Wirtschaft

Urlaubsfrust statt Reiselust Flug-Chaos normalisiert sich erst nächstes Jahr

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Viele Urlauber kommen schon mehrere Stunden vor dem geplanten Abflug, um rechtzeitig am Gate zu sein.

(Foto: picture alliance / AA)

Die Personalnot bei den Fluggesellschaften und Flughäfen wird durch hohe Corona-Infektionszahlen verschärft. Gestrichene Flüge sorgen für Frust. Abhilfe schaffen sollen Dienstleister aus dem Ausland. Doch bevor die ersten Arbeitskräfte an deutschen Flughäfen mit anpacken, vergehen noch Wochen.

Gestrichene Flüge, stundenlange Wartezeiten, liegengebliebene Koffer: Der Start in die Sommerferien wird für viele Urlauber an den deutschen Flughäfen zur Belastungsprobe. An den Airports herrscht Personalnot unter anderem bei der Abfertigung und den Sicherheitskontrollen: Viele Angestellte, die der Branche noch nicht den Rücken gekehrt haben, fallen jetzt coronabedingt aus.

Abhilfe schaffen sollen Leiharbeiter aus der Türkei und einigen Balkanstaaten. Laut Luftfahrtexperte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne werden diese allerdings nur zu einer geringen Milderung des aktuellen Flug-Chaos führen - und das auch erst frühestens im August. "Das Flug-Chaos wird noch den gesamten Sommerflugplan andauern. Also bis Ende Oktober", sagt Wissel ntv.de. Spätestens zum Sommer nächsten Jahres sollen diese Probleme vollständig behoben sein.

Auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat die Passagiere bereits auf weitere Schwierigkeiten im Luftverkehr eingestimmt. Nach dem Hochfahren des Luftverkehrs nach der Corona-Pandemie von fast Null auf knapp 90 Prozent könne die Branche nicht die gewohnte Verlässlichkeit, Robustheit und Pünktlichkeit liefern, schrieb Spohr in einem offenen Brief des Konzernvorstands an die Kunden. "Wir können uns dafür bei Ihnen nur entschuldigen und wollen dabei auch ganz ehrlich sein: In den nächsten Wochen, mit weiter steigenden Passagierzahlen, ob Urlaub oder Geschäftsreisen, wird sich die Situation kurzfristig kaum verbessern." Es fehlten nicht nur bei der Lufthansa, sondern in der gesamten Branche noch zu viele Mitarbeiter. Zwar plane die Branche allein in Europa mehrere tausend Neueinstellungen. "Dieser Kapazitätsaufbau wird sich allerdings erst im kommenden Winter stabilisierend auswirken können." Im Sommer 2023 dürfte die Situation in der globalen Luftfahrt dann deutlich verlässlicher sein, erklärte die Konzernspitze.

"Bei der Müllabfuhr verdient man deutlich mehr"

Die Fluggesellschaft hatte zuletzt angekündigt, weitere 2200 Flüge in der Hauptferienzeit an den Drehkreuzen in Frankfurt am Main und in München zu streichen - zusätzlich zu den bereits Anfang Juni angekündigten 900 Verbindungen an Freitagen und Wochenenden im Juli.

Dabei gibt es nach zwei Jahren Pandemie einen regelrechten Ansturm auf Flüge. Doch anstatt, dass die Branche wieder durchstartet, wurde der Nachholbedarf laut Luftfahrtexperte Wissel unterschätzt. Flughäfen und Airlines hätten schon viel früher damit beginnen müssen, Crews, die bislang in Kurzarbeit waren, wieder zu schulen. Dazu sind Piloten und Kabinencrew nach einer längeren Auszeit verpflichtet. "Auch die Flughäfen selbst hätten nach der großen Welle an Entlassungen wieder früher Personal einstellen müssen", sagt Wissel. Es seien nämlich nicht nur etliche Menschen mit Beginn der Corona-Pandemie in Kurzarbeit gegangen, sondern viele hätten ihren Job komplett verloren.

Auch wenn das Personal aus dem Ausland das Flug-Chaos etwas abmildern kann, eine dauerhafte Lösung kann es laut Wissel nicht sein, die Personallücke mit Tausenden Arbeitern aus Südosteuropa aufzustocken. Vielmehr müssten die Arbeitsbedingungen hierzulande attraktiver werden. "Bei der Müllabfuhr verdient man deutlich mehr als etwa die sogenannten Loader auf dem Vorfeld, die das Gepäck verladen. Das ist ein Problem", sagt Wissel. Der Luftfahrtexperte hofft auf die Einsicht aller Beteiligten, dass sicheres und zuverlässiges Fliegen seinen Preis hat und dass an der Kostenschraube in diesen sensiblen Bereichen nicht weiter gedreht werden kann.

Derzeit fehlen der Flugverkehrswirtschaft in allen Bereichen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Flughafenbetriebsräte schätzen den Gesamtbedarf bundesweit auf 5500 Kräfte und einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge fehlen derzeit an deutschen Flughäfen sogar rund 7200 Fachkräfte.

Endgültige Entscheidung steht noch aus

Zur Bewältigung des Abfertigungschaos wollen die deutschen Flughäfen und ihre Bodendienstleister die ausländischen Aushilfen befristet für bis zu drei Monate anstellen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel. Die Bundesregierung hatte am Wochenende ihre Zustimmung zu dem Branchenplan signalisiert. Eine endgültige Entscheidung in Abstimmung der Ministerien für Arbeit, Inneres und Verkehr steht aber noch aus. Insbesondere geht es um den Verzicht auf die sogenannte Vorrangprüfung, ob für die Jobs nicht auch inländische Arbeitnehmer zu Verfügung stünden.

Bevor die ersten im Ausland angeworbenen Arbeitskräfte an deutschen Flughäfen mit anpacken, dürften allerdings noch einige Wochen vergehen. Für die besonders an den größeren Flughäfen überlasteten Ladedienste hat schon ein Personaldienstleister aus Istanbul bis zu 2000 Kräfte angeboten, heißt es in Branchenkreisen. Sie hätten Flughafen-Vorerfahrung und verfügten über die entsprechenden Unterlagen für schnelle Zuverlässigkeitsüberprüfungen. Das Bundesinnenministerium rechnet damit, dass sie noch während der Sommerferienzeit eingesetzt werden können.

Die kurzfristig angeworbenen Arbeitskräfte könnten zum Beispiel bei der Gepäckabfertigung eingesetzt werden, sagte der Sprecher des Ministeriums, Maximilian Kall. "Bei den Sicherheitskontrollen kommt das wegen der dort nötigen Ausbildung und den dort geltenden Sicherheitsstandards nicht in Betracht", fügte er hinzu. Auch wer in der Gepäckabfertigung arbeite, müsse eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen, betonte der Sprecher. Diese Überprüfung durch die jeweiligen Landesbehörden nehme etwa zwei Wochen in Anspruch.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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