pech gehabt. Wichtig ist: Der Anreiz zu sparen und die Entlastung bestimmter Verbraucher müssen gedanklich getrennt werden. Die Umlage schafft im Idealfall für alle gleichermaßen einen wichtigen Anreiz, zu sparen. Um das Ganze sozial gerecht zu gestalten, muss es selbstverständlich gleichzeitig einen Bonus, eine Kopf-Ausschüttung, je nach Bedarf, je nach sozialer Lage geben. Das ist eine Aufgabe für die Sozialpolitiker. Menschen in einer Notlage müssen unterstützt werden, allerdings ohne ihnen dadurch einen Anreiz zu geben, mehr Energie zu verbrauchen als andere. Wir stehen vor einer immensen Herausforderung. Wir dürfen nicht vergessen: Alle bisherigen Einsparungen, alle Maßnahmen, das Flüssiggas LNG eingerechnet, reichen immer noch nicht aus, um über den Winter zu kommen für den Fall, dass Russland die Gasversorgung komplett einstellt. Auf je mehr Schultern sich das Einsparen von Gas verteilt, desto realistischer ist es, dass wir diese Aufgabe meistern. Verbraucher sparen Gas, aber es reicht eben noch nicht aus.

Die Regierung hat wegen des Gasengpasses auch noch eine weitere Maßnahme ins Auge gefasst: Sie will der Industrie einen Sparanreiz durch umgekehrte "Gas-Auktionen" geben. Ist das eine sinnvolle oder nötige Maßnahme?

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Hier geht es um die Versteigerung von Gasverbrauchsminderungen. Unternehmen werden dafür bezahlt, dass sie ihren Verbrauch drosseln. Ob diese umgekehrten Gas-Auktionen neben dem starken Preissignal, das ja bereits wirkt, wirklich nötig sind, ist tatsächlich fraglich. Wenn das Preissignal weiterhin Wirkung entfalten darf, beziehungsweise die Politik darüber nachdenkt, wie man diese Wirkung weiter verstärken kann, dann sind diese umgekehrten Gas-Auktionen überflüssig. Mit den Auktionen würde man nur einen weiteren Verteilungsmechanismus aufmachen. Man zahlt Geld an die Industrie, statt nach Bedürftigkeit zu schauen. Sie werfen zudem die Frage auf: Reduktion wozu oder zu welchem Zeitpunkt? Wir haben den Gasverbrauch bereits reduziert. Soll jetzt eine weitere zusätzliche Reduktion verauktioniert werden oder die Reduktion im Vergleich zum Stand vor der Krise? Das würde ja bedeuten, die Industrie bekäme Geld für die bereits erfolgten elf Prozent Einsparungen. Ich sehe da viele Fragezeichen.

Mit Oliver Ruhnau sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de

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